Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 7 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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61 lieblichen Eingangsliede unsrer Gottesdienste tönt, wird mißverstanden: „Wie gut sind Deine Zelte Jakob, Deine Wohnungen Israel". Unsre Gottesdienste sind in der Regel ein ästhetischer Genuß. Was Beiwerk sein sollte, rückt in den Mittelpunkt: Der Mangel an Religiösen: wird mit „Aufmachung" verdeckt. Und so konnte das Löse Wort von: „Theater deS Westens" aufkommen. Man konnte nicht beten! Warum? Augenscheinlich weil die Gebete hebräisch wäre,: und man hebräisch nicht inehr verstand. Also mußte man sie dem Verständnis der Gemeinde näher bringen, indem man sie in der Muttersprache sagen ließ. Daß man sich davon eine kräftige Hebung des shnagogalen Lebens versprach, beweist, wie tief man im zweiten, im Grundirrtum befangen war, nämlich 2. im* Rationalismus. Es besteht Einigkeit darüber, daß wir nicht beten sollen, was wir nicht verstehen. Nur muß man sich klar machen, daß in gewissem Sinne überhaupt kein Gebet zu „verstehen" ist oder eben aufhört ein Gebet zu sein, sobald es vom Verstände verstanden sein will. Kein Widervernünftiges dulde,: wir Juden in unsrer Religion. Aber duldeten wir auch kein Uebervernünftiges, dann tvürde unsre Religion zu einer bloßen Philosophie werden. Tatsächlich sind ja unsre Gebete in ihrer deutschen Uebertragung schon vielfach „von des Gedankens Blässe angekränkelt", die kantische Gottesidee, zu der man doch wohl nicht beten kann, hat den „lebendigen Gott" verdrängt, und aus dem fast- und kraftvollen Judentum ist ein (gewiß an sich großartiger) ethischer Monotheismus herausdestilliert worden. War dies schon eine übel angebrachte Anpassung unfrer religiösen Eigenart an herrschende „Systeme", so hat man — früher wenigstens — aus Opportunitätsgründen Stellen aus Gebeten oder ganze Gebete ausgeschieden, die bei den Andersgläubigen Anstoß erregt haben oder erregen könnten. Gegen die Mahnung Gabriel Rießers, des Vorkämpfers der Emanzipation, hat man durch solche Zugeständnisse die Gleichberechtigung mit allen guten Deutschen zu fördern geglaubt. So mußte die Betonung der Auserwähltheit Israels, so die Unterscheidung von anderen Völkern (im Schlußgebet), so der innere Sieg der allseits Bedrängten über ihre Dränger (mitten aus Psalm 118!) fallen. Der Text des Lol-Mckro zählt gewiß nicht zum Schönsten und Tiefsten, womit wir den heiligsten Tag des Jahres beginnen können. Aber nach allen völlig grundlosen Anfeindungen und Verleumdungen die er christlicherseits erfahren hatte, ihn fallen zu lassen, war sicher ein Fehler. Wir sind heute für solchen Opportunismus zu stolz geworden, und wäre es nur darum, weil wir uns von seiner Nutzlosigkeit überzeugt haben. Aber die „praktische Vernunft" ist nach wie vor unser Idol, wenn wir meinen, daß in schnellerem oder langsamerem Tempo die hebräische Gebetssprache des besseren Verständnisses wegen außer Gebrauch kommen müsse. Stellen wir uns einmal auf den Standpunkt der Vernunft: welche Gebete sollen hebräisch, welche deutsch gesagt werden? Cs ist eine alte Streitfrage. Handelt es sich um das bessere Verständnis, so müßten die jvichtigsten Gebete deutsch, die minder wichtigen hebräisch gesagt werden. In Wirklichkeit hat die Praxis Überall für das Umgekehrte entschieden. Warum? Weil es sich eben um mehr als das bloße Verständnis handelt. Wer hätte es nicht schon an sich erfahren, daß selbst die schönsten deutschen Gebete oder Gebete in deutscher Uebertragung sich nach kurzer Zeit „ableiern"? Es ,nag noch hingehn, wenn sie von der Gemeinde leise gebetet werden. Aber schwer erträglich sind sie, sobald der Rabbiner oder gar der Vorbeter oder gar beide abwechselnd sie vortragen. Von der