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Liberales Judentum · 1922-08-04 · Heft 8 (4.8.1922) · p. Seite 66

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 8 (4.8.1922)
Date
1922-08-04
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 sich?iue ähnlictx >)litfd)tuiu>nv Den Mißerfolg sieht Mener darin. das; der Liberalismus cittc religiöse Erneuerung nicht gebracht l-at. Selbst wenn wir diese keineswegs uneingeschränkt richtige These zugeben wollten. . bliebe die Folgerung falsch. Denn die Frage muß aufgeworfen werden, ob ohne den Liberalismus eine religiöse Erneuerung möglich getvesen wäre, und ob der Liberalismus seinen Bedingungen nach ein Hindernis dieser Erneuerung gewesen ist. Demr die blofte, keineÄvegs uneingeschränkt zugegebene Tatsache, daß er sie nicht gebracht hat. beweist nichts gegen den Liberalismus. Hier sprechen andere Momente mit. BeÄe fragen sind glatt zu verneinen Wäre der religiöse Liberalismus nicht gewesen, so hätte die innere Abwendung vom Judentum ganz andere Ausdehnung angenonunen und ganz andere verheerende Wirkungen ausgeübt. als es der Fall gewesen ist. Es hat der Liberalismus zum mindesten den Erfolg erzielt, das; er weiten Kreisen innerhalb des Iuderr-ttrms die Möglichkeit der Religion überhaupt erst gerettet hat. Man sollte, auch trenn man gemachte Fehler nicht verkennt, und wenn man grundverschieden über manäse Maßnahulen urteilen mag, dieses unleugbar große Verdienst des Liberalismus nicht außer acht lassen. Wieners Vergleich mit der Reformatton, der natürlich zu mrguirsten des indischen Liberalismus ausfällt. ist durchaus abwegig, weil er auf Verkennung der geschichtlichen Voraussetzungen beruht. Die Reformation in der christlichen Kirche ist — so stark sie auch in ihrer Entwicklung von außen her beeinflußt ist — lediglich von innen heraus entstanden, die ReforMbewegtlng im Judentum war erst möglich, dann aber auch notwendig. als van außen her Bresche in die Ghettoumuern gelegt, die ganze Struktur des damaligen Judentums von Grund aus erschüttert, die seelische Einstellung der Etüden gänzlich verändert war. Im Christentum drängte das religiöse Sehnen, das in der Kirche vielfach unbefriedigt blieb, nach einer Erneuerung, im Judentum drohte damals der ganze Bau des religiösen Lebens zusamrnenzubrechen» unfc er Wäre zusammengebrochen ohne die Reformbewegung ^)- Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß die ersten Reformer durch Verschönerung des Gottesdienstes, durch Beseitigung störender Aeußerlichkckten das Judentum zu erneuern hofften, und daß diese Hoffnungen enttäuscht wölben sind, enttäuscht werden mußten, weil man einzelne Maßnahmen traf, ohne ein festes und klares Prinzip zu haben. Es war eben das Verhängnis, daß die gewaltsam rasche Wandlung der Dinge nicht die Zeit gelassen hatte, die Resormbewegung gedanklich, theoretisch zu begründen. Das ist das große Verdienst der zweiten Generation der Reformer, wie David Philipsou sie nennt *)• Und hier steht allen voran und überragt alle arweren Abraham Geiger. In seiner Schrift „Der Hamburger Tempelstreit" spricht er es 1842 aus: „Der Geist und die Gesinnung, das Bekenntnis und die Lebenspflichten. wie sie dem Iuderrtmn innewohuen. wie sie dem Judentum eigentünrlich sind, sie sind die Zeitfrage" “). Auf der Frankfurter Rabbinerversammlrmg 1845 forderte 5 Ein« völlige Veüenmmg der Motive wie der Maßnahmen der Reform, einen gänzlichen Mangel an Fühigksit sich in das geschichtliche Verständnis hineinzuversetzen, zeigt Mar Michael, „von der Kanzelpredigt" (in Gate Herrn Rabb. Tr. Nobel zum 50. Geburtstag dargebracht. Frankfurt 5682, tejorrders S. 72). Aus eine Auseinandersetzung mit Michael ums; ich für den Augenblick verzichten. 2) D. Pliilipson, The Ile form Movement in Judaism. New York 1907. Das vortreffliche Werk, das bisher leider nicht in deutscher UÜbersetzung crichieneu ist, kann einem jeden, der die, Geschichte des religiösen Liberalismus kennen lernen und geschichtliches Verständnis für die Bewegung ge n»innen will, auf das wärmste empfohlen werden. 