Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126612-3126619--2801-3129671- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
von Gottes erzieherischer Weisheit als Pslanzschule der wahren Religion begründet wurde (Zes. ö, 1—7), nicht dmch milde Behandlung von fetten der göttlichen Strafgerechtigkeit bevorzugt worden. Denn an ihnen hat sich das Grundgesetz vom Gleichgewicht der Rechte und Pflichten in strenger Weise bewährt. Sagte doch Arnos, nachdem er die besondere Beziehung Gottes zu Israel erwähnt hat (3, 2a), sofort im nächsten Satze „Darum will ich an euch auch heimsuchen alle eme Missetat" Der Jubel über die positive Verbindung mit dem lebendigen Gotte ist in Israel oft durch den Jammer erstickt worden, der Hervorbrechen mußte, wenn der durch einen Teil Israels verübte Ungehorsam dmch Katasttophen bestraft werden mußte. Israel ist fürwahr n i ch t b e s s e r in der Weltgeschichte gefahren als andere Völker. Es gleicht vielmehr dem Bergführer, an dem sich ein falsLer Schritt zuerst und — wegen der Verantwortlichkeit für die andern — in der schlimmsten Weise rächt. Derselbe Kueuen, der den angeführten kurzsichtigen Protest gegen die Erwählung Israels erheben zu dürfen gemeint hat, hat ferner z. B. in bezug auf den Gottesbegriff der israelittschen Religion folgende Ansichten vertreten. Der „vorprophetische" Gott Israels fei als nach Willkür und Gewalt handelnd gedacht worden. Man habe ihn als physischen Lebensquell den Menschen als seinen Kreaturen gegenübergestellt und ihn als ein an körperlicher Aufopferung sich erfreuendes Wesen betrachtet. Eine willkürliche oder launische Stellung des Gottesbegriffs der älteren Religion Israels zur Moral sei aber zunächst in den Gottesnamen ausgedrückt. So liest man es in „De Godsdienst van Israel", Bd. I, 221, 223, 236—41. Welches Bündel von neuen Behauptungen! Mer erstens sollen diese Aussagen Über eine „vorprophetische" Religion Israels aus Stellen des althebräischen Kanons begründet werden, während alle Verfasser der kanonischen Schriften Israels die prophetische Religion ihres Volkes vertreten. Denn welcher laute Tadel wird z. B. in den Geschichtsbüchern über die Anfertigung des Gottesbildes am Sinai ausgesprochen <2. Mos. 32, 4 ff.)! Mso da hat Kuenen eine Verirrung eingeleitet, die sich neuerdings in den Aufstellungen über die sogenannte „Volksreligion Israels" in der Wellhausenianischen Schule ausgewirkt hat. Zweitens spricht der älteste Eigenname des Gottes der mit Abrahams Berufung beginnenden prophetischen Religion Israels, nämlich 'Dl schaddaj „allgewaltiger Gott" (1. Mos. 17, 1 usw.) nicht die „Gewalttätigkeit" des Gottes der Patriarchen aus, sondern bezeichnet nur die Uebermacht, die derselbe über alle andern Götter oder überhaupt überirdische Gewalten besitzt, und seine Unvergleichlichkeit, die er z. B. gegenüber dem ägyptischen Pantheon erwiesen hatte (2. Mos. 15,11). Allerdings ist ferner Isaaks Gott „der Gegenstand seiner Scheu" genannt (1. Mos. 31, 42. 53). Aber auch bei Jesaja ist Jahwe noch ein Gegenstand der Furcht (moia’) und „schreckeneinflößend" (ma'ariz) genannt (8, 13), wie auch in Ps. 76, 12, und noch bei Maleachi (3, 24) droht der Ewige, daß er das Erdreich mit dem Bann schlagen werde, nämlich wenn die Bedingungen des mit Israel geschlossenen Bundes nicht erfüllt werden, und diese Bedingungen hatten keine negative Stellung zur Moral. Folglich bildet die von Gott zur Aufrechterhaltung dieser Bedingungen entfaltete Machtbestätigung auch keinen Gegensatz zur Moral. Nebenbei bemerkt, zeigen auch die soeben aus den Prophetenschriften angeführten Stellen wieder, wie falsch es ist, wenn von Kuenen und seinen religionsgeschichtlichen Nachfolgern der vor dem