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Liberales Judentum · 1922-08-04 · Heft 8 (4.8.1922) · p. Seite 71

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 8 (4.8.1922)
Date
1922-08-04
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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beruhendes Veto entoeaetffefeen? Heißt nicht das Recht der Gegenwart anerkennen, wahrhaft liberal sein? Trotz aller erfreulichen Symptome der jüngsten Zeit, die eine Renaissance der hebräischen Sprache verkünden, M die hebräische Sprache für die Heranwachsende Generation nicht nur nicht Muttersprache, sondern eine fremde 'Sprache. Und wie kann man wahrhaft und wirklich in einer fremden Sprache beten? ..Die Sprache des Gebetes", sagt Hermann Cohn in seinem nachgelassenen Werke, ist die Sprache des Heikens. Die Sprache des Herzens aber ist die Muttersprache. So werden die Bestrebungen verständlich, welche in neuerer Zeit aus die Umwandlung der hebräischen Gebetssprache in die verschiedenen Kulturspra-chen gerichtet wurden." Ganz im Sinne Frankels. Geigers und übereinstimmend mit unserer eigenen Ansicht fügt Cohen hinzu: „Es ist mm aber die Frage, ob es (das ideale Moment, das; die Sprache des Herzens die Muttersprache sei) trotz aller seiner Wichtigkeit das allein Entscheidende sei; oder ob es zwar rmtbestiinmend bleiben müsse, ober nicht ftir sich allein den Ausschlag geben dürste." Die Selvsterhattung des Judentums in seiner historischen Eigenart, das Moment der Pietät, die Kontinuität jüdischen Lebens fordern die Erhaltung und Pflege der hebräischen Sprache. Und so kommt Hermann Cohen zu dem Schlüsse, dem wir mit ganzem Herren beipslichten: „Es wird sich daher bei diesem Konflikte nur um das Maß handeln, in welchem die beiden Prinzipien die Verteilung des Gebetsstoffes in den beiden Sprachen miteinander auszngleichen haben. Nach dieser Norm hat sich die Neuordnung des Gottesdienstes in den meisten deutschen Gemeinden gesteigert. Diese Norm entspricht beiden notwendigen Gesichtspunkten." II. S o l l d t e U e b e r s e tz u n g e i u e a r ch a i st i s chwörtliche oder eine aus dem deutschen SprachgeistfliestendefreieUebertraqunq sein? Einer der gefeiertsten Ueberfetzer, ein Meffter der Sprache, von Wilarnvwitz-Mölleiworf, gibt die Antwort aus diese Frage mit den Worten: „Wer einen altsprachlichen Text modernen Laien zugänglich machen will, muh den Buchstaben verachten und dem Geiste folgen, nicht Wörter noch Sätze übersetzen, sondern Gedanken und Gefühle aufnehmen und wiedergeben. Das Kleid must neu werden, sein Inhalt blechen; es bleibt die Seele, aber sie wechsett den Leib; die wahre Uebersetznng ist Metem- Pshchase." In gleichem Sinne äußert sich der orthodoxe Lehrer am .Hildesheimerschen Rabbmersenrmar. Dr. I. Wohlgemuth: „Das wörtliche Uebersetzen, das jedes ästhetische Empfinden aufs tiefste verletzt, ist trotz allem, was dagegen schon gesagt worden, noch allgenrein verbreitet. . . . Hochpoetische Form . . . verlangen wir bei der Uebersetzung. . . . Wie steht es jedoch mit der hochpoetrschen Form? ... In denl Artikel „Deutsche Bibelübersetzungen" der Hevzogffcherr Realenzyklopädie kommt der Satz vor: „Die Brbelübersetzurigen von Zunz. Sachs, PhiliPPson erstreben Worttreue und dienen mtt ihrem Iudendeutsch der Synagoge. Darob großes Geschrei in unseren Kreisen, mifc der Rezensent in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums'' fragt, ob diese jüdischer! Uebersetzer nicht mindestens ein ebenso gutes Deutsch