Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Die KaraAen in der Krim. 2l doch ihr heutiges Tagwerk zu beschließen trachteten, fanden keinen Geschmack an dem Kirchhofe. Ich aber, der ich der Todten so leicht in diesem Leben nicht überdrüssig werde, verließ mich auf die Schnelligkeit meines guten Pferdes, mit dem ich sie leicht einholen konnte, und gab mich noch einige Augenblicke dem Genüsse hin, auf jenen kleinen Fußsteigen als einziger Lebender zwischen solcher Fülle Abgeschiedener herumzugaloppiren, wobei mir der eben sich zeltend machende Mondschein ganz vortreffliche und romantische Dienste leistete. — Ich will hier nun zusammenfassen und einschalten, was ich über die Karaiten überhaupt erfuhr: DaS semitische Wort „Xara" soll so viel bedeuten als „in der Schrift lesen." Davon ist daS Wort »kai-ai« (Aara'it), so viel als „schriftgetreu," gebildet, von welchem Singular wiederum der Plural „karaim" (Karaiten) lautet.*) Und so nennen sich die Juden, welche die im Talmud enthaltenen Zusätze zu den kanonischen Büchern und Schriften der mosaischen Religion verwerfen und alle ihre religiösen und moralischen Lehrsätze und Vorschriften allein und ausschließlich aus dem mosaischen Gesetze schöpfen. »Wir sind," sagte mir der Rabbi Nssuf in der Synagoge von Djuffut-Aale, als er mir und meinem Reisegefährten, die Aeußerlichkeiten ihres Gottesdienstes zeigte, „wir sind dasselbe, was die Protestanten, die auch den Coder des kanonischen römischen Rechts nicht anerkennen, in der Christenheit, dasselbe, was die Schiiten, die gegen die Sünna protestiren, unter den Muhamedanern sind, und unsere Geschichte bietet dieselbe Erscheinung, die sich am Ende in jeder Geschichte offenbart. Die ersten, schönen und reinen Lehren des Religionsstifters werden von Eigennutz, Herrschsucht und Deutelei mit einer Menge von Auslegungen und Zusätzen umgeben und verdorben. Die Meisten folgen dem weiterschreitenden und revolutiontrenden Strome der Zeit. Nur wenige Feste, Treue und Redliche wagen es, im Namen des Religionsstifters das Banner zu erheben und gegen die Aenderungen zu protestiren. Beide Partheien, die Protestirenden und die Kanonischen, gerathen mit einander in Kampf und die gemeiniglich schwächere Parthei der Ersteren hat dabei viele Verfolgunzen von *) UnS scheint das Wort „Kars" im Gegensätze zu „Sopnsr" gewählt zu sein. Letzteres bedeutet schreiben, das erstere lesen. Die Talmndisten nämlich lv'lLO) machten schriftliche Zusäye. während die Karaiten sich auf das Lesen veS göttlichen Wortes (dt^v) beschränkten, ohne sich schriftliche Zusätze zu erlauben. — Wenn sie später notgedrungen von diesem Grundsatze abgingen, so lag er doch ursprünglich in ihrem Prinzips begründet. Anm. d. Red.