Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 8 (4.8.1922)
- Date
- 1922-08-04
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 — i zu der von ihm gebilligten grundsätzlichen Zertrümmerung zahlreicher hohl und nichtssagend gewordener Formen der Religion, zur Vereinfachung oder gänzlichen Abtragung des Zauns um das Gesetz, zur Geltendmachung des Rechtes, alte Gebete auszumerzen und neue einzusühren (S. 6) gelangen kann, bleibt schlechterdings, unverständlich. Wird es doch überhaupt nicht möglich sein, in jedem Augenblick ein vollständiges Bild des Lebens aller Juden, des Klal-Jsrael, zu gewinnen, wird doch jeder derartigen Maßregel das Bedenken entgegenstehen, daß damit etwas abgetragen wird, was für den Zusammenhang des Klal-Jsrael notwendig ist. Und wird doch eine jede derartige Maßregel dem berechtigten Einwand völliger WillkÜrlichkeit und Prinziplosigkeit begegnen. Der Begriff des Lebens wäre allerdings brauchbar gewesen, wenn Leben hier nicht in: animalischen Sinne imb nicht in dem Hegelschen Sinn gefaßt wäre, sondern nur eine andere Nusdrucksweise gewesen wäre für das, was das methodische Prinzip des Liberalismus ist, den Begriff der geschichtlichen Entwicklung, wem; Wiener nicht den Querschnitt durch das gegenwärtig lebende Judentum gelegt hätte, sondern wie Geiger es tut, den Längsschnitt durch das gesamte geschichtliche Judentum von Anbeginn bis zur jeweiligen Gegenwart. So möchte ich Wieners Wort von dem Klal-Jsrael aufnehmen, aber ich bin mir bewußt, daß dies in einem ganz andern Sinne geschieht, als Wiener das Wort gemeint hat. So ist Geigers Wort zu verstehen, daß das Judentum sich „auf das in der Geschichte sich ausprägende Leben der Gesamtheit stützt."') Darum kennzeichnet Geiger mit vollem Recht die liberale jüdische Theologie: „Sie ist im echten Sinne des Wortes offenbarungsgläubig, sie glaubt an den Gottesgeist, der im Judentum die nirgends sonst erkannten religiösen und sittlichen Wahrheiten weckte, kräftigte, zur Reife und zum Siege führte durch seine absolute Schöpferkraft.... Diese Wissenschaft ist traditionsgläubig, sie glaubt au den Gottesgeist, der im Judentum seine Schöpfung erhält, sie immer frisch geistig belebt... So ist das geistige Schöpfungswerk geschlossen, aber fortzeugend wirkt der Geist, der es trägt und es, indem er es erhält, durchhaucht und zu lebendiger Wirksamkeit antreibt... Diese Wissenschaft steht demnach im lebendigsten Zusammenhänge mit allen vorausgegangenen Entwicklungsstufen; alles ist ihr wie des Judentums unveräußerliches Eigentum vom ersten Worte der Bibel bis zum letzten eines Talmudisten, von den tiefsten Gedanken der mittelalterlichen Philosophen bis zu den Lukubrationen eines jeglichen Darschan, von der buchstäbelnden Enge des Kasuisten bis zum freien Worte der neuen Predigt. Ueberall erkennt sie den ursprünglichen Geist nach den verschiedenen Zeiten unb der verschiedenen Begabung und dennoch in voller Einheit"?) „So schreitet sie mit hoher Achtung für die Vergangenheit, mit eifrigen! Streben, sie zu begreifen, besonnen in die Zrckunft hinein, um alle vorhandenen Schütze ihr in gereinigter Gestalt zu übergeben, aber auch mit der ernsten Forschung in den eignen noch unerkannten Tiefen, um neue Schätze zu graben."^) Von dieser Anschauung aus verwerfen wir Liberalen „die Auflehnung gegen die jüdische Tradition", die nach Wiener (S. 0) „einem besonnenen freien Geist nur willkonunen sein kann". Wir sind vielmehr mit Geiger der Meinung, daß die Tradition die ebenbürtige Tochter der Offenbarung ist, die Manifestation des inneren Grundtriebes, die freilich immer in zeitlich bedingter Ausprägung hervortritt und demzufolge auch in der v5Üt>- Zisch r. IX 206. 