Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 3 (1853)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1853)
- Date
- 1853-05-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Die Wimpel. vor Freude bei dem Gedanken an die Zeit, in welcher ihr die Wonne zu Theil werden sollte, die eheliche Verbindung ihres Sohnes zu feiern und zu segnen! Dieser kam eben zur Thür herein gelaufen. Er küßte die Mutter und wollte auf des Vaters Schooß steigen, um ihm dasselbe Liebeszeichen zu erweisen. Der aber wehrte es mit den Worten: „Geduld! bis ich deine Wimpel vollendet habe. Du verlischst mir sonst die Farben." Da zog Tobias einen Stuhl heran und stieg hinauf. Und als er die ausgelegten Streifen erblickte, da rief er freudenvoll aus: „Oh, wie schön! roth, blau und grün! ach da oben ein Storch! ein Löwe! eine Rose! und vas gehört Alles mir?„ „Ja, mein Sohn," anwortete der Vater. „Dies trägst du einmal, so Gott will, in die Synagoge, und wie dann diese Wimpel um die Thora gewickelt wird und sie ganz umschließt, so umfasse auch du die guten Lehren des lieben Gottes, die in ihr geschrieben stehen, und sie mögen dein Herz erfreuen, und dich zu einem frommen Kinde machen für alle Zeit!"— „Da darf ich sie wohl" bat der Kleine, „schon nächsten Sabbath in die Synagoge tragen?" „Das kann ich nicht versprechen" erwiederte der Vater. „Du sollst das Gotteshaus nicht eher betreten, als bis du dich darin würdig zu benehmen verstehst. Der allzufrühe Besuch der Gotteshäuser von Seiten der Kinder," sprach er zu seiner Frau gewendet, „trägt mit die Schuld, daß so viele erwachsene Israeliten die Synagoge ohne Ehrfurcht, ohne Ehrhebung betreten. Auf den ersten Eindruck kömmt gar viel an, und der erfolgt gewöhnlich nicht mit Vorbereitung, mit gehörigem Ernst." Damit mußte sich nun unser kleiner Tobias, ob er wollte oder nicht, zufrieden geben. Er wußte, daß der Vater in solchen Fällen unerbittlich war. Er schwieg, eine Thräne im Auge. Nicht so die Mutter. „Mach doch dem Kinde die Freude und laß ihn seine Wimpel Sabbath in die Synagoge tragen," flüsterte sie dem Vater leise zu; denn sie sah wohl ein, daß sie vor dem Kinde ihre gegentheilige Meinung nicht laut aussprechen dürfe.