Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 11 (November 1855)
- Date
- 1855-11-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3129675-3129718-3129729--1360-3131977- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
390 Pabst Girtus V. Jahrhundert. Zu frischer Blüthe hatte sich daS Alterthum wieder aufgeschlossen; der hohe Keift der griechischen Kunst und Wissenschaft strahlte ihm wieder in aller Schönheit und Erhabenheit; überall waren die fürstlichen Höfe bedacht, das Große, Schöne und Edle der antiken Welt auf italischen Boden zu verpflanzen, das Zeitalter des Perikles und Augustus wieder zu erwecken, und daß eS ihnen in reichem Maße gelungen war, davon besitzen wir noch heute in den Werken der damaligen Zeitgenossen die sprechendsten Beweise. Aber neben, ja dicht an diesem neuen Lichtstrom der Bildung ergoß die wüste Nackt der Rohheit und Unsittlichkeit ihre schlammigen, verwüstenden Wogen und spie dem hohen Genws ihren Hohn ins Angesicht. Eben jene höhere Kunst, die Kunst der Künste, diejenige, deren Meister, und zugleich deren Werk der Mensch ist — die Staatskunst — war zur Zeit des Cardinalates von Sixtus V. in einem Austande von so frecher Rohheit, daß sie mehr einem boshaften Wahnsinne, einem widerwärtigen Monstrum, ähnlich war, als einer geistig-sittlichen Gestaltung des Menschen in einer gesellschaftlichen Verbindung zu den höchsten Zwecken des humanen Lebens. Die Edlen des Landes waren selbst rohe Gewaltherrscher und hielten in ihrem Dienste die Banditenhäuptlinge mit ihren wilden Söldlingen zur Behauptung und Erweiterunq ihrer Willkühr und Genußsucht. Raub, Mord und Nothzucht waren die alltäglichen Ereignisse, und kaum kann man unter den Wilven Amerikas und Afrikas Zustände auffinden, die schauderhaftere Thatsachen darboten, als jene Italiens zur Zeit der Medicäer und gelehrten Päpste, eines Leo X. und Alexander; die manickfack aufgefaßte Schrift Machiavellis ist nichts, als der Ausdruck des Thatsäcklichen. die abstrakte Theorie der Praris jener Zeiten, sie ist gewissermaffen das Ideal des concreten Staatslebens — wenn es diesen Namen noch verdient! — in jenen wüsten Tagen der List und der Gewaltthat. Non diesen Zuständen der Anarchie und der ausschweifend^ sten Greuel sind alle Geschichten jener Zeiten erfüllt, und in romanhaften Schilderungen größeren und geringeren Umfanges haben ausgezeichnete Schriftsteller eben so anziehende, als abschreckende, wahrhafte, treue Lebensbilder, abgefaßt. Wir erinnern an die Verlobten Manzonis, an Tieck'S Accorombona und an die vielfachen Novellen des Decameron und andere aus damaliger Zeit und aus der Gegenwart, namentlich an die durch Baron v. Rumohr tnS Deutsche übertragene Sammlung. In dieser befindet fich auch die vom Untergange deS HauseS Zavella, einer einst gewaltigen Baronenfamilie Roms, deren wohlbefestigte Burg, ein antiker Thurm inmitten der Stadt, wie eine düstere Höhle des