Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 3 (1853)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1853)
- Date
- 1853-06-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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«46 Die Wimpel. Übung beeinträchtige und nur dem Eigennutze Vorschub leiste. „O laß mich mit, lieber Bater, laß mich mit! — nur noch ein Bischen aufs Pferd!" schrie jetzt der Junge und wollte nach. Aber die Mutter hielt ihn zurück, und ehe er sich ihren Armen entwinden konnte, war der Vater davon gesprengt, aus der Ferne wiederholt ein Lebewohl zurückwinkend. Tobias weinte bitterlich. „Der Vater hat mich nicht mitgenommen," schrie er schmollend und sah voll Sehnsucht der Sraße entlang, bis der Reiter seinem Gesichtskreise entschwunden war. Recha aber weilte noch vor der Thüre. Ihre Lippen bewegten sich, und ihr Auge erhob sich voll Inbrunst gen Himmel, als sie sprach: „Gott segne dich und behüte dich! Gott lasse sein Angesicht dir leuchten und gebe dir Frieden! Amen und Amen!" — Im Judenthum ist die Mutter Priesterin des HauseS. Sie ertheilt den Segen ihrem Manne, wenn er auf Reisen geht, und ihren Kindern an Fest- und Feiertagen. — Noch einmal warf sie einen Blick nach jener Gegend, wo der Gegenstand ihrcr zärtlichsten Besorgniß verschwunden war, einen zweiten nach Oben und ging in's Haus. Da saß Tobias auf dem Boden des Zimmers und weinte und schrie: „Ich will zum Vater! zum Vater! reiten will ich!" Vergebens mahnte die Mutter an sein Versprechen, ein braver Tobias zu werden, vergebens suchte sie, seine Gedanken auf etwas Anderes zu lenken. Der kleine Eigensinn wußte den Vater nicht daheim, und glaubte nun, sich nach eigner Lust gebehrden zu dürfen. Die Mutter aber gedachte des Grundsatzes ihres Mannes, in solchem Falle das Kind unbeachtet einige Zeit weinen zu lassen und dann erst wieder gute Worte zu versuchen. Mittlerweile war der Vorsänger, Rebbi Gerson, eingetreten, um „Sekiur zu lernen," d. h. nach damaliger allgemeiner ßitte einen Abschnitt aus derMischna zu lesen. Durch diese Uebung erhöhten diese Cultusbediensteten, deren Gelehrsamkeit sich nothdürftig bis zu den Anfängen der rabbinischen Wissenschast erstreckte, ihr Einkommen um ein Beträchtliches,