Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 7 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgabe eures Einheitsgebet buches würbe bei der .hohen Zahl der Abnehmer für die Grobgemeinden mrr ein geringes finanzielles Opfer bedeuten. Und sie hätten zudem das nicht zu häufige Bewußtsein, gemeinsam ein Werk gewirkt zu haben, das nicht für heute und morgen, sondern für Generationen religiöses Leben in der deutschen Judenheit fördern hilft. — Ich weiß wohl, daß die hier entwickelten Ansichten ' vielen von Ihnen nicht „liberal" erscheinen. Ich glaube so gut wie einer auf dem Boden des religiösen Liberalismus zu stehn. Aber wenn ich allenthalben von Entwickelung und Fortschritt höre, so vergesse ich nicht, daß auch der Enlwickelungsgedanke seine Entwickelung hat und daß wahrer Fortschritt nicht notwendig bedeuten muß, auf dem einmal beschrittenen Wege immer Wetter fortzuschreiten. Mir will scheinen, als ob die alten Unentwegten, die an der Spitze zu marschieren glauben, gar nicht merken, wie die Zeit längst über sie sottgeschritten ist und sie ins Hintertreffen gebracht hat. Sie sehen ihre Aufgabe immer noch bloß im Aufgeben. Mr aber — denn ich stehe nicht allein — wollen eine Aufgabe mit positivem Vorzeichen, wir wollen ein positives, ein „jüdisches Judentum". Mr sind überzeugt, daß der recht verstandene religiöse Liberalismus der Weg zu diesem Ziel ist, den Hunderttausende mit uns gehen können, gehen werden. Aber wir müssen voran gehen. Es gilt in der Tat nicht Neuerungen, sondern eine Erneuerung unsrer Religon. Noch leben wir in einer Uebergangszeit. Aber wenn die Zeichen nicht trügen, berettet sich eine Zukunft vor, in der unser Judentum wieder schöpferische Kräfte in sich fühlt. Nicht aus der Erstarrung und nicht aus der Auflösung, sondern aus dem Zusammenwirken aller Organe des lebendigen Organismus wird das Schöpferische kommen. Wir können heute noch kaum beten, wieviel weniger Gebete schaffen. Aber auch dazu wird uns einst der wieder erwachte religiöse Genius unsres Volkes erwecken. Und wie neue jüdische Gebete, so werden auch jüdische Lieder und jüdische Synagogen statt babylonisch-assyrischen, mohammedanischen und christlichen entstehn. Nur ein Teil unsres religiösen Lebens ist der Gottesdienst und darum hangt an seiner Zukunft allein noch nicht die Zukunft unserer Religion: aber er ist doch wohl das Merheiligste in dem großen Heiligtum das ims Juden alle umschließt. * # * Eine wichtige Anregung für das neue Liberale Einheitsgebetbuch. Bon Rabbiner Dr. Soligman n. Im Anschluß an das vorstehende Referat und im Hinblick auf das baldigst zu schaffende liberale Einhcitsgebetbuch bitte ich alle, die in dieser Angelegenheit etwas m sagen wissen, sich über folgende Punkte zu äußern: 1. SÄl der liberale Encheitsgottesdienst durchweg hebräisch sein, oder wie weit und nach welchen Grundsätzen soll dem deutschen Element Raum gewährt werden? 2. Soll die Uebersetzung eine archaistisch-wörtliche oder eine aus dem deutschen Spvachgerst fließende freie Uebertragung sein? 3. Welche hebräischen Stücke des alten Gebetbuchs sollen gestrichen oder verändert werden (Auserwähltheit, Unterscheidung von andern Völkern. Opfer', davidifches Königstmn. Kol nidre, Kürzungen)? Szenische Atter au« ö« jii-ische» Geschichte. Von Professor Dr. Kutlner. Frankfurt c. 9R.*; 6. «oft- Mmdelsfoh«. Personen: Moses Mendelssohn aas seinem Armsessel. David Friedlvnder, Gründer der Berliner „Freischule'". Isaak Nnchel. ein kenntnisreicher junger Mann. HartwiaWesselY, M.'s gelehrter Mitarbeiter am Pentateuch. Hoftat Dr. Markus Herr, bekanuter Arzt tuft Philosoph. Herz Homberg, der Erzieher von M.'s Sohn u. a. Zeit: 1764. an einem Aesttags-Rachmittag. Mendelssohn: Ja. mein lieber Friedlävder, Sie haben recht, wenn Sie mich schlecht aussehend und deshalb leidend finden, denn ich bin es in der Tat. Aber nicht bloß körperlich, das dürfte bald vorübergehen — und nufer lieber Dr. Herz wird mich, wie immer, mit seiner Kunst wieder flott machen; aber, meine Lieben, ich leide seelisch. Euchel: Wie ist das zu verstehen? Sie. der ruhige Philosoph? Der Mann, aaf den ganz Europa schaut, der literarische Erfolge hat. wie wenige? Fast möchte ich sagen, wie kein anderer? Homberg: Unser junger Freund hat mir ganz aus der Seele gesprochen. Mendelssohn: Bleiben wir bei dem Nächstliegenden, bei meinem jüngsten Buche „Jerusalem"! Welchen Verdruß muß ich da erleben! Keinem habe ich es recht gemacht: weder den Juden, noch den grillen, weder den Orthodoxen, noch den Atheisten. Manche schellen mich einen Atheisten, andere einen ganz orthodoxen Jüden. Herz: Ich glaube. Sie können den ganzen Troß Unverständiger oder Mißgünstiger verachten, nachdem der große Kant in Königsberg Ihr Buch mit Beifall ausgenommen hat. Mendelssohn: Ms Widertspruch war ich ja gefaßt. Wenn ich für religiöse Duldung emtrete uckd Gleichheit aller vor dem Gesetze fordere, ick, sekbst mrr ein vöchtloser. geduldeter Jude; wenn ich gar Trennung von Staat und Kirche fordere, so kann ich gegenüber Jahrhunderte allen Anschauungen und Einrichtungen nicht gleich Zustimmung finden. Herz: Lieber. Verehrter, was so entschieden und folgerichtig entwickelt, so evident dargcsteüt ist. wird nicht, kann nicht wirkungslos verhallen; es kommt die Zeit, wo die Saat aujgeht und Früchte bringt, zum Heil und Segen für Me, und damit auch für uns Juden. Mendelssohn: O, daß Gott cs fügen möge! Das könnte mich entschädigen für allen Verdruß, den ich trotz aller Zurückhaltung erleben muß, nicht zum wenigsten gerade von meinen Glaubensgenossen. E u ch e l: Verdruß? Freude und Genugtuung müßten Sie heute schon empfinden. Trotz Ihrer Zurückhaltung haben Sie schon unendlich viel für die Reform — nein, nicht doch, Sie hassen dieses Wort — für die Entwickelung der Juden getan. Friedländer: Bravo, junger Freund! Wir wollen unserm bescheidenen Nächster seine unsterblichen Verdienste ins Gedächtnis rufen! Schon sein Vorbild hat *) Siehe 2. Jahrfl. S. 13. 3. Iahrg. S. 59. 4. Jahrq. S. 181, 6. Jahrg. 6. 209, 11. Jahrg. S. 7L. (Anmerkung d. Schristleitmig). V -