Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 75 Sprüngen sind. Denn bei ihrer genaueren Erforschung Zeigen sie, daß sie nicht als Ganzes in den betreffenden Zeilen entstanden, sondern ausvielenZuflüssen sich gebildet haben. Denn gerade die älteste von den erwähnten Quellenschriften schöpfte nach ihren eigenen ausdrücklichen Angaben ausälterenNiederschriften. Denn der Elohist führt in 4. Mos. 21,14 ein Zitat mit den Worten ein: „Deshalb wird im Buche der Kriege Jahwes gesagt so und so." Er beruft sich also auf eine Schrift über die Kämpfe, die unter Gottes unsichtbarer Leitung und zur Ehre seines Namens ausgefochten wurden (vgl. Jos. 5,14: „Ich bin der Fürst 4ber das Heer des Herrn"). Ebenso zitiert der Elohist -usdrücklich in 21, 27 mit den Worten: „Deshalb pflegen •>ie Spruchdichter zu sagen: Kommt nach Hesbon usw.!" Än andern Stellen Übt der Elohist wenigstens eine indirekte Zitierung, indem er von einzelnen seiner Materialien sagt, daß sie einstmals gesungen oder gesprochen worden seien, wie beim Triumphgesang Israels nach Durchschreitung des Roten Meeres (2. Mos. 15,1 ff.), oder beim Brunnenliede (4. Mos. 21,17 f.), oder beim Zehngebot (2. Mos. 20, 2—17) usw. usw. b) Eine zweite Schranke gegenüber der literarkritischen Zerspaltung des Pentateuch liegt in dem gemeinsamenJnhalt aller Pentateuchschichten. Uebereinstimmende Züge gibt es aber in den Quellenberichten schon z. B. über Abraham. Denn alle oder wenigstens zwei Quellen sprechen von seinem Vater Thara und seinem Bruder Nahor (1. Mos. 11, 26 P.; 24,15 I.; Jcs. 24,2 E.), von seiner Verheiratung mit Sara (1. Mos. 11, 29 P.; 12, 12 I.; 20, 2 E.), von seiner besonderen Verbindung mit Gott (12, 1 I.; 20, 7 S.; 17,1 P.), und so könnte noch weiter fortgefahren werden. Dieser gemeinsame Inhalt aller Quellen ist sogar der Hauptdamm gegen die Zertrennung der Pentateuch quellen. Denn der gemeinsame Inhalt der Quellen gleicht dem Grundwasser eines Stromes, und dieses ist wichtiger, als das Wellengekreisel, das sich an der Oberfläche der Strömungen zeigt. Die Wichtigkeit des gemeinsamen Inhalts von Quelleuberichten ist ja auch schon von dem scharfsinnigen Kritiker Lessing erkannt worden. Denn was sagt er in seiner „Duplik"? So lesen wir dort: „Wenn Livius und Polybius und Dionysius ebendasselbe Ereignis jeder mit io verschiedenen Umständen erzählen, daß die Umstände 5es einen die Umstände des andern völlig Lügen strafen: hat man darum jemals das Ereignis selb st, in welchem sie übereinstimmen, geleugnet?" Für die Wahrheit dieser Worte habe ich auch selbst viele Belege gefunden. Denn gewiß weichen die Berichte von Polybius und Livius z. B. in bezug auf den Paß voneinander ab, Lei dem Hannibal die Alpen überschritt. Aber dadurch wird die Tatsache, daß der große Karthager sein Heer über die Alpenkette führte und Rom zum Erzittern brachte, nicht erschüttert. Auch dadurch wieder, daß ich diesen Lessing'schen Grundsatz echter Kritik wieder betont habe, mußte ich von Kuenen und seinen Nachfolgern abweichen und meine, es mit gutem Rechte getan zu haben. Drittens aber habe ich noch weiter ganz neue Forschungen über die Beschaffenheit der Geschichtsbücher Israels betreffs seiner ältesten Zeiten angestellt. Es war ja begreiflich, daß in der ersten Entwicklungsphase der neueren Kritik das Auge zuerst auf die Bestandteile des Pentateuchs gerichtet war, die gegen den einfach mosaischen Ursprung desselben sprechen. Aber ich sagte mir, daß es allmählich Zeit werde, auch die Momente vom Inhalt der israelitischen Geschichtsbücher äu beobachten, welche f ür ihr Mer und ihre Autorität in die Wagschale fallen. Zu diesen Momenten gehören z. B. die häufigen Notizen über den Wechsel