9 Nachgel. Schriften I 595. Zacharias Frankel als Voraussetzung jeder Reformmaßrogel die Aufstellung fester Grundsätze, bezeichnet« er die Prinzipienlosigksit als den ärgsten Feind der Religion. der von allen bekämpft werden müsse. So weil auch damals die Anschauungen auseinander gingen — Frankel hielt es bekanntlich für geboten, aus der Versammlung anszutveten — in dieser Forderung fand er allgemeine Zustimmung. Das ist der Standpunkt, den Geiger vertrat, der nicht eindringlich genug vor einer „Reform ins Leere" oder „Revolution" warnen konnter). Ein solches Prinzip hat Geiger ausgestellt. Nach Wiener ist freilich die Idee des Liberalisimls unklar. Darm« stellt er ihr eine allerdings neue gegenüber. Aber diese seine Idee ist weder klar noch richtig, sie kann kein sicheres Fundament gebem von dem aus religiöse Maßnahmen zu billigen oder zu verwerfen sind. Es würde vielmehr auf dieser Basis nur eine Refornr ins Leere sein, lediglich bedingt durch das persönlich subjektive Empfinden dieser oder jener religiösen Aeußerung gegenüber. Es ist zunächst unbedingt äbznweisen, daß wir liberal find „insoferrr wir nicht orthodox sind, nicht die Gestalt des Judentums aus dem 15. Jahrhundert für sein ewiges Gesicht uns ausrrden lassen" * 2) Ich sehe gänzlich davon ab. daß die Zeitbestimmung unrichtig gewählt ist. Denn auch die Orthodoxie, und zwar die westjüdische wie die ostjüdische. denkt nicht daran, das 15. Jahrhundert festzuhalten; ist doch der Sch-ulchan Aruch erst im 16. Jahrhundert verfaßt worden. Indes, ich glaube diese Bemerkung richtig dahin zu verstehen, daß Wiener in möglichst scharfer Zuspitzung hat sagen wollen, daß der Liberalismus darin besteht, daß wir das Judentum nicht in einer mit der Gegenwart nicht in Einklang stehenden Form einer längst vergangenen Zeit arrsehen. Freilich mit welchem Recht wir das tun. woraus wir unsere Befugnis herleiten, das Judentum anders anzusehen und darzustellen als frühere Jahrhunderte, das geht aus Wieners Ausführungen ganz uüd gar nicht hervor, ergibt sich keineswegs aus der von ihm formulierten Idee des Liberalismus. Aber auch darüber hinaus ist seine These falsch. Nicht darum sind wir liberal, weil wir das Judentum nicht in der Gestalt vergangener Jahrhunderte festhalten wollen, sondern die Formulierung muß lauten: weil wir liberal sind, darum können wir das Judentum nicht in der mittelalterlichen Gestalt feschalten: können es nicht, auch wenn wir es wollten. Das Unterscheidungsmerkmal ist fatsch angegeben. Was Mener als den wesentlichen Unterschied von der Orchodoxie hinstellt, ist nur ein N)mptom und trifft keineswegs das Wesen der Sache. Und damit hängt ein anderer methodischer Fehler eng zusammen. Wiener sicht in dem von ihm so scharf kritisierten Liberalismus lediglich etwas Negatives, und dieser Umstand erklärt in hohem Maße die Schärfe seiner Kritik, erklärt auch, daß er seinerseits ein neues ^rinnp des Liberalismus sucht. Aber es ist mir schwer verständlich. daß fast ein halbes Jahrhundert nach dem Tode Abraham Geigers ein liberaler jüdischer Theologe den Liberalismus so ansicht. Wäre diese Anschauung zutreffend. so wäre damit anerkannt, daß das eigentliche, richttgc Judentum das orthodoxe, daß der Liberalismus ohne positiven Gehalt, etwas recht Kleines ist. Den Anspruch auf gleiche Geltung und Bewertung unserer Anschauungen neben den konservativen könnten wir dann gar nicht erheben. Dann wäre es richtig, daß durch irgend welche liberalen Maßnahmen die Konservativen in Gewissensnot konnuen können, daß aber ein Gewissenszwang für Liberale durch noch so orthodoxe Maßregeln nicht entstehen könnte. Die unausweichliche Folge würde 5 Dris. 1 205 s. 11 29. a) Lib. Judentum XIV S. 8.

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