Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 7 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126612-3126617--2779-3129647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59 Das Licht der Religion erscheint da in prismatischer Zerlegung, wie das Licht der Sonne in den Regenbogenfarben. Aber das Licht ist nicht die einzelne Farbe, sondern die Bereinigung der Farben, und so denke ich mir, daß hier die Aufgabe gegeben sei, die verschiedenen Standpunkte und Auffassungen der Religion in einem einheitlichen Lehrgebäude zu vereinigen, so daß das Judentum als das reale Phänomen erschiene, welches die verschiedenen Organe in der Einheit des Lebens zur Darstellung und Verwirklichung brächte. Ob diese Aufgabe lösbar sei? Ich habe mich mit meinen schwachen Kräften dieser Aufgabe zu unterziehen gesucht, und erlaube mir folgenden Versuch der öffentlichen Beurteilung zu unterbreiten. Mein Versuch bleibt streng auf dem Boden der Wirklichkeit, enthält sich aller Theorien und Spedrlationen, und nimmt alle Theorien und Spekulationen nur als empirische Gegebenheiten. Die Grundfrage, in deren Beantwortung die verschiedenen Standpunkte auseinandergehen, ist die UntersDhung: Was ist Judentum? Meine Antwort, von der ich glaube, daß sie die verschiedenen Anschauungen in sich vereinigt, lautet: Das Judentum ist eine Gemeinschaft, deren Mitglieder unter allen Böllern, in allen Ländern der Erde zerstreut sind, die durch keine äußere (staatliche), sondern durch innere (religiöse) Zusammengehörigkeit eine Einheit bilden. Diese innere Zusammengehörigkeit ist der allen Mitgliedern gemeinsame Wille zum Judentum. Wodurch entsteht diese innere Zusammengehörigkeit, der Wille zum Judentum? 1. Durch die gemeinsame Abstammung. Die Geburt als Jude ist die natürliche Wurzel des Willens zum Judentum. 2. Durch die Erinnerung daran, daß ihre Borfahren einst, bis 70 n., eine eigene Nation, im eigeAdn Vaterlande (Palästina), mit einer eigenen Sprache (der hebräischen) und mit eigenen Sitten (Wallfahrt nach Jerusalem und dergl.) geblldet haben. 3. Durch gemeinsame geschichtliche Erinnerungen, an die Ruhmestaten der Väter und an das 2000 jährige Martyrium seit der Zerstörung Jerusalems. 4. Durch gemeinsame Zukunftshoffnungen auf das „Messianische Reich", auf die einstige Verbrüderung der Menschen als Kinder des einzigen Gottes. 5. Durch die gleichartige Wettanschauung, welche im Monotheismus, in dem „Glauben" an Emen Gott, ihren Mittelpunkt hat. 6. Durch gemeinsame Traditionen Über Entstehung und Geschichte ihres Monotheismus: Auszug ans Egypten, Offenbarung am Sinai, Propheten und dergl. 7. Durch das gemeinsame religiöse Schrifttum: die Heilige Schrift, den Talmud, und die damit verbundene religionsgesetzliche, religionsphllosophische und religionsgefchichtftche Literatur. 8. Durch gemeinsame gottesdienstliche Einrichtungen, hebräische Gebetsprache, religiöse Fest- und Trauertage, gleichartige Gemeinde-Verfassung und dergl. S. Durch gemeinsame Lebensformen, die sogen, mehr oder weniger beobachteten „Speisegesetze", gemeinsame Formen des FamllienlebenS, Freitag- Abend, „Seder-Abend" und dergl. 10. Durch den Auf- und Ausbau des Lebens im Geiste und nach den Grundsätzen der Lehre Moses und der Propheten. A n m.: Dieser Gemeinschaft des Judentums fehlt in der Gegenwart das gemeinsame Vaterland, der gemeinsame Stt und die gemeinsame Muttersprache. Die Mttglieder der Gemeinschaft des Judentums sind Genossen aller Völker, Bürger aller Staaten, Kinder aller Vaterländer der Erde, in deren Mitte sie, oft seit Jahrhunderten, wohnen. Sie sind also keine politische, sondern eine religiöse Gemeinschaft. Kr neuerer Zeit entstand eine nationale Bewegung, der sogenannte Zionismus. Dieser will das alte Vaterland der Juden für die Mitglieder des Judentums wieder gewinnen und dort einen jüdischen Staat mit der hebräischen Muttersprache gründen. Wenn das erreicht sein wird, werden die Juden in Palästina wohl eine jüdische Nation sein; aber die außerhalb Palästinas unter den andern Völkern zerstreuten Juden, die keine Staatsangehörigkett in Palästina besitzen, werden nach wie vor unter einander und auch mtt den Juden in Palästina, nur eine Religions- Gemeinschaft bilden. Die „Religions-Gemeine schaft" des Judentums wird vom „Zionismus" nicht aufgehoben. j Diese „Grund-Elemente" sind, so weit ich sehe, eine Brücke zwischen den verschiedensten Richtungen, und wenn die Redaktion es gestattet, stelle ich sie hiermit zur öffentlichen Diskussion. Unser Gottesdienst. Restart, erstattet auf der HcmptversammlunL der Vereinigung für das liberal« Judentum in Deutschland. Berlin, den 4. Januar 1922, von Rabbiner Dr. S a l z b e r g e r - Frankfurt a. M. Zwei Taten stehn am Anfang der religiös-liberalen Bewegung innerhalb der deutschen Judenheit: die Schaffung eines geregelten Religionsunterrichtes und die Neugestaltung des öffentlichen Gottesdienstes. Religionsunterricht und Gottesdienst lassen sich schwer von einander trennen, und noch ein drittes ist unlöslich pnit ihnen verbunden, das religiöse Leben im Hause. Schulhaus, Familienhaus und Gotteshaus zusammen erst machen das Heiligtum, in dem der Jude seine Religiosität auswirken kann als Gottesdienst im weiten Sinne. Aber der liberale Jude erachtet nun einmal den Kultus, den Gottesdienst im engeren Sinne, als da- Allerheiligste im Heiligtum und für ihn, den „Freien", mag auch tatsächlich die Bindung an die religiöse Gemeinschaft in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die in einer gemeinsamen Andacht ihre Anerkennung und Befestigung findet, von erhöhter Bedeutung sein. Dies und eine mehr als hundertjährige Geschichte gäben uns das Recht, ja legten uns die Pflicht auf, uns über unfern Gottesdienst Rechenschaft zu geben, auch wenn nicht die Not der Zeit um Hilfe riefe. L Die Freunde und Jünger Moses Mendelssohns begannen ihr Werk nicht mtt einer Reformation, einer Erneuerung des Gottesdienstes von innen heraus. Am Inhalt der Gebete wurde nur wenig geändert: gestrichen wurden die Bitten um Rückkehr ins hellige Land und die Wiedereinführung der Opfer, umgedeutet die Stellen, die sich auf die leibliche Auferstehung der Toten und das Erscheinen eines persönlichen Messias beziehen; auch die AuSerwählung Israels wurde hie und da verhüllt zum Ausdruck gebracht. Selbst diese aus vermeintlichen oder wirklichen liberalen Anschauungen \ -