Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Jahre, bei Seth 205, bei Trios 190, bei Kenan 170 usw., während im hebräischen Texte 130 Jahre usw. angegeben sind. Folglich mußte ich schon diese Tatsachen gegenüber Kuenen betonen, und wievi.ele andere Gründe konnten noch außerdem dagegen vorgebracht werden, daß ein einziges Exemplar der Vater des uns setzt vorliegenden TeAes sei! Denn für diese neuere Behauptung will man weiter noch dies geltend machen, daß die sogenannten Abnormitäten im überlieferten Texte, wie z. B. die beiden umgedrehten Nün in 4. Mos. 10, 36 f. auf blindem Zufall oder leichtsinnigem Versehen beruhten. Aber dadurch sollen die sogenannten Signalworte „Herr, stehe auf, laß deine Feinde zerstreut werden usw.!" wie durch vorausgehende und nachfolgende Klammern einer Parenthese kenntlich gemacht werden. Ferner z. B. das geschlossene Mäm in Jes. 9, 6 kann nicht als ein zufälliger Schreibfehler angesehen werden, sondern sollte das bedeuten, was schon im babylonischen Talmud (Sanhedrin 94a) als sein Sinn angegeben ist, nämlich Gott habe den Sohn des Ahas, den Prinzen Hiskia zu dem in 9, 6 verheißenen Herrscher machen wollen, aber Hiskia habe sich dessen nicht würdig gezeigt, und so sei seine Ausschließung durch die Setzung eines geschlossenen Msm bei „zur Vermehrung der Herrschaft" angedeutet worden. Für die Begründetheit dieser Erklärung habe ich aber (Einleitung ins Alte Testament, S. 88) darauf Hinweisen können, daß gerade auch umgedreht ein geöffnetes Mem am Wortende in peruztm „eingerissene" in Neh. 2, 13 steht, um ein Sinnbild der damaligen Zerrissenheit der Mauckcn Jerusalems darzustellen. Auch die von de Lagarde verwertete Erzählung, daß aus Barkochbas Festung Becher (südlich von Jerusalem auf Guthes Bibelatlas 1911) die Davididen das einzige Exemplar des Gesetzbuchs mit nach Bagdad genommen hätten, kann keine Autorität zugesprochen bekommen. Denn diese arabische Erzählung taucht erst sehr spät auf, und nicht einmal in ihr ist berichtet oder cm sich wahrscheinlich, daß es in Becher oder bei den babylonischen Juden bloß ein einziges Exemplar des Bibelbuchs gegeben habe. Ist doch schon im Traktat Sopherim VI, 4 erzählt, daß jüdische Gelehrte im Tempelvvrhof drei Exemplare in bezug auf ihre Uebereinstimmung verglichen haben. Deshalb habe ich schon 1893 dieses Urteil abgegeben: Die Eigentümlichkeiten des massoretischen Textes sind in verschiedenen Handschriften nach und nach aus den und jene:: Gründen entstanden, darauf durch die Massoreten hauptsächlich vom 6. bis 8. Jahrhundert gesammelt und endlich nach deren Verzeichnissen in neuen Abschriften gewöhnlich beibehalten worden, denn es gibt auch mehr Abweichungen in den Handschriften, als gewöhnlich gewußt wird. Dieses mein IMeil ist im wesentlichen von folgenden Gelehrten gebilligt worden: von Strack in seiner Einleitung ins Alte Testament, von V. Aptowitzer, Das Schriftwort in der rabbinischen Literatur (1906), ü ff. und sogar von Stenernagel in seinem Lehrbuch der ©itifcihmfl ins Alte Testament (1912), 21. Also zunächst in: Gebiete der Textkritik meine ich auch gegenüber Kuenen einen guten Kampf gekämpft und darnach gestrebt zu haben, den wirklichen Tatbestand ansgezeigt und in seiner Bedeutung geschützt zu haben, und so hoffe ich, der Wissenschaft auch darin einen Dienst zu leisten, wenn ich ans diesen: textkritischen Gebiete auch neuestens vergessene Tatsachen ans Licht zu ziehen versuche, dem: die Geneigtheit, sich darauf aufmerksam machen zu lassen, ist bei manchen nicht gerade sehr groß, und es ist überhaupt schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Nämlich Delitzsch hat letzthin auch gegeullber dein Texte des althebräischen Schrifttums einen Borstoß