Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 3 (1853)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1853)
- Date
- 1853-05-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Die Wimpel. schasten seiner Frau zu schätzen und ihre Schwächen bald durch freundliche, bald durch ernste Belehrung zu mildern. Ihm aber waren zwei Dinge aus seinem frühern Stande Verblieben, die nicht ohne wesentlichen Einfluß auf seine Lebensverhältnisse waren. Er war selbst Schächter, was der Schwunghaftigkeit seines Gewerbes sehr zu Statten kam, und, weil nicht von Jugend auf Fleischer, auch nicht so roh und ungebildet, wie die blutigen Verrichtungen und der beständige Verkehr mit den Thieren Manchen seiner Berufsgenossen schon gemacht haben. In den Feierstunden nahm er noch gerne zu seinen hebräischen Büchern oder zu einem guten deutschen Buche seine Zuflucht. Auch die weltgeschichtlichen Ereignisse, die Ansichten und Grundsätze, welche dazumal die Gemüther, namentlich auch der ihre Bedeutung ahnenden Juden so gewaltig bewegten, übten ihren Einfluß auf ihn. — Seine größte Freude aber war, sich mit seinem Knaben zu beschäftigen, ihm Geschichten zu erzählen und allerlei Sprüchlein zu lehren. Die Erziehung dieses Knaben aber machte den Eltern manche Sorgen und Mühen. Schon in seinen ersten Lebenstagen hatte er ihnen großen Schreck verursacht. Während des Beschneidungsmahls, wie Alles lustig und guter Dinge war, hatte das Knäblein sehr geschrieen. Man wickelte es auf, und siehe! da lag es gebadet in Blut. Ein ungeschickter Beschneider hatte den Vorband nicht gehörig anzubringen verstanden. Ihm und dem herbeigeholten Arzte gelang jedoch die Stillung des Bluts. Der Blutverlust und ein dazu getretenes Wundfieber brachten den Knaben an des Grabes Rand. Der Herr erhielt ihn. Das Zahnen und andre Kinderkrankheiten setzten ihm auch stark zu, und den guten Eltern bangte oft ob des Lebens ihres Einzigen. Dieses beständige Bangen hatte in dem Mutterherzen eine allzugroße Zärtlichkeit großgezogen, welche sie zu vielen Fehlern in der Erziehung verleitete. Sie konnte ihrem Herzenssöhnchen nichts abschlagen, und wenn der Knabe vollends weinte und sich unwillig gebehrdete, war sie nicht stark genug, ihren Willen geltend zu machen und seinem Trotz die erforderliche Festigkeit entgegen zu setzen. Wider Willen