achten Jahrhundert liegenden Religionsperiode ein tieferes Niveau zugefchrieben wird. Mer auch die Geschichtsschreiber Jsraäs, die auch nach Kuenen und feinen Gesinnungsgenossen vor den Schriftpropheten geschrieben haben, nämlich der von ihnen um 850 angesetzte Jahwist, haben Gott nicht als „nach Willkür und Gewalt handelnd" gedacht, wie Kuenen sagte. Denn schon nach der jahwistischen Pentateuchquelle schreit, um nur zwei Beweisstellen herauszugreifen, das von Mörderhand vergossene Blut um Vergeltung zum Ewigen (1. Mos. 4, 10), und Sara appelliert an ihn als Schiedsrichter (16, L) und doch natürlich, weil sie ihn als einen gerechten Richter verehrte. Ueberhaupt aber gllt für alle ältesten Quellen der Religionsgeschichte Israels Gott als der Gesetzgeber und Hort der Gerechtigkeit. Doch genug schon der Proben von den Behauptungen, die von Kuenen — zum Teil nicht zu allererst, denn vor ihm hatte ja z. B. Vatke ähnliche Meinungen ausgesprochen — vertreten worden sind! Stürmisch drängt sich ja nun die Frage hervor: Wie ist es zu diesen neuen Aufstellungen über die Religionsgeschichte Israels gekommen? Nun, n i ch t die Quellen haben zu ihnen getrieben. Sie haben es auch nicht nach ihrer neuen literarkritischen Datierung getan, wie ich soeben aus der jahwistischen Pentateuchschicht nachgewiesen habe, was allerdings bis jetzt von sehr vielen übersehen worden ist. Nein, teils hat man einzelne Aussagen der Quellen falsch ausgebeutet, wie Kuenen und die Wellhausenianische Schule ja z. B. dem Gotte der Patriarchen launische Unparteilichkeit zuschreiben. Denn z. B. liest man: „Gott nimmt die Partei seines Lieblings, auch wenn er offenbar Unrecht hat, wie Abraham vor Abimelech (1. Mos. 20, 7)." Wo liest man das? Bei Gunkel in seinem Kommentar z. St. Aber was sagt die Quelle? Gott entschuldigt ausdrücklich das Verhalten Abimelechs und fordert nur, daß dieser dem Patriarchen sein Weib zurückgebe. Ist damit der Gottheit ein Unrecht zugeschrieben? Sollte sie Abimelech das Weib Abrahams lassen, weil dieser eine — übrigens nach den Umstanden und damaligen Zuständen sehr erklärliche — Schwäche gezeigt hatte? Also falsche Auslegung war mit schuld an der Aufstellung jener neuen Behauptungen. Teils aber hat beim Entstehen der modernen Richtung in der Zeichnung der israelitischen Religionsgeschichte noch etwas anderes mitgewirkt. Dieser andere Faktor war die e v o l u t i o n i st i s ch e Natur- und Geschichtsanschauung, die sich an die Hegelsche Philosophie anschloß. Das sieht man ja schon daran, daß Vatke (in Berlin), der 1835 den ersten Band seiner „Biblischen Theologie des Alten Testaments" herausgab, ein erklärter Anhänger Hegels gewesen ist. Aber es läßt sich auch ohnehin nicht leugnen, daß die darwinistisch angehauchte Geschichtstheorie der neueren Zeit, nach der alles in der Geschichte sich von unten nach oben entwickelt haben soll, auch einen Faktor beim Entstehen der Neigung gebildet hat, eine „vorprophetische" Periode der Religionsgeschichte Israels anzusetzen und dann eine ganze Summe von Momenten der „Entwicklung" in dieser Religionsgeschichte aufzeigen zu wollen, wie dies in allen Einzelheiten und mit pünktlicher Angabe der modernen Behauptungen samt einer Kritik derselben in meiner „Theologie des Alten Testaments, vergleichend und kritisch dargestellt" (1922) nachgelesen werden kann. Schon aus den oben angeführten Sätzen Kuenens ersieht man, daß er ein Haupturheber der modernen Auffassung der Religionsgeschichte Israels ist, und auch, daß es nicht richtig genannt werden kann, wenn irr dem Artikel, von dem meine Darlegung ausgehen mußte, die Kuenen-Wellhausenianische Richtung und Delitzschs bekannte Bücher „Die große Täuschung" voneinander