Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 7 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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hervorgegcmgenen Abweichungen vom Althergebrachten beschäftigten im wesentlichen nur die Theologen. Es blieb bei einer Reform'd. h. einer Umformung der Form des Gottesdienstes. Dreierlei erstrebte die Reform. 1. Zunächst eine Verschönung des Gottesdienstes in ästhetischer Richtung. Die Unruhe und Unordnung der Ghettosynagoge, die der Würde der heiligen Handlung Hohn sprach, wurde abgestellt. Musikalisch geschulte Sänger wurden mit dem Amt. des VorbeLers betraut, Thorgesang und Orgel eingesührt, alte Melodien in Roten gesetzt und neue Melodien geschaffen. Und schließlich wurden die Gotteshäuser selbst dem gesteigerten künstlerischen Bedürfnis entsprechend erbaut. 2. Ein Zweites war die Verkürzung des Gottesdienstes. Piutim d. h. gewisse poetische Einlagen mittelalterlicher synagogaler Dichter, die den Laien meistens auch inhaltlich unverständlich die Sabbat- und Feiertagsandachten ungebührlich in die Länge zogen, wurden bis auf wenige Ausnahmen (Neujahr, Persöhnungstag, 9. Ab) aus den Gebetbüchern entfernt, desgleichen gewisse Gebete, die heute gegenstandslos geworden sind (z. B. das Gebet für die babylon. Hochschulen) und Lernstücke (z. B. die Gesetze über die erlaubten und verbotenen Materialien für die Freitagabend-Lichter). Aber auch die Wiederholung von Gebeten wie Kaddisch und das sogen. Schemone-esre im selben Gottesdienst wurde vermieden oder auf die eine oder andere Weise eingeschränkt. Die Verlesung der Thora wurde noch palästinensischem Muster in dreijährigem statt in einjährigem Zyklus dargeboten. Maßgebend für die Kürzungen war der Gesichtspunkt, daß nicht die Masse der Gebete ihren Wert ausmache, sondern einzig „daß das Herz dabei sei", das Herz eines Beters unsrer Lage aber viel eher bei einem kurzen als bei einem langem, bei einen: einfachen als bei einem überladenen Gottesdienste sein und bleiben könne. 3. Ein drittes war die Verdeutlichung des Gottesdienstes. Die hebräischen Gebete wurden mehr oder minder frei übersetzt in der Muttersprache gebetet, neue Gebete, in der Muttersprache versaßt, traten neben sie oder an ihre Stelle. Der Thora-Abschnitt wurde hebräisch und deutsch, der Propheten-Abs chnitt nur deutsch vorgetragen. Man berief sich dafür sowohl aus das Religionsgesetz wie auf alte, schon von Esra eingeführte Sitte. Änd auch mit der Schriftauslegung und Predigt in der Landessprache, einer Schöpfung des Judentums, die uns verloren gegangen war, während sie in der christlichen Kirche eifrig gepflegt wurde, knüpften die Reformen an Jahrhunderte lange Ueberlieferung an. Zur Verdeutlichung des synagogalen Lebens dienten auch die feirliche Gestaltung der Barmizwa der Knaben und die Einführung einer Mädchen-Einsegnung, insofern beide den Sinn der Religion im Rahmen des Gottesdienstes den Jüngern wie den Men eindrucksvoll nahe brachten. Die Wirkung aller dieser Reformen war weittragend und tiefdringend. Bon Deutschland drangen sie in alle europäischen Länder ein und bis nach Amerika hinüber. Auch konservative Gemeinden konnten sich den berechtigten Forderungen einer neuen Zeit nicht verschließen. Auch sie mußten anerkennen, daß den Worten, mit denen sie die Synagoge betreten: „Ins Gotteshaus wollen wir mit Anstand gehn" und der Mahnung der Frommen: „Wisse, vor wem Du betest" die Tat zu folgen hatte. Auch sie trugen für Ruhe und Ordnung, für geschulten Vorbeter und geübten Chor bei ihren Gottesdiensten Sorge. Ja sie übernahmen die Predigt in der Landessprache und vereinzelt sogar die Konfirmation. Viele Männer lind Frauen, die von den: Gottesdienst alter Observanz unbefriedigt oder