unternommen. In seinem weniger bekannten Buche „Die Lese- und Schreibfehler im Men Testament" (1920) behauptet er, daß er „etwa dr eitausend Text> fehler" in diesem Schrifttum gefunden habe. Einet Untersuchung seines Materials hat mir aber folgendes Ergebnis geliefert. Erstens zichlt er auch diejenigen Berschen der Abschreiber mit auf, die schon von den alten jüdischen Gelehrten am Rande verbessert worden sind. Zweitens wirft Delitzsch gar nicht erst die Frage auf, ob er mit seiner mechanischen Gleichmachung der Aussprache vieler Sprachformen (§ 142usw.) im Rechte ist. Die alten Ueberlieferer des Textes werden aber doch besser, als wir Epigonen, gewußt haben, wie die Aussprache sich in den einzelnen Formen gestattet halte. Drittens operiert er z. B. mit dem Satze „Ein Plural kommt sonst nicht vor" (§ 134c usw.). Aber; was kann darauf ankommen? Die uns erhaltenen hebräischen Sprachdenkmäler bezeugen selbstverständlich nicht den gesamten einstmaligen Formenschatz des Hebräischem Also verwirft Delitzsch mit Unrecht eine Pluralform, wenn sie in dem erhaltenen Schrifttum nur einmal vorkommt. Biettens will er den hebräischen Text oftmals nach der griechischen Uebersetzung korrigieren, indem er z. B. zu dem im hebräischen Grundtexte stehenden Satze „Der Herr ist meine Zuversicht" (maeüs? Ps. 91, 9) schreibt: „Lies machsö, du, dessen * Zuversicht". Aber schon jeder Primaner im Hebräischen weiß, daß „du,- dessen Zuversicht" vielmehr machsekha verlangt, wofür meine Historisch-komparative Syntax der hebräischen Sprache § 344c Dutzende von Belegen gibt.; Auf diese Weise demnach hat Delitzsch seine „etwa drettausend Textfehler" zusammengebracht, und außerdem befolgt er, um den Zuverlässigkeitsgrad des hebräischen Textes zu ermessen, die von ihm auch sonst (vgl. mein Schristchen „Die moderne Babylonisierung der Bibel", 1922, 11 ss.) befolgte Meth od e, daß er kein Wort von den Tatsachen erwähnt, die zugunsten der Zuverlässigkeit des hebräischen Wortlauts sprechen. Ein einziges Beispiel von solchen Tatsachen sei aber dieses. Der Name der Stadt Damaskus kommt in der Bibel von 1. Mos. 14,16 an etwa dreißigmal,' und zwar in der Form Dammeseq vor und steht so auch in den Königsbüchern (1. Kön. 11, 24 usw.). Aber sechsmal lautet der Name dieser Stadt auch Darmeseq, indem die vielfach nachweisbare Erscheinung auftritt, daß der Doppelkonsonant durch die Einschaltung eines leicht aussprechbaren Lautes ersetzt wurde, wie z. in kirsem „abnagen" (Ps. 80,14), das anstatt kikserrr gesprochen wurde (mein Hebr. Wörterbuch 1922, 188b). Und wo stehen diese sechs Formen Darm&eq? In l.Chron. 18, 6 f. und 2.Chron. 16, 2; 24, 23; 28,5. 23! Also die nach der Sprachentwicklung spätere Form stellt auch in den späteren Büchern, was schon an und für sich ein höchst interessanter Umstand ist, weil er bas Gewachsensein der hebräischen Geschichtsbücher bezeugt. Aber was jetzt hier die Hauptsache bildet, ist das Faktum, daß von diesen sechs späteren Formen keine in die früher verfaßten Bücher zurückgetragen worden ist. Nicht einmal in die von den Königsbüchern gebotenen Parallelsätze jener sechs Chronikastellen ist von den Abschreibern eine Form mit r hineingebracht worden, obgleich denselben die Namensforn: mit r auch aus dem später anfkommenden Aramäisch gelfäuig war, wo dieser Stadtname ja Darmasqo* und ähnlich (z. B. bei Dalman, Aranüüsch-neuhebräisches Wörterbuch 99), aber immer mit dem später eingeschalteten r lautet, das auch im Assyrischen (Dimaschqi) und Arabischen (Dimischqu) noch fehlt. Also durch die Jahrhunderte hindnrch ist die ursprüngliche und die spätere Form jenes Stadtimmens in den früheren und späteren Geschichtsbüchern bewahrt worden. Welches deutliche Anzeichen