Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1856)
- Date
- 1856-05-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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»4« Rußland, insbesondere Odessa wohl mehr, weil er seine Betrachtungen dadurch Keffer zu verbreiten gedenkt, alS weil sie ihm hinlänglich eigen ist Der Styl macht auf Rachsicht Anspruch; wir sehen nur auf den sachlichen Inhalt. Nach einer kurzen Schilderung des traurigen Zustanves der meisten, übrigens sehr zahlreichen russischen Gemeinden, wie solcher noch bis vor etwa 20 Jahren allgemein war, geht die Darstellung zu den Maßregeln über, welche die Regierung nahm, um eine gänzliche Umgestaltung vorzubereiten. Die bitterste Armuth, Folge des unergiebigen und wenig ehrenhaften Kleinhandels, der sorglosen Gemeinde-Verwaltungen, der Stumpfheit der Rabbinen, der Verwahrlosv/.g der Jugenderziehung und des Gottesdienstes, wie der Armen- und Krankenpflege, zerstörte alle Lebenskeime, Namentlich verderbten unwissende Lehrer in den Schulen, wo ein enger Raum zahlreiche Schüler zusammenpreßte, die ihre Religionsquellen fast ohne alle Aufmerksamkeit lasen, oder in ihre kauderwälsche Sprache zu übertragen lernten, und selbst unter Entwicklung des Scharfsinnes doch eigentlich keinerlei nützliche Kenntniß erwarben, den Geist des heranreifenden Geschlechts. Eben so wenig konnten oder wollten die Rabbinen das Volk beim Gottesdienst belehren. Von Hassidim (einer sehr ausgebreiteten mystischen Sekte) umgeben, huldigten sie deren fanatischem Wese,^ welches den abenteuerlichsten religiösen, meist abergläubischen Observanzen zugethan, allen weltlichen Geschicklichkeiten, Erfahrungen und Kenntnissen den Rücken zuwendet, um selbst in Entbehrungen aller Art gewissermaßen zu schwelgen, so daß Unwissenheit verdienstlich erschien. Die früheren Verfolgungen hauen außerdem alle nützliche Thätigkeit der Juden gänzlich erdrückt und ihnen alle Erwerbsmittel entzogen; um so mehr suchte die Masse in der bloßen Religionsübung Trost und Beruhigung, schon zufrieden wenn niederer Handel und einige wenig ergiebige Beschäftigungen die tägliche Nahrung abwarfen. Man hatte schon unter Kaiser Alexander l. begonnen den traurigen Verhältnissen der Juden einige Aufmerksamkeit zu schenken, durchgreifend schritt erst die Regierung des Kaisers Nikolai an'S Werk. In Petersburg wurde unmittelbar unter der Leitung deS Ministers der kaiserlichen Domainen ein Ausschuß eingesetzt, welcher die Aufgabe hat, sich mit den Angelegenheiten der Hebräer (so heißen die Juden in Rußland) zu beschäftigen, und Lberall Verbesserungen zu beantragen. Zur Beschwichtigung etwaiger Besorgnisse wegen Fingrisse m die Religion, derief man »ach Petersburg eine Anzahl gelehrter und helldeukender Rabbineu und Weltleute auS allen westlichen Provinzen, um an den »erachungen deS Ausschusses Theil zu nehmen. Das nächste Er-