Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 8 (4.8.1922)
- Date
- 1922-08-04
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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67 lein muffen, bofi 8as Temeinbeköen m streu« konservativem Sinne gestaltet werden müßte. Nicht die AuSdvucksform und das verschiedene Urteil über sie gibt uns zum Unterschied von der Orthodoxie den Anspruch auf den Namen liberal, sondern wir haben die liberale Gefamtauffassnna des Judentums, die ohne Beziehung und ohne Rücksicht auf die Orthodoxie gebildet ist. und diese Gesamtmrfsassunq ergibt im Verhältnis zu anderen, die anders denken, eine Scheidung und bedingt unsere Stellung zu den Ausdrucksformen des veWösen Lebens. Wiener glaubt die Idee des religiösen Liberalismus zu finden in dem Pvinzch des Lebens. Kellermann und haben mit vollem Recht dies Prinzip abgelehnt. Kellermann nennt recht milde Wieners Ausführungen eine ..Konzession an den Nationalismus". Lewkowitz formuliert mit Recht dies Urteil schärfer: „Wiener seht hier an Stelle des religiösen den nationalen Begriff des Judentums." Denn er betont die religiös ethnische Grundlage des Judentums. sieht in der tiefsten Verwurzelung uni nnserm Stamm etwas Gottbestimmtes, hält den gsistigen Gehalt des jüdischen Gottesglmibens zwar fitr ein sehr ivichtiges. aber eben nur für ein Mormnt in der Totalität des jüdischen Sems, behauptet, daß Gott uns erwählt habe, bevor er uns sein Gesetz gegeben hat, nennt den Weltmissionsgedanken^) eine Umbiegung moderner Ausleger, die den Glauben, daß Gott diesen Stamm, jeden einzelnen Menschen zu seinem besonderen Dienst erkoren hat. so urngedeutet hätten. Das ist dieKapitulationderiüdischen Religion vor der jüdischen Nation. Daß dieser Frage gegenüber eine verschiedene Einstellung möglich ist. wird durch das Bestehen der nationaliüdischen Bewegung bewiesen. Eine eingehende Darlegung meines grundsätzlich ablehnenden Standpunkts ntufi ich mir versagen, weil sie den Rahmen dieser Erörterung sprengen würde. Aber selbst wenn man, Wieners Standpunkt teilend, die Religion nur als einen der vielen Bezirke des jüdischen Seins ansehen wollte, so müßte man. wenn man einen religiösen Liberalismus überhaupt anerkennt, für diesen das Prinzip finden, nach dem er in dem angeblich engen Geltungsbereich des Religiösen wirksam sein soll. Wieners Auffassung ist im höchsten Maße bedenklich. Kellermann ist mit Recht erstaunt, daß der Hegelsche Begriff des Lebens dem liberalen Judentum zu Grunde gelegt wird, und Lewkowitz verlangt mit gleichem Recht eine schärfere Analyse dieses unbestimmten Begriffs. Mr scheint die Wienersche Auffassung mit den besten Ueberlieferungen des Judentums im Widerspruch zu stehen. Was Wiener vorträgt, ist ein Plaidoyer für die Scheidung in „Edelrassen" und minderwertige, und es wird nicht besser dadurch, daß er nur eine Edelrasse, die jüdische, anerkennt. Er wendet die Erwählungslehre so, daß Lessings Tempelherr recht hätte, wenn er den Juden vorwirft, als erstes Volk „Menschenmäkelei" *) K«llermann in Jüd.-ttb. Zig. 1922 Rr 17, Lewkvwitz in Lid. Judentum XIV S. 43. *) Es ist notwendig, dem Settwllten und ungewollten Mißverstänkdnis des Wortes von der „Mission des Judentums" einmal entgegvnzutreten. Es zeigt sich hier wieder die Gefahr des Gebrauchs von Ausdrücken, die nicht unbedingt eindeutig fmd. Bon der unsprünglichen Bedeutung „Sendung" aus hat das Wort Mission im Christentum die Bedeutung der Verbreitung der Lehre unter Andersgläubigen angenommen. In diesem Sinne, brauchen wir das Wort „Mission des Judentums" nicht. Uns bedeutet es vielmehr die providenttellc Sendung des Judentums, deren Sinn am deutlichsten mrs den Gotteskuechtswden des Deuierosesaja erhellt. Dies« Sendung Israels gebt allerdings an die ganze Welt, trägt durchaus universalen Charakter. Ob Wiener diese Anschauung von der Welttnifsiou^ des Judentums meint, oder ob er die mir