Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3129675-3129764-3129766--1424-3130047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Rückblick auf das Jahr 1855. einen großen Widerspruch mit sich selbst, wenn er auf bürgerlichen Gebieten, damit er sich des Rechtes und der Freiheit erfreue, wünscht, daß der Geist der neuen Zeit siege, während er auf religiösem Gebiete, um sich der Resultate glaubensverfinsternder Reaction mitzuerfreuen, wünscht, daß der Geist der alten Zeit siegen möchte! Dieses Widerspruches müssen die Unseren sich nothwendig und immer mehr bewußt werden! — Was hat unS in manchen Ländern die volle Gleichberechtigung, in anderen doch eine erträgliche und angenehme Stellung bereitet? — Die Aufklärung des vorigen Jahrhunderts: die Beseitigung der religiösen Vorurtheile; das Licht, welches von Männern, wie Rousseau, Lessing. Mendelsohn, Herder ausstrahlte über die Welt! — Und wir sollten unseren Wohlthätern in's Antlitz schlagen? - Wir sollten sagen: auf bürgerlichem Gebiete herrsche, weil es uns dient, Aufklärung und jener Geist, der die Menschen einander näher bringt, auf religiösem Gebiete aber herrsche Verfinsterung und jener Geist, welcher die Menschen in veraltete Formen zurückzwängt und von einander trennt? — Nimmermehr? —So seltsam kann sich die Logik in so klaren Köpfen, wie die unserer Glaubensgenossen zu sein pflegen, nicht widersprechen. — Das tröstet uns beim Rückblick auch auf das vergangene Zahr. - Die bürgerlichen Zustände unserer Brüder lassen da nur wenige Lichtpunkte aus viel Nacht und Nebel hervortreten. Oesterreich, welches uns in seinem Concordate eine Probe gegeben, wie eS die Zeit und die Heilung ihrer Schäden auffasse, läßt daS DamokleSschwerdt, den scharfen Ausspruch, der die Juden von Grunderwerb ausschließen soll, noch immer über den Häuptern seiner jüdischen Unterthanen schweben. — Die Christen im Orient sollen demnächst Sicherung ihrer Rechte erhalten. — Macht sich da noch kein Rechtsgefühl geltend in christlichen Herzen? Ist das Recht des Juden im Abendlande nicht so viel werth als daS des Christen im Morgenlande? Allein die Juden haben — Recht, doch die Christen — Gewalt. —In Preußen, jenem Geburtslande so vieler lichtspendenden Geister, rüstet man sich mehr und mehr, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wieder auszu-