geschrieben haben, wie nur einer der Mitarbeiter der Realenzyklopädie? Zweifellos, aber darum handelt es sich ja gar nicht, sondern ob das Deutsch, das jene Koryphäen in ihrer Bibelübersetzung gegeben haben, ein lesbares ist. llnd darauf lautet die Antwort: Nein, und abermals nein! . . . Es ist besäht rnend. sich derartige Sottiseu von Mchtjuden sagen lassen zu müssen, die auf unsere Bibel erst in zweiter Linie ein Anrecht haben. Aber darum bleiben sie doch wahr, und es schmerzt uns nur zu sehr, daß nach der Pentateuch- und Psalmettübersehnng von Mendelssohn, deren Bortrefflichkeit zurzeit von christlichen Uebersetzungen m'cht erreicht worden war. uns der Rang so gründlich abgelaufen worden ist." Ein neuerer jüdischer Meister der Uebersetznrrgskunst, MLeier Wiener, in der Einführung zu „Die Lyrik der Kabbala" spricht sich c^sv aus: „Bei Uebertragnugen besteht die Ausgabe in zweierlei: Es gilt den Inhalt und mich feine Form zrl übermitteln. Unter Form ist zu verstehen: erstens int weitesten Sinne der AuÄrnck urrd seine Wirksamkeit, zweitens, woran man gewöhnlich hauptsächlich denkt, das technische Aenßere, die Wortfügekunst in ihrem architektonischen, im Gegensatz zum dynamischen Moment. Diese Sammlung sicht ihre Aufgabe nur in der Medergabe des Inhaltes durch jenes zuerst erwähnte Moment der Form, nämlich sofem sie aus Ausdruckskraft gerichtet ist; von dem zweiten Moment hingegen, von der Medergabe des Formalen, wurde hier abgesehen. Meine Ausgabe sah ich in der möglichst ganzen und vollen Ueberrmttelrrng des Erlebnisses, das in der Dichtung niedergelegt wurde; die Uebertvagung möchte auf ihre Art so wirkungsvoll werden, wie der Urtext in seiner Art. Ausdrücklich werden hier die Freiheiten der Nachdichtung beansprucht, trotz des Bestrebens zur wörtlichen Treue in den wettaus meisten Stücken. Aus der Art nreiner Ausgabe ergab sich eine natürliche Form oder Nnfornr, die zrl dem das Lied oder Gebet veranlassenden Erlebnis auf kürzestem Wege zu gelange:! sucht. Hier iöitfb ein Mittelweg versucht: Nach Möglichkeit Ausschaltung jener Bestandteile, die nur aus Kompositionsgrirnden kamen, und verstärkte Betonung des eigentlichen Gebetinhaltes in frei fließenden . . . Umdichtungen. Wer di«se Uebertragungen ihrer Intention gemäß prüfen will, möge er erst ein ganzes Gedicht lesen und auf sich wirken lassen, dann erst lese er den Urtext und prüfe, ob in der Uebertragrmg nicht ein Abglanz voll: Leben des Urtextes zu finden ist. und ob die Neberfetznng zuweilen mcht zu einem innerlicheren Erfassen der Absichten des Urtextes zu verhelfen imstande wäre." Und zum Schluß noch ein Krvmenae: Lessiug (in seiner Hamburger Dramaturgie): „Die Sprache des Herzens kann mir das Herz treffen. Sie hat ihre eigenen Regeln; und es ist ganz um sie geschehen. sobald «um diese verlernt, und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen, und ihr alle die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben Null, die wir an einem logischen Satze verlangen." * * * Zu demselben Thema äußert sich Herr Dr. Spanier-Magdeburg, wie. folgt: Zn den drei Fragen, die das neue Liberale Emheitegebetbuch betreffen, gestatte ich mir zu bemerken: «id 1. Dein religiösen Bedürfnis des liberal Denkenden unserer Tage ist unbedingt zu entsprechen. Es müssen Mittel und Wege gesunden werden, um diejenigen Elementen, die ihren Jndiffercntismus mit der Unkenntnis des Hebräischen begründen, dem öffentlichen Gottesdienste Luzuführen. Die

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