Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 11 (November 1856)
- Date
- 1856-11-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- Seesen 1× ep/1048106
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Die Zacobson'sche Wais-nanstalt zu Seesen. 29g Wem die Leitung einer Waisenanstalt anvertrauet ist, und wer täglich, wie ich, das bange Anklopfen armer unglücklicher Waisen oder deren verwittweten Mütter hört, der darf wohl solche Fragen aussprechen — möge die Zeit auf dieselben die Antwort im Geiste jener Humanität und wahren Religiosität ertheilen, von welcher der edle Stifter unserer Anstalt sich durchdrungen fühlt und bewährt hat! — Am 30. Zuni 1852 hat Hr. Jakobson auf Schulzendorf M^ob^ Anstalt dem Schutze Gottes, zur Erziehung armer Waisenknaben empfohlen, damit die ein Asyl finden, denen Gott besonders Vater sein will. Mit dem 30. Zuni 18ök ist daher das vierte Jahr des Bestehens und Wirkens dieser Anstalt abgelaufen. „Gott war mit uns. Er wird auch ferner mit uns sein," so bete ich immer am Grenzpunkte dieses Zeitraumes. Haben wir nun auch diesen Tag in einfach stiller Feier begangen, und nur unfern heißen Dank für den bisherigen göttlichen Schutz und unser inniges Bittgebet um den fernern Beistand zum Himmel gesendet; so ist doch dieser Moment für alle Angehörigen der Anstalt und insbesondere für mich, dem die fernere Entwickelung derselben anvertrauet ist, zu bedeutungsvoll, als daß wir ihn ohne eingängliche Betrachtung über den Geist unseres Erziehungswesens in der Anstalt dürften vorüber gehen lassen.— Dieser Geist soll sich in der Erziehung und Entwickelung durch Humanität zur Humanität offenbaren. Das ganze Naturleben bekundet sich in der Veränderung der Formen und Gestalten, d. h. im fortwährenden Wechsel; jedes Pflänzchen wird täglich ein anderes in Form und Farbe, jeder vermehrte oder neu hinzugekommene Nahrungsstoff erhält und belebt nicht nur das körperliche Individuum, sondern dehnt die Gestalten aus, erweitert und verhärtet sie, gestaltet sie anders. Die Welt bleibt indeß dieselbe; der sie regierende und belebende Geist bleibt ewig; aber das Einzelding bleibt nicht wie es ist. So in der Pflanzen- und Thierwelt; doch noch vielfach größer und mannigfaltiger sind die Veränderungen im Leben des Menschen. — Der aufmerksame Beobachter bemerkt täglich etwas Neues schon an dem Säugling; der heutige Blick des Kindchens ist sicherer als der gestrige, die Mundstellung ist und wird täglich anders; ja, die sinnige, herzige Mutter schauet so tief in die Züge des Lieblings, daß sie ihre eigene und der ganzen Welt Vergangenheit und Zukunft darin im Voraus schauet; dabei gestaltet sich jedes Glied von Tag zu Tag anders; jede Ader, jedes Knöchelchen, um und um wird das kleine Geschöpfchen täglich neu, und jede Kraft, so gering sie auch VI. 26