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Liberales Judentum · 1922-08-04 · Heft 8 (4.8.1922) · p. [Seite]

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 8 (4.8.1922)
Date
1922-08-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Liberales Judentum ^Monatsschrift für dir religiöse Erneuerung des Iudenturus Hrremsgrgröe» von der Vereinigung für das llderale Judentum r. V. unter der Schristlettung von Dr. Laefar (SeNgmann, Raööinrr ln Frankfurt am Main Nr. 8 4. August 1922 14. Zayrgang Inhalt: Zur Kritik der Krise im liberalen Judentum, von Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein, Breslau. — Randglossen zu .Einser Verhältnis zuc Blbelkritit", von Joseph Kauffmann, Derlin-Meitzensee. - Zur Frage de» neuen liberalen Einheltsgebetsbuches, von Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. 971. - Polemik und Sachlichkeit, von Dr. Sigfrid Behren», Döttingen. Zur Kritik -er Keife im liberalen Judentum. Von Rabbiner Dr. Hermann Vogel st ein« Breslau. (Schluß.) Das ist im Judentum niemals anders gewesen. Nur jdaß es um die Wende des 19. Iahchunderts stärker in die .Ersü-einung trat, ivöil das Judentum dis dahin abge- ,schlossen war und nun in das allgemeine Kulturleben plötzlich und fast gewaltsam heremgezogen »bürde. Die Ungleichung nmßte nicht nur rein innerjüdisch sein, sondern der Tatsache gerecht weiden, daß das inneriüdrsche Beben durch die Verbindung mit der Zeitkultur eine durchgreifende Veränderung erftihr. Sir dürfen nicht veraessen, daß der Eintritt der Juden in die müderne Kulturgemeirrschaft eine ungeheure Umwälzung nicht nur des äußeren, sondern des gesamten geistigen und seelischen Gebells bedeutete und daß durch die Plötzlichkeit dieses .Ereignisses die damalige Generation gänzlich aus der Bahn geworfen werden nrußte. Daß man infolge dessen Lm einzelner! da und dort fehl griff, ist ganz selbverständlich. Tastend oder rasch zngreifend suchte man das Richtige .zu fiu'den, es fehlte ein klarrs Prinzip, auf das die einzelner! Maßnahmen aufgebaut werben konnten. Daher in jener ersten Reformzeit, von einem richtigen Gedanken ausgehend, eine übermäßige Betonung des ästhetischen Moments in den religiösen Aeußerungen. Man nmß sich mühselig hineinversehen in die ällßere Unkultur, in die .Verwilderung des Gottesdienstes, wie sie bis ins 19. Jahrhundert hinein herrschend Sixuc, um die Bedeutung der ästhetischen Seite der Reform für die Erhaltung oder Neubelebung des religiösen Empfindens vollauf würdigen, un! auch die Uebersteigernng verstehen zu können'* *). Wer lediglich von den Verhältnissen der Gegenwart aus die Dinge theoretisch betrachtet, muß zu falscher Beurteilung und darum zu falschen Folgerungen kommen. Religiöser Liberalismus fordert geschichtliche Betrachtung. Wieners Borwurf, daß der Li'beralisimks das verfehlie Bestreben gehabt habe. Religion als eine wissenschaftlich haltbare Weltanschauung darzustellen. hat Lewkowitz bereits ans das richtige Maß znrückgesührt. indem er daraus himveist. daß der Lrberalisnrns einseitig und übermäßig das Intellektualistische betont hat. Auch das ist erklärlich für einen joden, der die Gerstesgeschichte des 19. Jahrhunderts überblickt. Ist es doch, wie Professor Goldstern einmal richtig bemerkt hat. das Verhängnis des *) vgl. hierzu wie zu dem oben Gesagten Etbogeu, Der ttw. Gottesdienst in sein« geschichtlich« EMWichlrmg S, 892 ft. deutschen Judentums gewesen, daß die Emanzipation fast znsamnrenfiel nrit der Hochflut des Materialismus. Haben wir doch noch in unseren jungen Jahren die Verödung der Seelen mit erlebt, die durch die einseitige Betonung derein Berstandesnläßigen bedingt war. Gilt doch von jener Zeit in vollem Umfang das Wort: Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfenl. Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar, Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr. sei nicht wahr. Was ihr nicht tvägt. hat für euch kein Gewicht, Was ihr nicht nliinzt. das. meint ihr, gelte nicht. Aber diese übersteigert verstandesmäßige Einstellung ist keincstvegs ein Kriterium des Liberalismus oder auch nur der Liberalen, sie ist vielmehr ein Kennzeichen der Zeit und begegnet uns darum ganz ähnlich auch bei allen anderen Richtungen. Bei den geistigen Jäh rem des Liberalismus hat die Glut des religiösen Empfindens niemals gefehlt. Das Berechtigte und Nottvendige war stets nicht etwa, wie Wiener ineint, daß man die weltanschauliche Seite des Religiösen als seinen Kern angesehen und seine Wahrheit mit den Mitteln wissenschaftlicher Erkenntnis zu erweisen gesucht, also eine der Religion tvesenssremde Methode angewandt hat, sondern daß man den unerläßlichen Nachweis zu führen gesucht hat. daß Judentum und' wissenschaftliche Erkenntnis nüt einander wohl vereinbar sind. Dieser Nachweis aber war unerläßlich und wird es stets von neuem sein. Goldmanns Einwendungen gegen die Religionsphilosophie. die die Religion mit der Philosophie der Zeit anszngleichen sucht, sind hinfällig. Gewiß sind die reliwonsphilosophisäum Werke eines Saadia und Ataimonides. Albo und Cohen zeitlich bedingt nnd nicht von ewiger Geltung. Aber sie sind notwendig, tveil sonst die Religion und die geistige Richtung der Zeit, deren Einfluß sich kein Mensch entziehen kann, ausemandcrklasfen würde. Dieser Ausgleich ist. wie oben gezeigt, notwendig. Allerdings lehrt die Geschichte der Religionsphilosophie, daß gelegentlich ein dein Judentum sreritdes Prinzip zugrunde gelegt worden ist. Aber Goldnranns Behauptung, daß dies für alle Religionsphilosophie und für alle Religionsphilosophen gilt, ist absolut falsch *) Ohne die Durchdringung der Religion mit dein geistigen Kultnrgehalt der Zeit verdorrt das Leben der Religion und vorrnag sie ihrerseits nicht, ans die Menschen und die Zeit zu wirken. „Wer da sagt: ich habe nichts als die Thora, der besitzt auch die Thora nicht"^) Die muß ihm verloren gehen oder tvenigstens cmfhören, eine Lebensmacht zu sein. Es ist eine zwar geistreich zugespitzte und darum sehr bestechende. aber keinestvegs richtige Behauptung, lucmi Goldmann am Schlüsse seines Referats sagt, daß cs von jeher des Judentums Stolz und Größe gewesen sei, sich nicht von der Zeit beeinflussen zu lassen, sondern sie za bilden. Wiener spricht von dem „Mißerfolg des bisherige» Liberalismus", und durch Goldman«- Ansfiihrnngen zieht *) s. Kellerarauu in Ltb. Judentum XIV. i—8 E. i5. •) Talm. bab. Iebam. 10SI>.

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