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Liberales Judentum · 1922-08-04 · Heft 8 (4.8.1922) · p. Seite 72

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 8 (4.8.1922)
Date
1922-08-04
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 Auffassung, dann müssen sie eS lernen, ttifft nicht den Kern m Sache. Es muß dem Gefühlsmäßigen als einem selbständigen seelischen Tatbestand religiöser Art Rechnung getragen werben, da hat das verstandesmüßige Operieren, das Kritifteren zu schweigen. So ist wohl MaimonideS Wort minn ja nbcnn v2vv p» zu verstehen und religionspsychologisch auSzudeuten. Wir müssen den Standpunkt vertteten, daß das Gebet volle gegenwärtige Empfindung ist. Es gilt, um mit Professor Elbogen zu reden, „die alte Begeisterung für den Gottesdienst (nicht die Begeisterung für den alten Gottesdienst!), die Innigkeit der Gebetsstimmung wieder zu erwecken. Der GotteSdienst muß auch unS werden, was er den Bätern gewesen: Der Mittelpunkt des religiösen Lebens, die Stätte religiöser Sammlung und Weihe." Das Gebetbuch ist aber nicht wie Minerva völlig geharnischt dein Haupte Zeus entsprungen, sondern hat sehr allmählich seine jetzige Gestalt gewonnen und Bestandteile in sich ausgenommen, die auf das religiöse Gemüt in den verschiedensten Zeilen Eindruck erweckten. Wir möchten nicht den radikalen Reformern zugezählt werden, aber eS scheint nötig, dem deutschen Element mehr als bisher Raum zu gewähren, es müssen Gebete in deutscher Sprache, die in jeder Beziehung nach Form und Inhalt einwandfrei stimmungsvolle Andacht auszulösen imstande sind, geschaffen werden. (Bei dem „schönen" Freitagabendgebet im Joelschen Gebetbuch wirken die vielen Partizipialformen sehrstörend!) Auch deutsche Choräle — von der Gemeinde gesungen, müßten Aufnahme finden. ad 2. Die Uebersetzung soll in Prosa und nicht in wörtlicher Anlehnung an den Text geschehen — die Kunst des Stils ist allerdings nicht jedermanns Sache. Die poetische Form artet zu leicht in Knüttelverse, Reimschmiederei aus. Siehe Adon olom in JoelS Gebetbuch, hier ist keine Spur von Poesie. (In der letzten Strophe fehlte hinter: „Schützen" nur noch ein Ausrufungszeichen). Die Uebersetzung muß dem Texte gegenüber, nicht im „Unterhaus" sich befinden. ad 3. Es handelt sich nicht um einen „ftieblichen Ausgleich unter stteitenden Geschäftsleuten ähnlich" (Graetz Bd. 11, p. 416), sondern — wie gesagt — den gegenwärtigen Empfindungen möglichst Rechnung zu ttagen. Wir haben hier vor Allem den Freitagabend- und Sabbatmorgengottesdienst im Auge. a) Fceitagabendgottesdienft — beginnt mit Psalm 95, nicht mit. Minchagebet, Psalm 29 leise: nm roh und zwar -nvv, nanp1?, trip» und n-nm-i dann ’«13. Psalm 92 unb 9o. Kaddisch. Deutsches Gebet. i»-c, ron«, vv ntc-ip. nöK. N2V2 U2’2wn, 1-IVV1, v'v, idv'i. vnp. Schluß gebet (deutsch), Kaddisch. b) Sabbatmorgengottesdienst beginnt mit Adon olom, bei elohai — die Eulogie zu stteichen, weiter Awol — wischurun, atto hu — omen; nach Psalm 30 Kaddisch; es folgt man 'pivv, in -rnv d2i zu streichen von '-»vi bis zu Schluß 2'ia.i, ferner;i-iu du und bvb bis 'i -j&v, in --N2NN zu streichen ’p kto, ebenso '-iwd ixv - 2:1p dann '212'2N2LN i:'L NU 2wps 12WU1, in o^2pv 2d2i zu streichen 2»N1N bis 2<?2.2':siu.'ii - ansoS, hier einzuschalten: unm, in 121 .121» zu streichen der Satz: im'2-n, in wir« mn? — 2,1-1122 ^2 bis Kwr, ai, die v'v Wie in Joels Gebetbuch, ebenso das Ausheben usw. In der Mussaf