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Liberales Judentum · 1922-07-07 · Heft 7 (7.7.1922) · p. Seite 62

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 7 (7.7.1922)
Date
1922-07-07
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 oir Gemeinde mit der heil. Schrift in alten ihren Teilen vertraut zu machen, sicherlich dienen. I« der Regel oll eine kurze schlichte wohl vorbereitete Schrifterklärung das Mtttelstück des Gottesdienstes abschließen, wahrend At Predigt besser in der Freitag-Abendandacht ihre Stelle findet. 2. Das jüdische Gotteshaus ist ein des hakkneses, du Berfa mm lungshaus der Gemeinde, eine Synagoge. Dies ist ih: gebräuchlichster Name geblieben. Hier kommen die Männer und Frauen, die Jungen und Men zusammen, um ihr Bekenntnis Zum einigeinzigen Gott, aber auch zu der einen Gemeinschaft abzntegen, die dies Bekenntnis trägt, verkündet und lebt. Jedes Ich des stark individualistisch veranlagten Juden geht hier ein und auf in das Wir, das fast alle Gebete beherrscht. Es ist ein unterschiedsloses Wir, das Reich und Arm, Priester und Laien, Männer und Frauen in gleichem Maße betelligt. Es ist nur eine Konsequenz dieses Gedankens, wenn unser liberaler Gottesdienst ehemalige Priestervorrechte aufhebt, Gitter beseitigt, hinter denen die in ihrem Rechte verkürzten Frauen zur Privatandacht und -Unterhaltung verurteilt waren und auch den Frauen ihren Platz im Hauptraum der Synagoge anweist. Ich sagten in gleichem Maße beteiligt. Der Nachdruck liegt auf der Beteiligung. Die Briten, wo jeder im jüdischen Gottesdienste vorbeten oder auch predigen durfte, well konnte, sind vorüber. Aber deshalb darf das „Publikum" nicht bloßer Zuhörer oder Zuschauer fein. Das alte „Aufrufen"' zur ^ora zeigt uns wie wenig die Passivität dem Sinn des jüdischen Gottesdienstes entspricht. Die Gemeinde sollte fortwährend aftn teilnehmen. Leider fehlen mis noch immer Mische Genwindegesänge. Zu einer Stärkung des Äemebrschaftsbewußtfeins des einzelnen dienen auch Gebete und Ansprachen bei gewissen persönlichen Gelegenheiten: bei der Einholung von Trauernden am Kertag-Abend (die man bei uns in Frankfurt a. Main leider nicht kennt), für Neuvermählte, für Wöchnerinnen and Schwerkranke. Bon besonderer Wichtigkeit ist die Erziehung der Jugend zu bewußten Medern der Gemeinschaft. Der Barmizwa soll in einer kurzen Rede persönlich angesprochen werden. Die Mädchen^Einsegimng muß zu einer ständigen Gemeindeeinrichtung und zu einem Bestandteil des Gottesdienstes am besten drei der Wattfahrtsfeste werden. Auf die Bedeutung der Jugendgottesdienfte habe ich vor einiger Zeit in einem in der Zeitschrift „Liberales Judentum" abgedruckten Bortrag hingewiesen. Auch durch Kinderfriern zu Simchas Thora, Channkka und Pniim scckt sich das Gottenaus den Meinen wie den Großen als Gemeindehaus einprägen. And es ist schließlich 3. de« tefillo, Gebetshans. Als solches kommt es heute fraglos zu kurz. So berechtigt auch die MMassrmg von Wiederholungen sein mag, es ist ein schwerer Fehler, zu dem Zwecke das stille Gebet , abMfchaffen. Nichts ergreifender «lls eine Gemeinde im Schweigen vor ihrem Gott. Und die Tefilla, nach dem Schma das älteste unsrer Stammgebete, ist ja dös Gebet schlechthin. In welcher Sprache ton beten sollen, kann 'nach dem Gesagten nicht mehr zweifele Haft fern. Mögen wir unsre Pnvatandacht daheim oder in der freien Natur iu der Muttersprache, womöglich mit eigenen Worten verrichten, wie sie uns aus dem Herzen quellen — das jüdische Gesetz stellt es jedem frei — den öffentlichen Gottesdienst hat die Sprache zu beherrschen, die uns in Raum und Zeit mit unfern Brüdern und Schwestern verbindet. Man wende nicht ein, daß wir sie nicht mehr beherrschen. Dann müssen wir sie eben erlernen! Und wenn wir sie nicht mehr etternen, dann werden es mtfte Kinder tun. Denn es ist nicht tverhr, daß sie sich noch mehr als