Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 8 (4.8.1922)
- Date
- 1922-08-04
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ob solche Erzählungen als Ueberlieferungen oder als Lagen. Märchen. Novellen. Idylle und Romane be- .eichnet werden, das kommt Wohl in der Hauptsache aus das Temperament des betreffenden Schreibers an. das ihm mehr oder weniger kräftige Ausdrücke in die Feder diktiert. Ich iverss nicht, ob sich die Wissenschaft später einmal auf Ihren Standpunkt stellen wird — seitdem Jerusalem;e\!tört ist. bat die Prophetie ausgehört —. beute tut sie es aber ganz gewiss noch nicht, selbst wenn der Krieg der vier Könige gegen fünf historisch sichergestellt wird. Kein Bibelkritiker siebt auf dem Standpunkt, dass sämtliche Erzählungen der Genesis ohne jede historische Grundlage seien. Aber auch Ilias. Odyssee und Nibelungensage dürften nicht ganz ohne geschichtliche Unterlage sein.^ die Ausschmückungen find aber je nach der „Mentalität" der Ueberlieferer verschiedenartiq gefärbt, hier Polytheistisch, dort monotheistisch. Und wenn selbst der eine oder der andere Kritiker einmal über den Strang schlägt — was ia Wohl jedem Schriftsteller passieren kann — soll man dann gleich seine ganze Wissenschaft verwerfen? Ob die Bibelkritik ms Wanken gekommen ist. wird die?>eit lehren, ich persönlich glaube nicht, dass Robertson einen Robertson-Smith. Koenig einen Kuenen bereits ans Dem Felde geschlagen haben. Berufen zu bibelkrftischem Wirken wären jüdische Wissenschaftler gewiss — wenn wir solche nur hätten! Ernste Bibelkritik kann nicht als Nebenfach betrieben werden. sie ist ein Lebensberuf: dafür gibt es heute leider noch keine Möglichkeit für jüdische Gelehrte. Vielleicht kommt einmal die Rett. in der sich die indische Wissensämft mit ganzer Seele und ganzem Können dieser Disziplin widmen kann. Je mehr sich jemand mit der Bibelkritik befasst, desto nie fit Interesse und Liebe gewinnt er ftir die Bibel, desto mehr Bibelkenntnis erwirbt er. desto mehr wächst für den denkenden, gebildeten Juden die Freude und die Beruht-' gnng. die Bücher der heiligen Schrift als geistiges Erbteil seiner Urahnen betrachten und erwerben zu können, ste. losgelöst von der Voraussetzung einer übernatürlichen Entstehung. mit stets neuem Entzücken lesen und erforschen zu föniicu. Mein Standpunkt ist daher: ein absolut vorurteilsloses Besänftigen mit der Bibelkritik. gänzlich voraussetzungsfreies Prüfen ihrer Ergebnisse und Hypothesen. Anerkennung des wissenschaftlich Festgestellten ohne Rücksicht ans überlieferte Ansichten. Das erfordert allerdings Borkenntnisse, die heute leider nur Wenige besitzen, und deshalb sst die Voran ssetznng: Erwerbt geuü<rende Grundlagen! 3ur Krage -es neuen liberalen Einheitsgebetsbuches. Boic Rabbiner Dr. 2 e l i g m a n n, Frankfurt a. M. I. Soll der liberale Einheitsgottesd i e n st durchweg he b räisch sein, oder wie weit und nach welchen Grundsätzen soll dem deutschen Element Raum gewährt w e r d e n? Diese Fragte ist nicht vom dogmatischen, sondern vom Standpunkt des religiösen Bedürfnisses aus? zu bcant^ ivorten. lieber die religionsgesetzliäie .Inlässigkeit einer anderen als der hebräischen Sprache kann kern Zweifel bestehen. Wer sich über diesen Punkt orientieren will, der lese die hochinteressanten Protokolle der Frankfurter Rabbrnerversammlung Seite 18—72 