2) Jüd Zisch'.', f. Wisseusch. n. Leben I 6 s aJ Dass. 249. Entwicklung der Zeiten einer Umgestaltung, einer neuen lebendigen Umprägung unterworfen ist. Damm betonen wir mit Geiger die geschichtliche Kontinuität') und können so weit besser den Zusammenhang mit der Gesamtheit des Judentums der Gegenwart wahren. Das ist die Z-ee des religiösen Liberalismus im Judentum. Ich sollte meinen, daß in ihr von irgend welcher Unklarheit nichts zu spüren ist. An uns ist eg dies Prinzip in allem Wandel der Verhältnisse immer von neuem in aller Klarheit und Schärfe herauszustellen und die Weiterentwicklung in dem geschichtlichen Gesamtgeist zu fördern. Das ist der Sinn der vielgeschmähte» „Richtlinien", die nicht ein für alle Zeiten gültiges Credo des liberalen Judentums') und ebenso wenig einen liberalen Schulchan Aruch") auf stellen wollen. Doppelt und dreifach notwendig erscheint angesichts dieser neuen Phase in der Entwicklung des religiösen Liberalismus die infolge des Krieges bisher noch immer nicht erfüllte Forderung der theologischen Begründung der Richtlinien. ') s. Geiger, Das Judentum mcd seine Geschichte I 73 st. und Jüld. Ztschr. IX 262 ff. 2) ft mein Referat ans der Posener Tagung. Ltb. Jndeiiimn W 228. 8) So richtig Lewkowitz in Lib. Indent. XIV 18. Nanöglossea zu »Unser Verhältnis zur Bibelkritik". " Bon Joseph Kauffmann, Berlin-Wcißenscc. Die Nr. 6 des ..Liberalen Judentum" enthält einen Aufsatz: „Unser Verhältnis zur Bibel knick" von Dr. 0* Samuel. Da die Zeitschrift allen Mitgliedern der Ver-i einigung für das liberale Judentum zuacht, kann die Abhandlung wohl nicht nur für die Amtsgenossen des Herrn Verfassers geschrieben sein, sondern der Inhalt will darlegen. wie sich die Vereinigung überhaupt zur Bibelkritik! stellen soll. Als Vereinsnntglied glaube ich daher berechtigt zu sein, meine Ansichten zu der Abhandlung äußern zN köunen. Die Stellungnahme eines Rabbiners, der sich als. Vertreter dev Religion fühlt, zur Bibelkritik, muß eine andere sein, als diejenige eines Laien, der unabhängig vom Amt nur die wissenschaftliche Seite der Kritik in Betracht zu ziehen braucht und einen objektiven Standpunkt einnehmen kann. Bon solchem Standpunkt aus erscheint mir .zunächst! die Bemerkung, daß die jüdische Wissenschaft fast während! des ganzen Ablaufs der btbelkritischen Bewegung den stummen Beobachter gespielt habe, nicht ganz richtig zu! sein. Männer wie Leopold Znnz, Abraham Geiger, Heinrich Graetz und I. Popper, namentlich die ersterett« haben sich lebhaft an der Bibelkritik beteiligt, allerdings in einem anderen Sinne als David Hoffmann und Bcimp Jacob. Warum werden in einem liberalen Blatt nur diese und nicht wenigstens auch Geiger erwähnt? Daß sie keine Nachfolger gesunden haben, daß unsere indischen: Gelehrten sich während der letzten 50 Jahre nicht an den Forschungen beteiligten, denen große Geister ans dem anderen Lager in Deutschland. England. Frankreich und Holland ihre Lebensarbeit gewidmet haben, hat Gründe, die ich hier nicht untersuchen möchte. Aber ganz geivist ist weiteres Abseitsstehen nicht durch Borkomnmisse der jüngsten Zeit gerechtfertigt. Es erscheint mir seltsam, daß »vir unsere Stellungnahme zu einer Wissenschaft, die sich! seit 150 Jahren entwickelt hat, dadurch beeinflussen lassen sollen, daß ein Pamvbletist Trugschlüsse aus ihr zieht B ■