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Liberales Judentum · 1922-09-01 · Heft 9 (1.9.1922) · p. Seite 77

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 9 (1.9.1922)
Date
1922-09-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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n von der verhältnismäßig gute« Ueberlieferung des hebräischen BibÄtextes, und welches Unrecht, wenn Delitzsch in seiner Beurteilung dieses Testes keines von solchen Anzeichen erwähnt hat! Auch durch die Aufdeckung diese- Tatbestandes meine ich den GrundsStzen der Wissenschaft zu ihrem Rechte verholsen und die Lösung ihrer Aufgaben gefördert zu haben. H. Auf dem nächsten Hauptgebiete der Bibelkritik, auf dem die Literaturgeschichte des althebräischen Schrifttums festgesteltt werden soll, hat Kuenen insbesondere durch sein zweibändiges Werk „Historischkritische Einleitung in die Bücher des Men Testaments", um den Titel gleich nach der deutschen Uebersetzung zu zitieren, sich an der Arbeit der neueren Bibelforschung beteiligt. Auf diesem Gebiete hat er aber im wesentlichen nur diejenige Gestalt weiter im einzelnen ausgebildet, die der Urkundenhypothese in bezug auf den Pentateuch vor ihm von Ed. Reuß sin Straßburg) und Carl Heim. Graf (in Meißen) gegeben worden war. Deren Anschauung besteht nach ihren Grundzügen in der Annahme, daß die fünf Bücher Moses ans vier Hauptschriften aufgebaut worden sind, die zunächst nach den in ihnen bevorzugten Gottesnamen „der Iah wist, der Elohist, der Deuteronomiker und der Priesterkodex" (besser: der priesterliche Erzähler) genannt werden. Die jahwistische »auschicht setzt bei 1. Mos. 2,4b—3, 24 ein. Die elohistische, die ha-’etohfrn „der (wahre) Gott" als Subjekt mehrfach gebraucht, ist zuerst in Kap. 20 deutlich erkennbar. Bom Deuteronomiker rührt der allergrößte Teil des 6. Buch Mose her, und vom priesterlichen Erzähler werden die Schöpftmgsdarstellung in 1. Mos. 1,1 bis 2,3, dann das Geschlechtsregister der Urväter (6,1 ff.) usw. insbesondere auch die Partien, wo genaue Zahlenangaben und Unterscheidung der Perroden anftritt, endlich die große« Gesetzeskorpora (2. Mos. 26—40; 3. Mos. 1—27; 4. Mos. 1—10 usw.) hergeleitet, wenn ich einen raschen Ueberblick geben darf. Diese Reuß-Grafsche Pentateuch-Hypothese ist von Kuenen nur ebenso weiter vertreten worden, wie sie nachher seit 1876 und hauptsächlich 1878 von Wellhausen in der 4. Auslage von Bleeks Anleitung in das Alte Testament zur Darstellung gebracht und in seinen fast gleichzeitig erschienenen „Prolegomena zur Geschichte Israels" nach ihren Hcmptausgangspunkten und Hauptkonsequenzen für die Auffassung der ganzen israelitischen Geistesgeschichte beleuchtet worden ist. Welche Stellung zu dieser neueren literarkritischen Arbeit am althebräischen Schrifttum ist nun von mir eingenommen worden? Inwiefern kann ich auf diesem Gebiete mit Kuenen verglichen werden, wie es in jenem Artikel dieser Monatsschrift geschehen ist? Nun als 1878 die erwähnten beiden Bücher von Wellhaufen erschienen, bei deren Beurteilung in der Theologischen Literaturzeitung der bekannte Professor Kautzsch (in Halle) „mit fliegenden Fahnen", wie schon oft gefügt worden ist, in das Lager von Kuenen-Wellhausen überging, arbeitete ich in Leipzig gerade <m meiner Habilitationsschrift, die entsprechend meinen bis dahin erschienenen Arbeiten „Gedanke, Laut und Akzent als die drei Faktoren der Sprachbildung, komparativ und lautphysiologisch am Hebräischen dargestellt" (philosophische Doktordissertation 1874) und „Neue Studien über Schrift, Aussprache und generelle Formenlehre des Aethiopischen" (1877) sich den „Sprach beweis in der Bi b el kri ti k" zu ihrem Thema gewühlt hatte, damals aber noch lateinisch geschrieben werden mußte. Natürlich war es für einen jungen