Stillosigkeit eines Gottesdienstes, in dem hebräische und deutsche Gebete fortwährend mit einander wechseln (in der Synagoge Fasanenstraße in Berlin loird sogar das Hallel auf diese Weise zerpflückt) will ich garmcht reden. Aber fühlen wir denn nicht, welche Gemütswerte wir mit der Ursprache ausgeben? Es sind doch nicht nur Worte und Sätze es sind doch Laute und Klänge, Zeichen und Bilder. Es ist die heilige Sprache und Schrift,' die Sprache unsrer heiligen Schrift. Es ist die geweihte Sprache unseres Gottesdiestes seit Jahrtausenden.' Unsrer Väter Leiden und Qualen, Sorgen und Bangen,' Sehnen und Flehen, Jubeln und Jauchzen schwingt und klingt als Nmwägbares und doch Schwerwiegendes in diesen Lauten mit. Eine ununterbrochene lange Geschichte tritt in diesen Zeichen lebendig vor uns hin.' Und die gemeinsame Sprache, in der wir zu dem gemeinsamen Gotte beten, verbürgt uns eine Gegenwart und eine Zukunft unsrer Gemeinschaft. In'der Lockerung des Gemeinschaftsbandes aber sehe ich den dritten Fehler unsres liberalen Gottesdienstes. 3. im Subjektivismus. Beständen nicht gedruckte Gememdegebetbücher, so gäbe es wohl so viel verschiedene liberale „Gebetordnungen" als es liberale Beter gibt. So aber ist der Subjektivismus auf die Gemeinden beschränkt. Die meisten größeren Gemeinden haben ihr eigenes liberales Gebetbuch, ja die ganz großen haben deren mehrere, Berlin drei oder vier. Man kann darin eine edle Freiheit, aber man kann darin auch eine, gefährliche Willkür sehn. Ganz gewiß ist sie der Einheit' und damit der Kraft der liberalen Bewegung nichts förderlich. Aber auch in Rücksicht auf die jüdische Gemeinschuft als Ganzes, als klal jisroel, ist die Zersplitterungzu beklagen. War es nicht ehemals unser Stolz, daß! wo aus Erden ein Jude aus noch so fernem Land eine! Synagoge betrat, er sogleich mitbeten konnte, weil er! im Gottesdienst zuhause war? Und heute findet er selbstin seinem deutschen Vaterlands sich in keinem andern Gottesdienste als in dem seiner Heimatsgemeinde zurecht. Ja, wenn ich hier im Auftrag der Leitung unsrer Vereinigung über „Unsren Gottesdienst" spreche, bin ich^ wegen des Themas in Verlegenheit, denn unser Gottesdienst — existiert noch nicht. III. Nach welchen Grundsätzen soll nun der liberale; Gottesdienst eingerichtet werden? Ich könnte sagen:'i auf Grund des positiven historischen Judentums, wenn'! diese Ausdrücke nicht mißverständlich wären. Vielleicht sage ich schärfer: nach dem Grundsatz der Wiederher-j stellung und Herausarbeitung seiner jüdischen Eigenart.- Was ich darunter verstehe, kann ich im Rahmen eines' Referats mit eng begrenzter Zeit nur in gedrängter Kürze skizzieren. Der jüdische Gottesdienst ist so umfassend wie das jüdische Gotteshaus. Dieses aber ist 1. ein des hamidro&ch, ein Lehrhaus, eine „Schul'". Im Mittelpunkte der Hauptd. h. Bormittagsgottesdienste an Sabbaten und Feiertagen, auch an gewissen Wochentagen steht die Belehrung: Verlesung eines Thora-Abschnittes, eines Propheten-Abschnittes und bisweilen eine Schrifterllärung oder Predigt. Die Belehrung ist das veränderliche Moment des Gottesdienstes. Thora- und Prophetenabschnitte sind mit geringen Ausnahmen an jedem Sabbat und Feiertage andere, wenn sie sich auch in gewissen Zeitabschnitten wiederholen. (Bon der Predigt soll etwas ähickiches gelten!) Ein dreijähriger Zyklus für die Thora-Verlesung wie er in den meisten liberalen Synagogen eingeführt ist, verteilt zweckmäßig die umfangreiche hebräische Lektüre. Der verlesene Abschnitt ist vom Rabbiner sodann in deutscher Uebersetzung vorzutragen. Es schließt sich sogleich in deutscher Sprache die Haftara an. Eine, längst geplante, bessere Allswahl von Haftarot, die auch Stücke aus de,: Hagiographen einbezieht, am besten auch auf 3 Jahre verteilt, würde dem Ziele,'