änrückgcwiesene Ansicht im Auge hat, vermaa ich mcht mit Sicherheit zu entscheiden. getrieben zu habcu. Lern gegenüber steht, um nur eine einzige Stelle anzuführen, Ben Asais Wort, der in dem Satze I Ö. 9R 5,1 einen Hauptgrundsatz des Judentums findet, weil er die Gleichheit aller Menschen ansspricht und es jedem verwehrt, dem andern gegenüber sein Geschlecht als das edlere hmzustellen. Fast hat rnarr das Empfinden, daß die offenbar cmllingende richtige Deutung des Amoswortes, Las von der Verpflichtung durch die Erwählung spricht, bei Wiener gewaltsam zurückgedrängt wird. Denn nicht bevor Gott seine Lehre gegeben hat, sondern vielmehr durch die Lehre hat er Israel erwählt. Das spricht Ps. 114 deutlich aus: „Als Israel aus Aegypten zog... da ward Juda sein (Gottes) Heiligtum, Israel sein Reich". Und wenn wir in dem Segensspruch über die Thora Gott preisen, der uns erwählt und uns seine Lehre gegeben hat, so sprechen wir nicht zweierlei damit aus, sondern bekunden, daß er uns erwählt hak, indem er uns die Lehre gab. Daß der jüdische Mensch eine besondere „Art", eine „eigene Geprügtheit" hat, daß dieses „Gefühl der engsten Zusammengehörigkeit jüdischen Menschseins mit Gott" vorhanden ist, ist nicht durch das animalische Moment blutmäßigen Judeseins bedingt, sondern die religiöse Idee hat diese Menschen erst zu diesen jüdischen Menschen umgeschaffen. Nicht die jüdischen Menschen haben die Religion, sondern die Religion hat die jüdischen Menschen geschaffen?) Das ist aufs deutlichste zu erkennen in der Geschichte des alten Israel während des ersten Tempels, als die Propheten den Kamps der Religion um die Seele des Volkes führten. In geradezu verhängnisvoller Weise verwirrt Wiener Ursache und Wirkung. Wie aber dieser Begriff des Lebens für den religiösen Liberalismus wirksenn wird, zeigt er in seinem Aufsatz „Religiöse Erneuerung", wo er den Klal-Jsraelgedanken an seine Stelle seht, ihn das erste jüdische Dogma, aber einen Glaubenssatz des Lebens, nicht der starren Theorie nennt. Mr scheint zum mindesten die Ausdrucksweise reichlich unklar zu sei,:. Und gegenüber dem zum Dogma erhobenen Kl al-Jsrael-Gedanken — dem Himmel sei Dank, daß wir Juden keine höchste Glanbensinstanz besitzen, die nun Dogmen mit verbindlicher Kraft promulgieren kann — verweise ich auf Lewkowitz' Bemerkung gegen Goldn.mnn, daß der Subjektivismus ein Prinzip des Liberalismus ist; freilich nicht, wie Lewkowitz sagt, „das wirkliche Prinzip"^. Dieser Kl al-Jsrael-Gedanke scheint die Gesamtheit der jeweils gegenwärtigen Judenheit zu begreifen. Ich gehe nicht aus die von Kellermann mit Recht hervorgehobene Schwierigkeit ja Unmöglichkeit ein, diese Gesamtheit, dieses Leben festzustellen. und als Maßstab zu benutzen. Ich meine, daß Wiener hier einen methodischen Fehler begangen hat. Er verlangt, daß durch das Judentum gleichsam ein horizontaler Schnitt gelegt wird, um Sinn und Maß des religiösen Liberalismus festzustellen. Welche Zeit wirklich maßgebend sein soll, gibt er nicht an, vermutlich ist ihm eine jede Zeit recht, weil dies sich aus dem Begriff des Lebens ergibt. Aber wie man aus diesem Querschnitt nicht ein zufcllliges, sondern das Judentum und den jüdischen Geist erkennen, wie man aus diesem Bilde i) ES Ist vielleicht nicht uninteressant auf einen Widerspruch in Wieners Darlegungen hiuznw eisen. Er spricht (S. 5) davon, daß wir einem nichtjüdischen Religionsbegrifs verfallen sind. Ich fand in Der Versammlung seine Zustimmung, als ich dies Wort einer mißverständlichen Ausfassnng gegenüber dabiN interpretierte, daß der Maßstab für das, was Religion ist, vcn dem Christentum hergenommen wird, und daß das Dogma für die meisten das Kriterium der Religion ist. Wiener selbst gebraucht aber den Begriff der Religion in gleicher Weise, wenn er (Z. 7) das Wort Religion durch den Zusatz crläulert: „will sagen durch einen Glauben an ein paar Jormrln". 3) Lib. Indent. XIV 2. U.