die Bäter von allem Ueberlieserten abwenden. Es gibt auch solche, vielfach durch unsre Schuld. Aber in wachsender Zahl und mit zunehmender Begeisterung verlangt die Jugend zurück zu den Schützen, die wir allzu leichten Herzens Preisgabe»:, nicht merkend, daß die Zeit der Anpassung auch unsres Eigensten, des Religiösen, au die Umwelt, nur eine Episode unsrer Geschichte sein durfte. Was könne»: »vir dieser Jugend, die nicht orthodox, aber auch nicht liberal im überlebten Sinne des Wortes ist, :nrt unserm Gottesdienste bieten? Wir haben nicht das Gebetbuch, wir Haber: nicht einmal die jetzt gebräuchlichen Gebetbücher für sie, denn die gehn zu Ende ohne daß die Gemeinen infolge der hohen Druckkosten sie neu Hersteller lassen könnten. Eine innere, religiöse Not trifft hier mit einer äußeren, wirtschaftlichen zusammen, und beide gemeinsam zwinge»: ztt raschem entschlossenem Handeln, sott nicht ein schwer wieder gutzumachender Schaden daraus entsteh::. U:ü> da komme ich nrit einer Forderung, die zwar nicht neu, aber heute dringlicher ist als je: wir müssen das liberale Einheitsgebetbuch*) schaffen. Zunächst mag es ein Einheitsgebetbuch für den Sabbat fein, für dessen gottesdienstliche Feier unsre Liberalen zu gewinnen die brennendste Sorge ist. Der Text der Gebete wäre durchwegs hebräisch zu geben, in großen deutlicher: Typen. Fortzulassen wären alle Stetten, die sich auf die Medereinführung der Opfer beziehn, sowie Stücke, die nicht ins Gebetbuch gehören (wie bameh. madlikin) oder gegenstandslos für uns geworden sind (z. B. jekum puikon). Im übrigen ist der Siddur wiederherzustellen. Auch die sogenannten zionistischen Hoffnungen sind, wenigstens in kleinerem Druck, wieder einzufügen, soll es doch ein Gebetbuch für a l l e religiösliberalen Juden sein und treiben wir doch durch Ausmerzung jener Hoffnungen die in ihrer überwältigenden Mehrheit religiös-liberalen Zionisten mit Gewalt ins orthodoxe Lager. Anstelle minder schöner und gehaltvoller kiutim sollen neue alte, vor allem Dichtungen von Jehuda Halevi, in größerer Zahl gesetzt werden. Deutsche d. h. in. deutscher Sprache abgefaßte Gebete mit Ausnahme der Gebete für die Seelenfeier, die ja jüngeren Datums, gehören nicht ins Gebetbuch, nicht einmal das an sich schöne Joälsche Gebet für den Freitag- Abend. Selbst das Gebet für das Reich können wir entbehren, ohne deswegen schlechtere Deutsche zu sein. Deutsche Gebete für Kasualien füll» in eine besondere Agende zu verweisen, wie wir ja. auch für die deutsche Thora- und Prophetenverlesung besondere Agenden brauchen. Dagegen soll sämtlichen hebräischen Gebeten eine deutsche Uebersetzung beigedruckt werden. Nicht eine sklavische Uebersetzung Wort für Wort mtb nicht eine freie poetische Uebertragung, wäre sie selbst so schön und stimmungsvoll wie die Seligmarmsche, sondern eine demütige Wiedergabe des Originals, die in Sinn und Klang die Kraft und Wucht und ganz besonders (vielleicht durch Anordnung des Drucks) die fast durchgehende Rhytmik der Helligen Sprache jeden Beter empfinden laßt, sodaß er sozusagen hebräisch betet, auch wenn er deutsch betet. Denn es bleibt jedem Beter unbenommen, in welcher Sprache er beten will. Auch die Gemeinde als solche hat immer noch die Möglichkeit, die hebräischen Gebete durch deutsche zu unterbrechen, und Synagogen wie die an der Königstemerstraße in Frankfurt a. Main, die ihre Mission gehabt haben und noch haben, werden ihre So Verstellung nach wie vor behaupten. Aber im Ganzen muß die Tendenz eine Rückkehr zum hebräischen Gebetsgottesdienst sein. Die *) Die jüngst» Anregung dazu, der ich mich nach ansangliche» Bedenken anschlatz, hat Herr R.-A. Dr. Eduard Bverwald bei einer Sitzung der Liberalen Kultuskommission in Frankfurt c. M. gegeben. Das Nähere hat Herr Dr. Franz Rosenzweig daselbst mit mir durchges-rvchen.

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