Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 getrennt werden. Nein, Delitzsch, der selbst sich ausdrücklich (S. 7) auf Wellhausen als feinen Vorgänger berufen hat, ist nur das enfanfc terrible dieser Partei. Er hat nur in der gröbsten Art herausgesprudelt, was die an Kuenen und Wetthausen sich anschließenden Darstellungen der Religionsgeschichte Israels vielmals ausgesprochen haben, wie in meinem angeführten Buche (z. B. in § 54 und 56) durch Dutzende von Zitaten belegt ist. Indem ich selbst ein Vertreter der Bibelkritik in ihrem dreifachen Arbeitsgebiet bin, kann ich nur wünschen, daß viele sich an ihrer Forschung beteiligen, muß aber auch dazu mahnen, daß die Quellenwürdigung eine a l l s e i t i g e sei, und daß keine philosophischen Voraussetzungen, außer einer scharfen Logik, zu dieser Arbeit mitgebracht werden. Zue Krage -es Emhettsgebetbuches. Bon Joseph Kauffmann, Berlin-Weißenfee. Infolge der Aufforderung, sich über S Punkte für das zu schaffende liberale Einheitsgebetbuch zu äußern, möchte ich meine Ansichten dahingehend Mitteilen: Zu 1: nicht durchweg, aber iu der Hauptsache hebräisch. Grundsatz: Alles, was der Kantor vorzutragen hat, hebräisch, alles, was der Prediger zn en hat, deutsch, Chorgesang, soweit eS um Zusammenarbeit mit dem Kantor handelt, hebräisch. Gemeindelieder und einige spezielle Chorgesänge deutsch. Zu 2: Die Ucbersetzung soll eine aus dem deutschen Sprachgeist fließende freieUebertragung sein. Zu 3: Abendgebet am Freitag Abend und Jomim towim unverkürzt von Borechu bis zum Schluß der Tefillah, jedoch alle Piutim fortzulassen. Am Freitag Abend abwechselnd jede Woche nur ein Gnleitungspsalm, Lecho dodi unverkürzt. Olenugebet deutsch. Morgengebet: das Unnötige streichen, nur etwa beibehalten: Adon olom, Elohai neschomo, Ribbon kol hoolomim, awol anachnu, Lefichoch, Schema, boruch scheomar bis Melech mehullol batischbochos, Miemor schir lejom haschabos, Hallelujali hallelu el bekodscho, Nlschmas bis Schluß der Tefillah. Fortfall aller Festtags-Einschaltungen (außer Halle!) Mussafgebet: Tefillah vom Kantor vorgetragen, die Abschnitte belr. Opfer können fortgelafsen werden. Feiertag-Einschaltungen streichen. (Einige geringe Konzessionen wären vielleicht in Rücksicht auf das Publikum erforderlich, z. B. Tal und Keschern-Gebet). Die Tefillah im Schacharis und Mussafgebet nur gleich laut vom Kantor vorgetragen. Nach dem Vtussafgebet Ln kelohenu, Olenugebet (deutsch). Nach dem Abend- und Mussafgebet, also bei jedem Gottesdienste, nur ein Waisenkaddisch. Die T h o r a v o r l e s u n g mit Ein- und Ausheben und Predigt muß der Zentralpunkt des Gottesdienstes sein, deshalb muß die Vorlesung in feierlicher Weise erfolgen. Für die hebräische Vorlesung ziehe ich deshalb den Trop vor. Auch die deutsche Vorlesung des Thoraabschnittes und der Haftarah muß feierlich, in vollendet dettamatoriscker Weise erfolgen, in gleicher Weise Gebete für Obrigkeit, Wöchnerinnen, Bar- Mzwah usw Me hebräischen Gebete, die beibehatten werden, unverkürzt und unverändert. Jede Aenderung erscheint mir Berballhormsierung. Die deutsche freie Uebertragung muß dagegen alles auslassen, was unserem zeittgen Empfinden widerspricht. Das Gebetbuch ist nicht für Gelehtte, sonder« für das Publikum bestimmt, dieses will wohl den Inhalt der Gebete aus.der Übersetzung kennen lernen, es ist ihm aber eineiGi, ob im hebräischen Text Stellen Vorkommen, die dem Gelehrten anstößig erscheinen. Der schöne Satz: „wir sollen wahrhaftig im Gebet sein" kommt ja nur für Kenner in Frage. Das gesamte Publikum denkt in der Synagoge überhaupt nicht an den Inhalt, kann eS auch nicht, weil die Sache viel zu schnell geht, sondern nur an den Nigun. Deshalb halte ich auch die Einführung neuer hebräischer Gebete, auch wenn sie von Jehuda Halevi herstammen, für falsch. Auch daS schönste modernisierteste Gebetbuch wird an Freitag-Abenden und Sabbat-Bormittagen den Synagogenbesuch nicht heben, für die Nichkbefucher braucht man aber kein Gebetbuch, sondern für die Besucher. Die Jomim noroim lassen sich nickt kurz behandeln; die Gebetordnung dieser Tage bedarf eingehender Aussprachen in einem größeren Kreise von Sachkennern, da dabei weniger Theorie als Praxis und Erfahrungen in de» verschiedenen Gegenden und Gemeinden maßgebend sein muß. Nur möchte ich bemerken, daß ich das Ausschütten des Lol nidre-Gebetes für eine Feigheit halte. Mitteilung. Der Verein Hauptsynagoge in Frankfurt a. M. hat, von dem Wunsche erfüllt, die Herausgabe des liberalen Einheitsgebetbuches alsbald zur Tat werden zu lassen, einen Betrag von Mk. 5000 bereitgestellt, die für notwendige Vorarbeiten verwendet werden sollen. Da diese Vorarbeiten eine ganz erheblich höhere Summe erfordern, richtet der genannte Verein an gleiche oder ähnliche Organisationen, insbesondere aber auch an Synagogen und Gemeindevorstände die Aufforderung, in ähnlicher Weise für die alsbaldige Erreichung des angegebenen Zieles Betrüge zu zeichnen. Der Verein Hauptsynagoge in Frankfurt a. M. ist auf Wunsch auch bereit, Beträge entgegenzuuehmen unb zu verwalten; er bittet jedenfalls ihm von etwaigen Beschlüssen Kenntnis zu geben. Die Adresse des Schriftführers ist: Alfred Berger, Frankfurt a. M., Gr. Friedbergerstraße 13. «tot* und Kommissionsverlag: Tb. Schatzky, Buchdruckeret und BerlaaSanktalt. G. m. b. Breslau lll, Neue Graupenstraße b.