Privatdozenten keine leichte Aufgabe, zur großen Frage der L i t e r a r - kritik Stellung zu nehmen. Aber ich habe schon in meiner Habllitationsschrift mich auf die Sette der lltera» kritischen Forschung gestellt, also nach meinen sprachgeschichtlichen Untersuchungen grundsätzlich ebendieselbe Stellung wählen müssen, die auch Kuenen eingenommen hat. Aber ich habe mich auch auf diesem Gebiete nicht einfach in die Flut der herrschenden Strömung werfen und von ihr mich treiben lassen können, was sehr verlockend war, denn mein Leben wäre dann ein viel leichteres gewesen. Nach meinen selbständigen Arbeiten mußte ich vielmehr die folgende Stellung zur Literarktitik zunächst am Pentateuch einnehmen. Erstens führten meine Beobachtungen zu dem Urteil, daß die el oh istis ch e Quelle und nicht die jahwistische die älteste unter den Pentateuchqnellen ist. Denn die vom Elohisten geübte Bevorzugung der Gottesbezeichnung ha’elohiin (1. Mos. 20,6 usw.) und die Vermeidung des Gottesnamens Jahwe weist in die Richterzeit. Denn in dieser Periode wurde hauptsächlich 's! als Kurzform von 'elohim in den zusammengesetzten Eigennamen Israels gebraucht, wie zuerst Eb. Nestle in seiner Preisschrift „Die israelischen Eigennamen in ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung", S. 71, nachgewiesen hat. Die Verwendung von Kurzformen der Gottesbezeichnung Jahwe tritt in den zusammengesetzten Personennamen erst seit Davids Zeit in den Vordergrund. Ausschlaggebend für das Urteil, daß die elohistis che Niederschrift der allen Ueberlieferungen infrüherer Zett als die jahwistische entstand, ist auch z. B. noch folgende Tatsache. Bom Elohisten wird die Aufstellung von Mazzeben oder Säulen der Erinnerung an ein -wichtiges Erlebnis noch oft als eine ganz korrekte Handlung erwähnt (1. Mos. 28, 18. 22; 31,13. 52 usw.), aber in der jahwistischen Schicht ist diese Erwähnung vermieden, weil im ernsten Entscheidungskampse zwischen dem nach der Reichsspaltung wieder begünstigten Baalskult (1. &ön. 16, 31 usw.) und der Jahwereligion auch die früher indifferenten Denksäulen verboten werden mußten (Hof. 3, 4; IO, 1 f.), da sie als obeliskenartige Symbole des Sonnengottes Baal aufgefaßt werden konnten. Diesem meinem Urteil, daß die elohistische Quelle die ältere ist, stimnren, nachdem es 1693 in meiner „Historisch-kritischen Einleitung ins Alte Testament" begründet worden war, mindestens sechs Gelehtte bei, und darunter sdlche, wie Hugo Winckler, Geschichte Israels I. (1895), 53; Hu. Jahn, Das Buch Wechsel (1906), 135; Adalb. Merx, Die Bücher Moses (1907), 133 f. Wie hierbei schon über die Ursprungszeit der elohistischen Schicht gesprochen worden ist, so ist gleich noch hinzuzufügen, daß der Iah wist wegen des Gebrauchs der Gottesbezeichnung Jahwe allerdings nicht vor David angesetzt werden kann, aber es besteht auch kein Grund, ihn weit über dessen Zeit hinabzudatieren. Im Gegenteil ist es eine natürliche Annahme, daß mtt dem politischen und geistigen Aufschwung, der unter den Regierungen Davids und Salonws eintrat, sich auch in der Literaturentwicklung ein Fortschritt anbahnte, wie dies oft in der Völkergeschichte eingetreten ist und sich aus der Natur der Sache erklärt. Folglich kann ich nicht der Annahme beistimmen, die von Kuenen, Wellhausen und ihren Nachfolgern (Gunkel usw.) gemacht wird, daß der Jahwist um 850 und der Elohist um 76O geschrieben haben. Zweitens hat meine Untersuchung des Pentateuch- Problems mir die Ueberzeugung ausgedrängt, daß die Quellenscheidung im Pentateuch allerdings ihre Gründe besitzt, aber auch ihre Grenzen hat. Eine solche Schranke besitzt diese Quellenscheidung aber a) sozusagen in bezug auf die B r u n n e n st u b e, aus der die Ströme der Pentateuchdarstellung ent- V

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