Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 3 (1853)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1853)
- Date
- 1853-07-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Die Wimpel. So jammerte sie und härmte sich ab, und kaum ward's auf einen Augenblick Licht in ihr, indem ein Strahl der Gottergebung durch die finsteren Wolken ihres namenlosen Schmerzes drang. — Die ausgesandten Boten hatten weder in der Synagoge, noch sonst wo eine Spur des Knaben aufgefunden. Daß man ihn zuletzt auf den Armen des gefallenen Vorsängers gesehen, verschwieg man ihr aus Schonung. — Draußen aber wogte bis in den tiefen Abend hinein die Menge Straße auf, Straße ab. Später ward es stille; es war Mitternacht. Einsame Schritte nahten sich jetzt dem Hause, und ehe die eiserne Thürklinke in Bewegung gesetzt war, hatte Recha schon am Gang ihren Mann erkannt. Rasch erhob sie sich vom Bette, das Haus zu öffnen. Verstörten Blicks, ohne freundlichen Gruß trat Falk ein. Weiß er schon von dem harten Schlag, der uns betroffen? so fragte das forschende Auge der Gattin, die sich abmühte, die Spuren eignen Jammers aus dem Gesichte zu bannen. Ach, das ihm auf seinem Geschäftsgange zugestoßene Unglück hatte seine Seele so ganz darnieder gebeugt, daß er alles Andere um sich nicht bemerkte. Nahe daran war er gewesen, seine Lieferung richtig abzugeben. Ein österreich'scher Offizier, der die kostbaren Rinder in Empfang nehmen sollte, hatte sich bis auf eine Biertelstunde genähert. Falk war vom Pferde gestiegen, um seine Lieferung persönlich zu übergeben. Da plötzlich brach der Feind herein und Falk entging nur mit großer Mühe der Gefangenschaft. Der Transport fiel in Feindes Hand. Den größten Theil seines Vermögens hatte er aufs Spiel gesetzt und verloren. Dieß erzählte er in Einer Hast seiner Frau, und vermochte sich nicht zu fassen. „Alles verloren — Alles verloren!" — schrie er. „Die Früchte so vieler Anstrengung, so vieler Sorgen — in Einer Minute — Alles — dahin!" — Sein Weib tröstete ihn, so gut es ging, wie es bei ihrem eigenen Gemüthszustande möglich war. Seinen tiefen Seelenschmerz noch zu steigern, ihm zu sagen, daß er auch sein Kind, das er zu Bette wähnte, verloren, durch ihre Schuld verloren habe, — das vermochte sie nimmermehr. Allein trug sie die Schwere des doppelten Jammers. „Es ist immer noch zu bald, wenn er's morgen erfährt," sprach sie zu sich, und setzte ihm zu essen vor. Und als er am Morgen es erfuhr, — das Maas seines Jammers kannte keine Gränzen. Vergebens waren alle wiederholten örtlichen und weite-