Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 8 (4.8.1922)
- Date
- 1922-08-04
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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mtf sich ütt Unrecht auf Julius Wellhausen^ einm ihre« ersten FÄHver, bezieht. Dann müßten wir jedes wissenschaftliche Ergebnis Mchnen, jede wissenschaftliche Mitarbeit vermeiden. denn Sophisten und Fälscher gibt es auf jedem Gebiete. Friedrich Delitzsch hat nichts mit der bibel- Iritischen Mssenschast zu tun, er benutzt sie nur in unwissenschaftlicher Weise zu seinen besonderen Zwecken. Die weiteren Folgerungen, die an „Die große Täuschung" geknüpft werden, erscheinen nrir daher auch als Trug- MM. Im darauffolgenden Abschnitt wird ja auch zugegeben, das; Prediger und Lehrer nicht achtlos an neuen biblischen Problemen und an sogenannten gesickerten Ergebnissen der Brbelkritik Vorbeigehen können, allerdings mit der Einschränkung: „in einer gebildeten Gemeinde". Diese Einschränkung ist mir unverständlich. Meiner Meinung nach gibt es weder gebildete noch ungebildete Gemeinden. sondern in jeder, vielleicht selbst der kleinsten Gemeinde, gibt es gebildete und ungebildete Mitglieder. Den Satz: „untere jüdische Wissenschaft. Jahrhunderte hindurch führend in der Auslegung des Bibelworts, kann sich nicht dauernd ans den Isolierschemel setzen, ohne sich selber empfindlich zu schädigen", möchte ich freudig unterschreiben. Wenn es dann aber »weiter lautet: „Der Kampf will ausgenommen sein mit der größten Besonnenheit, aber auch ohne zu starkes Vorurteil", so steigen mir schwere Bedenken auf. In dem Wort „Kamps" liegt bereits ein Programm. Ein Kampf könnte auch nur ausgenommen werden, wenn er mit überzeugenden Mitteln geführt tverden könnte. Gegen eine Wissenschaft ankämpftn wollen, die uns unbequem ist, an der wir bisher achtlos vorüber gegangen sind, ist ein Kamps mit Vorurteilen, ein Kampf gegen Windmühlen. Solcher Kampf liehe sich mit der Ablehnung vergleichen. derer sich ein Einsteirr seitens der Aeadomie Francaffe zu erfreuen hatte. Es wird im alsdann Folgenden zrrgegeben. daß die erdrückende Mehrheit der Bibelkritiker von arrsrichligem Forschertrieb beseelt sei, ein großes Mas; von redlichem, gründlichem Fleiß aufgebracht habe. Zu diesem Zugeständnisse passen andere Stellen des Aufsatzes nicht gut; sie harmonieren hiermit ebensowenig, wie I. E. D. und P. es zuweilen trm. Drei Hauptgebiete bibelkritischer Betrachtung werden dann bezeichnet, zwischen denen die Stellungnahme von lebhafter Zustimmung zu schroffer Ablehnung schwanke und deren gemeinsamer Nenner allenthalben „Abkehr von der Tradition, schroffe Absage anjede noch so geheiligte Autorität außer der wissenschaftlichen Erkenntnis" sei. Hieran knüpft sich die Frage: „Wie also wollen wir Stellung nehmen?" Die gesperrt gedruckten Worte tragen die Antwort schon in sich, alles Folgende dient nur zur weiteren Ausschmückung des ablehnenden Standpunkts. Die lvahre Forschung, die echte Wissenschaft kann nicht an Voraussetzungerl irgend welcher Art gebunden sein, sie kann nur unbeirrt und ohne pietätvolle Rücksicht auf frühere Feststellungen und Ueberlieserungen weiter forschen und untersuchen, und wenn sie zu neuen Ergebnissen kommt, darf ihr nicht „tabu" entgegenschallen. Ein Galilei hat die Kopernikanische Lehre von der Bewegung der Erde um die Sonne abschwören müssen; heute, nach 300 Jahren, ist das zu einer Selbstverständlichkeit geworden, was damals als Bibelläfterurrg galt. Der gesperrt gedrückte Satz: „Der nwderne Bibelkritiker will sein eigener Masoret fein" ist wieder ein recht absprechendes Urteil .