abgestoßen, her Gleichgültigkeit in religiösen Dingen verfallen waren oder schon bcu Lockungen eines ästhetisierten Christen« tuins zu erliege« drohte«, wurde« zurückgewonnen Und festgehalten. Die Gefahr eines Bruches mit der Vergangenheit, die durch den raschen Wechsel von mittelalterlicher Nacht und neuzeitlichen: Tag für den Juden so groß war, war glücklich beseitigt. Von morschen Aesten nicht mehr beschwert, konnte der ehrwürdige Baun: des jüdischen Gottesdienstes in Licht und Luft der Freiheit organisch weiter wachsen. Aber das frische Wachstum zeitigte auch Auswüchse. Hier und da wurde an die Stelle oder doch an die Seite des Sabbatgottesdienstes der Sonntaggottesdienft gesetzt, Choräle verdrängten jüdische Gebete und Lieder, die Gebete wurden* nahezu ausschließlich deutsch und ohne Kopfbedeckung verrichtet, die zweiten Feiertage abgeschafft und der Versöhnungstag durch eine Pause unterbrochen. Diese und ähnliche Auswüchse sind, weil nicht von Wurzelsäften und Kräften gespeist, allmählich verkümmert oder ganz abgestorben. Wohl fanden sie in Amerika einen günstigeren Boden, aber es ist nicht anzunehmen, daß der amerikanisierte jüdische Gottesdienst der liberale Gottesdienst der Zukunft wird. Die Reformgemeinde in Berlin, die einzige Deutschlands die sich in wesentlichen Fragen von den Gru^sätzen des jüdischen Kultus losgesagt hatte, blieb isoliert und ohne Ausbreitung. And es ist außerordentlich lehrreich zu beobachten, wie auch sie in ihren Gottesdiensten durch Rückkehr zu Ausgegebenem den Anschluß an das geschichtliche Judentum wiederzugewinnen bestrebt ist. II. Zeigt es sich so, daß der Liberalismus die Forderungen einer neuen Zeit grundsätzlich richtig erkannt hat, so fragt es sich doch, ob wir Liberalen zun: Ausbau unsres Gottesdienstes nicht zu wenig oder auch zu viel getan haben. Daß unsre Synagogen an Sabbateu und Feiertagen mit Ausnahme des Neujahrs- und Versöhnungsfestes leer stehn, braucht noch nicht unsre Niederlage und noch weniger einen Triumph der Orthodoxie zu bedeuten. Was hat die Orthodoxie geleistet, um das Heer der Freigeister, Zweifler und Abseitigen der deutschen Judenheit zurückzubringen? Die Schuld liegt zumeist an der Zeit, die alte Glaubensbaude zerrissen und neue Bindungen noch nicht gefunden hat^ Aber wiederum hieße es sich die Verantwortung gar zu leicht machen, wenn wir alle Schuld der Zeit beimessen wollten. Denn schließlich sind wir Menscher: selbst die Zeit. Unb so ist es unsre Pflicht als liberale Juden, die Fehler unsrer gottesdienstlichen Reform, deren Erfolg nicht vor: ferne unsren Erwartungen entspricht, bei dieser selbst zu suchen. Ich weiß, daß viele Liberale den Fehler darin erblicken, daß wir zu wenig reformiert haben; ich bin anderer Ansicht. Mir scheint, der Fehler liegt 1. im Negativismus. Wir haben Gebete gestrichen und wieder Gebete gestrichen. Wir haben schon so viel gestrichen, daß uns zu streichen kaum mehrübrig bleibt. Wir haben den Gottesdienst gekürzt und immer weiter gekürzt. Und selbst über eine anderthalbstündige Andacht beschweren sich noch Leute, Leute, die im Theater 4—5 Stunden geduldig ausharren. Glauben wir wirklich, daß die Länge und nicht vielnrehr die Langeweile, die Unfähigkeit, wahrhaft bete:: zu können, die Menschen vom Gotteshause fern hält? Wir haben freilich den Betern die „Andacht" mit Hilfe der Kunst, zumal der Musik schmackhaft zu :nachen gesucht. Wir sind auch darin sicher zu weit gegangen. Der alte Segensspruch, den unsre Weisen auf den Einzug griechischer Schönheit in jüdische Häuser und Gotteshäuser bezieh«: „Möge Gott daked Raum schaffen, daß er in Seins Zelten wohne" hat mehr als heilsam Erhörung gefunden: gar zu breit macht sich die Kunst in unsren Synagogen. Die Mahnung, die aus dem