nach. In vieler Versammlung verwahrten sich selbst die konservativen Redner dagegen, dass die Muttersprache beim Gebet ganz auszuschliessen sei. Dir Hauptdiskussion ging nicht um die Frage. ob der Gottesdienst durchweg hebräisch fern solle, sondern ob das Hebräische aus religionsgesetzlichen oder sonstigen (irrationalen) Gründen beizubeh alten sei. In bemerkenÄverter Weise äusserte sich damals Abraham Geiger. Er hält es für wünschenswert, dass in der Muttersprache gebetet werde, die die Sprache des Gemütes sei. Alle unsere tiefsten Enrpfindungen und' Gefühle, unsere heiligsten Beziehungen, unsere höchsten Gedanken finden in ihr ihren Ausdruck. Er fieht sich zum Geständnis gezwungen, dass chm selbst, dem das Hebräische die zweite, ja-die erste Muttersprache — da er sie zuerst erlernte — war, dem eine Kenntnis dieser Sprache schtverlich streitig gemacht wird, ein deutsches Gebet mehr als ein hebräisches zur tiefsten Andacht anregt, welche Erfahrung er besonders in hiesiger (der Frankfurter) Synagoge gemacht habe. Das Heibrä-ische. führt er fort, lebt auch jetzt nicht mehr im Volke, und die Sprache der Gebete ist auch durchaus nicht mehr die Sprache der Heiligen Schrift. Uebevdies könne man leicht die Erfahrung machen, dass selbst das Vorlesen aus der Thora den grössten Teil der Gemeinde erinüde. Gegen den Einwurf, mit der Gestattmrg des Gottesdienstes in der Dtuttersprache werde die hebräische Sprache ganz aus unserer Mitte schwinden und hiermit das Judentum in seinen Grundtiefen erschüttert, bemerkt der Redner, dass er es für die tiefste Verletzung erklären müsse, wenn man es auf der Krücke einer Sprache einhergehend sich denke; auch würde, wenn die hebräische Sprache als wesentliches Moment des Judentums ausgestellt würde, dieses als eine nationale Religion dargestellt werden, da eine besondere. Sprache ein charakteristisches Moment eines gesonderten Volkslebens sei. Obwohl Zach. Frankel stark gegen diese Ausführungen Geigers polemisiert, erkennt er dennoch cm. „es sei allerdings dringend erforderlich, einen Teil des Gottesdienstes in deutscher Sprache zu begehen; nur meine er, dass die hebräische Sprache vorwalten müsse, indem diese die Stelle der bei unserm Gottesdienste mangelnden anderweitigen sinnlichen Momente der Erhebung und Aw regung vertrete." Geiger selbst ist, bei all seinem Eintreten für da- Gebet in der Muttersprache, in der Praxis kaum von Frankel verschieden, indem er in seinem Breslauer und' Frankfurter Gebetbuch das Hebräische durchaus Vorwatten liess und der Muttersprache nur einen bescheidenen Raum vergönnte. Deswegen lehnt er auch auf der Frankfurter Rabbinerversammlung für seine Person den Kornmissionsant rag ab. das Hebräische mir für Bore Hu. Schema, Tephilla und Dhoravorlesung beizubehalten, indem er bemerkt, dass es in dieser Frage lediglich auf das Bedürfnis der Gemeinden ankomme. Hat. so fragen wir. in den 77 Jahren, die seitdem verflossen sind, die Kenntnis des Hebräischen in den Gemeinden zugenommen? Ist das Bedürfnis nach einem Gottesdienst, in dem auch die Muttersprache erklingt, wicht ebenso stark, ja noch viel stärker in dem weitaus grössten Teil des liberalen Judentums vorhanden? Dürfen wir Rabbiner dem Verlangen, das heute in nicht vermindertem Masse aus liberalen Kreisen an uns herant-ritt. ein auf dogmatischen oder nationalen oder mystischen Gründen