über die Forschungen der Bibelkritiker. Diese wollen nicht nur ihre eigenen Masoreten fein, sie müssen es sein, wenn sie aus den Namen wissen-, schaftlicher Arbeiter Anspruch machen wollen. Auch'' Abraham ibn Esra war sein eigener Masoret. Es mag sein, daß die von R. Akiba im zweiten Jahrhundert der jetzigen Zeitrechnung evlvähnte Masora gleichartig dem ist, was 400 Jahve später so genannt lvurde, die Gelehrten sind sich darüber nicht einig, viele übersetzen Akibas Ausdruck mit „Ueberlieferung". Es ist eine kaum zu bestreitende Tatsack)e, das; der biblische Text in der älteren Zeit, vor Abschluß des Kanons, vielfach verderbt und errtstellt wurde. Erst als die Sammlung des Kanons zum Abschluß gelangte, wurde auch der Text endgültig fixiert. Als dieser Abschluß erfolgte, wohl kurz vor der Zerstörung des zweiten Tempels, waren die Septuaginta und' der Samaritaner längst vorhanden. Weun die drei Texte, der masoretische. der griechische und der samari tonische, divergieren, dann gilt es fiir die Bibelkritiker, den wahrscheinlich richtigen Urtext zu erforschen. Dem uiasoretischen Text wird dabei die größte Bedeutung beigesegt. es wird aber auch nicht vergessen, daß der Hauptzweck der Masora auf religiösem Gebiete lag. Wenn mm die Wort- und Textkritik mit der Masora zusammenstoßen, einer erst weit über 1000 Jahre nach Moses — wahrscheinlich auch' nach Iesaia— entstandenen Wissenschaft (Statistik ist ja auch Wissenschaft'), soll dann die Bibelkritik vor dieser „beinahe wie ein Wunder aumutendeu" masoretischen Textüberlieferung Halt machen? Das wird keine ernste Forschung können, wenn ihr auch entgegengerufen wird: „Die Schriften unserer Bibel sind eben heilig, die übrigen nur kanonisch." — Das mutet an. wie die bekannte Anekdote von dem Juden, der an die Himmelfahrt nicht glauben will, und als er aus die Eliaserzählung hingewiesen wird, antwortet: ja unser Bericht ist aber auch wahr! In den PaRDeS ist Rabbi Akiba allein gegammen, seine Kollegen konnten ihnl nicht dahin folgen, selbst, der Sage nach, unser großer Lehrer Moses nicht, denn dieser ist über den Pschat: „Du sollst nichts hinzufügen und' nichts hinwcgnehmen" nicht hinausgekommeu. Akiba ist aber der Letzte, dem man nachsggen könnte, daß er sich um den wirkliche):, einfache): Wortsnm bemüht habe. Nachdem der nächste Absatz wieder recht unfreundlich gegen die Bibelkritiker Malten ist. gibt imutt merkwürdigerweise der Verfasser die Hauptergebnisse der Bibelkritik als wissenschaftlich gesichert erscheinende zu: der Pentateuch ist nicht das literarische Werk Moses, ursprünglich auch keine literarische Einheit, parallele Erzählungen und Gesetzesgruppen sind vorhandel), die durch keilte crzwultgenen Harmonisiernugskünste den gleichen Autoren zuzuschreiben sind. Dallüt stellt er sich doch voll auf bcu Böden der Bibelkritik, alles andere sind Ausführungen und Folgerungen. Ueber Einzelheiten kau)) man geteilter Ansicht sein, auch Hillet und Schammai marschierten oft auf getrennten Wegen zum gleichen Ziel. Dagegen weist er bat Satz: „Die Genesis ist eine Reihe von Sagen" als wissen sämftlich nicht einwandfrei zllrück. Hand' anfs Herz. Herr Doktor, nlöchten Sie die Erzählungen von Adams Rippe, Evas Apfel, Noas ie sieben Paaren reiner Tiere, der babplonischen Sprachverwirrung, der Verwandlung von Lots Frau in eine Salzsälile, Jakobs Kampf mit dem Engel m'w. als historische Tatsachen bezeichne))?