Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1856)
- Date
- 1856-05-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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nach A. Tarnspol. wandten nehmen unter dem Baldachin Platz: Der Vorsanger verliest in talmudischer Sprache die Ehepakten und einiges von den Pflichten der Eheleute. Darauf machen die Verwandten um diese einige Umzüge, und dann spricht der Rabbiner der Gemeinde den hochzeitlichen Segen auS. Der Chor singt wieder, und darauf geht Blles nach Hause. Es ist unterdeß Nacht geworden. Das HochzeitshauS ist herrlich erleuchtet; Wandleuchter, Lampen, Kerzen verbreiten eine blendende Klarheit, in welcher alle Gesichter, mitunter ausgezeichnet durch Schönheit, rtcht erkennbar sind, alle die jungen Wesen bewegen sich heiter und munter in dem Saal. Die Mütter sitzen still und beobachten mit Seitenblicken die Aufmerksamkeiten. welche Jünglinge ihren Töchtern zuwenden, um Vorandeutungen künftiger Verbindungen zu entdecken. Zm Nebenzimmer befinden sich Männer, welche plaudern und rauchen; ihre Haltung ist vornehm, und ihr Wesen fein und artig; einige spie^ len, andere sprechen von Literatur, Handel, Politik, aber hauptsächlich von Getreide, dem wichtigsten Gegenstand für Odessa, an den man selbst bei einer Hochzeit zu denken sich nicht erwehren kann. Weiterhin steht ein junger Mensch, der Löwe des Tages, hinter dem Lehnstuhl einer jungen Dame, die er zum Tanzen aufgefordert hat, und sagt ihr allerlei nichtshedeutende Dinge, worüber sie lautauf lacht) daneben machen Andere einem reichen jungen Manne auf alle Weise den Hof. Alles geschieht mit Anstand, Leichtigkeit, aufgeblasenem und fadem Wesen, wie überall; man unterhalt sich und gähnt, wie überall. Die Musik ertönt, man tanzt alle Tänze durch; dann tritt man in den Speisesaal, wo die köstlichsten Leckereien und Weine den Schluß des Festes bilden! —Nun aber gehen wir einmal zu einer ähnlichen Feier in der Catharinenstraße, d. h. der Zudengasse. „Zn einer großen, eilig errichteten Baracke, mitten in einem Hofe ist eine Menge Volks versammelt; man drängt sich um den Platz. Man hört einen Lärm, er rührt davon her. daß die Eltern der Brautleute noch nicht ihre gegenseitigen Pflichten erfüllt haben; er bricht in einen Streit aus; dießmal aber wird er durch Freunde beigelegt. Der Bräutigam, welchem der Rabbiner zur Seite steht, wirft jetzt den Schleier über die Braut und zieht sich zurück. Darauf erscheint der Marschalk (Possenreißer), der bei solcher Hochzeit nicht fehlen darf. Er trägt in polnisch-deutschem Jargon eine rührend-komische Rede vor, in welcher er von der Nichtigkeit alles Irdischen, von Belohnung im Garten Eden, und Strafe im Gehinom redet, auch wohl schmerzliche Erinnerungen weckt; er selbst weint und schluchzt; mitten durch aber erregt er durch eingestreuete Spaße und Scherze, bei den Zuhörern Lachen.