m bei der Keduscha zu streichen von 1122 bis Vip2, sonst weiteres wie bei Joel. Unmittelbar nach der v-s von der Gemeinde zu singen : Ganz wibrw pn. Schlußgebet deutsch. Kaddisch. WaS da- Lol nidre betrifft, so möchte ich mich mit Entschiedenheit für-die alte Formel aussprechen, die neue» sind schwach und matt und keine ein Abglanz der alten. Vielleicht später mehr! Polemik unö Sachlichkeit. Bemerkungen zu Gunkels „Ausgewählten Psalmen". Von Dr. Skgfrid Behrens, Göttingen. Es scheint manchmal, als ob die Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum in der Wissenschaft«, lichen Arena freundlichere Formen annehnien wolle. Man freut sich, frei von aller Empfindlichkeit, iveuri der Autor den Versuch Waat, das Judentum vergleichsweise objektiv ur würdigen. sei es iu seiner Ideenleere, sei es in seiner reichen Quellenliteratur, die zu studieren ia eine unerläßliche Bedingung für jedes tiefere Verstehen und für jede Verständigung bleiben muß. Man wird unter den Hochschullehrern und den sonstigen wissenschastlichen Vertretern der theologischen Disziplinen Angehörige dieser Richtmrg antreffen. Aber auch wo ivir mit Genugtuung Abhandlungen und Kommentare kritisch würdigen. geraten wir nicht selten an Bemerkungen, die uns stutzig machen müßterr. Daß der christliche Gelehrte sein Christentum und sein Empfinden betonen zu müssen glaubt. Wollen wir gern in den Kauf nehnren. weil es zur Echtheit seine- Denkens gehört. Aber trenn wir auch gern zugeben, daß der christliche Gelehrte in erster Linie für Christen zu schreiben berufen ist. so bleibt doch ein Rest zu tragen peinlich, tvenn an-jüdische Quellenschriften Bemerkungen geknüpft ioerden. die in diesem Zusammenhang durchaus nicht erforderlich find. Ich wähle ein Beispiel auS Gunkels ..ausgewählten Psalmen", die wiederholt bei Ban den Loeck und Ruprecht aufgelegt, in Göttingen sicherlich in vielen Händen sich befinden. Glaubt irgend einer im Ernst, daß der anmutige Malm 128 eine völlige Ideenlehre des Itldentums davstellen sollte, ist das überhaupt die Aufgabe irgend eines religiösen Liedes, und befurche es sich in bedeutsamster Höhenlage. Gunkel hat den Gehalt des Psalms vortrefflich ausgeschöpst. hat darauf hinaewiesen. in welchenr Maße er israelitisches Familienglück schildert, das in Israel immer in vortrefflicher Verfassung gewesen sei. Dam: kommt der Hinweis (S. 265, 2. Auflage), daß die Religion damals noch iinnrer an die Männer deirke*) und (S. 256) daß die christliche Gemeinde denn doch noch ein höheres Glück feiere als irdisches Genießen usw. und die Propheten des A. B. ebenfalls in dieser Höhenlage sich befinden. ..Doch schelte niemand diese innige Frömmigkeit des Psalrnisten." Besagt dieser Psalm irgend etivas anderes? Geht er nicht deutlich genug von echter Frömmigkeit aus: Asohre kol jere adonoi? Wir meinen, man müsse nicht das wahre Gerrreßen des von Gunkel nachgezeichneten künstlerischen Bildes drrrch eine falsch angebrachte Polemik beeinträchtige>r. Es schadet denr Verstehen, nnd es schadet der Verständigung. nach der alle religiöse Vertiefung streben muß. wenn wir die Bahn strerrger, toissenschaftlicher Sachlichkeit verlassen, wie es nicht minder vom persönlichen Leben und Erleben gilt *) Die also eine uitteworbnete Rolle Wielen, Drück mb Kommissionsverlag: Th. Schätzt«), Bnehdr««ckerei »mb BerlaaSanllalt. (5. m. b. H.. Breslau Hl. Neue Graupenstrabe 5.

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