der Städtenamen. Ihre Reihe beginnt mit der Bemerkung „Beka, das ist (das jetzige) Zoar" (1. Mos. 14, 2b). Ferner gibt es Notizen über die älteren und die späteren Monatsnamen (1. Kön. 6, 37 f.; 8,1) usw. Diese Bestandteile der althebräische» Geschichtsbücher habe ich unter dem Namen „Positive Glaubwürdigkeitsspuren" immer vollständiger gesammelt, wie man sie jetzt in meinem Kommentar zur Genesis (1919), S. 84—86 aufgezählt finden kann. Außerdem ist von mir auf die Tatsache aufmerksam gemacht worden, daß Israel nicht etwa sei»e Entwicklung ganz auf Mose zurückgeführt hat, wie eS bei dessen hervorragender Größe sehr leicht möglich gewesen wäre und wie es z. B. der griechischen Gewohnheit, die Entwicklung auf einen „Heros eponymos“ zurückzuführen, entsprochen hättq. Nein, über dem Mttagsglanze de- Tages, cm dem Mose sein Mittleramt verwaltete, hat Israel nicht den Dämmerschein des Morgens vergessen, der aus noch früheren Zeiten herüberleuchtete. Aber auch auf die Unparteilichkeit habe ich immer deutlicher hingewiesen, mit der in den Geschichtsbücher» Israels auch sogar die Persönlichkeiten wegen einzelner momentaner Schwächen getadelt sind (4. Mos. 20,10 usw.) die im allgemeinen gerühmt werden konnten. Auch durch diese dritte — hier nur ganz kurz angedeutete — Richtung meines Gngreifens in die Literarkritik des althebräischen Schrifttums habe ich die Arbeit eines Kuenen und seiner Nachfolger nicht nur ergänz^ sondern zum großen Teil korrigiert, und auch diemeine ich mit gutem Grunde und mit der Aussicht auf de» Sieg getan zu haben. IN. Nun bleibt noch das religionsgeschichtliche Gebiet der Bibelkritik übrig, um einer hierher gehörigen Betrachtung unterzogen zu werden. An der Pflege dieses wichtigsten Zweiges der Bibelkritik hat sich Kuenen in hervorragender Weise beteiligt, wie seine drei Hauptwerke „De Godsdienst van Israel", „De Profeten en de Profetie ander Israel" und seine „Hibbert Lectures“ über „Volksreligion und Weltreligion" beweisen. Auf diesem Gebiete hat er z. B. gemeint, seine Anstoßnahme an.der grundlegenden Tatsache der Erwählung Israels durch die Worte „Den Glauben an Gott in der Geschichte lassen wir uns nicht rauben" (De Godsdienst usw. II, 358) ausdrücken zu dürfen. Er behauptete also, daß die Geschichte der außerisraelitischen Menschheit durch die biblische Lehre von der Berufung AbrahamS entgöltet, der göttlichen Lenkung entzogen werde. Aber welche kurzsichtige Meinung i st d i e s! Gott ist ja nach der althebräischen Bibel stets als der Erhalter, Regent und Richter aller Menschen anerkannt. Hundert Stellen beweisen das. Man denke doch z. B. an „So lange die Erde steht, soll nicht aufhören Aussaat und Ernte usw." (1. Mos. 8, 22,) oder an die Warnung Gottes an den Pharao und den Philisterkönig (12, 17; 20, 3), oder die Bedrohung der Königreiche Damaskus usw. (Amos 1, 3 ff.), oder an „Habe ich nicht Israel nur ebenso aus Aegypten geführt, wie die Philister aus Kaphtor (Kreta) und die Aramäer aus Kir (im Nordosten; 9, 7)"? Ferner hat sich Gott auch gegenüber den andern Völkern nicht unbezeugt "gelassen. Hat er ihnen doch die Gestirne als Hinweise auf den Schöpfer gegeben (5. Mos. 4, 19; 29, 25; Ps. 19, 2: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes usw.). Weiter ist auch ausdrücklich gesagt, daß Gott auch den Landman« belehtt (Jes. 28,26b), was er selbstverständlich überall auf der Erde durch die Natur der Dinge tut, und er wird ebenso ausdrücklich „ein Erzieher von Nationen" genannt (Ps. 94, 10). Außerdem ist Israel nur als der „erstgeborene" unter den Söhnen bezeichnet, als welche demnach alle Völker bei Gott gelten (2. Mos. 4, 22). Auch sind die Bürger des speziellen Gottesreiches, das