Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 3 (März 1856)
- Date
- 1856-03-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau. 85 Ausleistung der herkömmlichen jüdischen Eidesform befolgt werden, haben dieses Schicksal getheilt. Sie wäre« früher Bestandtheile der judlstwn Liturgie in und außerhalb der Svnaavge, und so sehr sie auch an sich dem widersprechen, was die sittliche Erhebung. die wabrhaft fromme Andacht und ein geläuterter Geschmack nach den Ansichten der überwiegenden Mehrzahl erheischt, hatten sie doch die Weihe des Alter-, der Pietät, der frommen Sitte für sich, und was der Jude innerhalb der Synagoge als gehelligten Gebrauch befolgte nnd verehrte, das war auch im Stande, sein religiöses Gefühl dann zu erhöhen, wie es ihm auf Befehl der Obrigkeit entgegentrat, um bei Ausleistung des gerichtlichen Eides auf sein sittliches Bewußtsein, seine Wahrhaftigkeit zu wirken. Jene Pietät, jene fromme Scheu vor den fraglichen, nichl(?)religiösen und, wenn auch ehrwürdigen, doch aber den Lebensanschauungen der meisten beute lebenden Israeliten ebenso fremd ge: wordenen und sonderbar erscheinenden Gebräuchen, wie sie den Christen fremdartig und sonderbar erscheinen. — jene Pietät und Scheu, sagen wir, hat heutzutage aufgehört. Man mag diese Thatsache bedauern, mit Recht oder mit Unrecht, — das haben wir hier nicht zu untersuchen. -- aber es ist eben eine Thatsache, und es kann nicht frommen, sie zuignoriren. Die Zeit, das Leben, der Gang der Dinge, die Form der modernen Gesittung, die Einwirkung der Wissenschaft, die Staatsgewalt selbst, und zwar die letztere ganz besonders aktiv eingreifend, indem sie damit die Zwecke des Staates und höhere Menschheitsinteressen zu fördern glaubte, haben seit einem Jahrhundert mit Macht darauf hingewirkt, um diesen Umschwung zu befestigen, und thun es noch heutzutage mit unaufhaltsamer Wucht. Jene Gebränche nun, (vaS Anlegen der Schauriemen, der Schaufäden, des TodtenhcmdeS u. dgl., die Selbstverfluchung u. f. w.) haben für die große Mehrzahl der heutigen Israeliten alle Weihe verloren. Sie sind nicht mehr geeignet, sittlich anregend auf sie;u wirken, ihr religiöses Bewußtsein zu erhöhen, die beilige, fromme Scheu rege zu machen, welche bei Ausleistung des Eides eine Garantie für die Wahrhaftigkeit der beschworneu Tharsachen bieten soll. Es konnte dies möglicher Weise der Fall sein, als noch die Mehrzahl der Israeliten gewohnt war, in diesem Aufzug wenigstens zuweilen und aus innerem Herzensantrieb ihre Gebete, ihre Danksagungen, ihre Reue und Buße dem Himmel darzubringen. Da sie dies jetzt in Verbindung mit jenen Gebräuchen nicht mehr gewohnt sind, wie sollen dieselben im Stande sein, ihre religiöse Stimmung zu spornen, wenn sie, von ihrem Advokaten kommend, ohne irgend welche religiöse Selbstthätigkeit. umgeben von dem, einer andern Eonfession angehörigen. Beamtenpersonal. mit Zahlen, Ziffern und Artikeln des Gesetzbuchs im Kopf, einen AttenfaScikel in den Händen, zur Synagoge geführt »Verden, und da einen ganzen Apparat von Eeremonien sich entfalten sehen, vor denen sie. nicht sittlich gehoben, sondern eben so verdutzt dastehen, wie bei irgend einem absonderlichen, unbegreiflichen fremdartigen Etwas, wofür uns die Vorstellung und der Ausdruck fehlt? Während sie von ihren NeligionSlehrern hören, daß eS nichts Geheiligteres gebe, als eine einfache Betheuerung bei dem Namen GotteS, sehen sie sich hier plötzlich in einen Gedankenkreis versetzt, der sie herabstimmt, drückt, mit Widerwillen und selbst Bitterkeit erfüllt. Denn wer wollte eS unS verargen, wenn wir das Kind beim Namen nennen und eS aussprechen, daß die Beibehaltung des Judeneides von gar Vielen nicht aus rechtlichen, nicht aus politischen, nicht aus theologischen Gründen, sondern gerade bloS deßhalb gewünscht wird, weil cr für die Juden eine moralische Demüthigung, mit einem Worte einen Schimpf, dem Pöbel zum Wohlgefallen, dem blinden Haß zur Nahrung, ja selbst der Straßenjuqend zum Schaugepränge mit sich führt. Daß aber der Eid nicht in einer mit Widerwillen und Bitterkeit