Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 7 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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! — 58 —' ,schaumigen der Referenten war stärker, als er in der Versammlung zum Ausdruck kommen konnte. Wieners und GoLmanns Ausführungen sind allerdings der denkbar schärfste Angriff gegen den Liberalismus. Denn wenn Wiener in seiner These den Mißerfolg deS Liberalismus feststellt und diesen Mißerfolg „in der Unklarheit soin-t Idee" begriindet findet, so kann ich mir eine entschiedenere Bekämpfung der Bewegung nicht gut vorstellen. Wenn trotzdem der Angreifer sich nicht von der Bewegung loSsagt. sondern m ihr verbleibt, so muß denn doch das Prinzip oder die Richtung dieser Bewegung auch nach feinem Urteil richtig sein. Wir werden also erwarten muffen, daß er einmal die Unklarheit der Idee des Liberalismus nachweist, und sodann, daß er an Stelle dieser unklaren seinerseits eine klare Idee setzt. Rach beiden Richtungen ist Wieners Referat, auch wenn man feinen Aufsatz „Religiöse Erneuerung"*) noch hinzunimmt. eine Enttäuschung. Wiener sieht die Schwäche und den Mangel des Liberalismus in zwei Dingen, in der Milderung odergänzlichen Abstreifung der rrligionsgesetzlichen Formen und m dem Streben. Rellgion darzustellen als eine wissenfchastfich haltbare Weltanschauung. Damit aber sei der Kern dessen verfehlt. was allem religiöse Erneuerung heißen darf. Es ist selbstverständlich ein Körnchen Wahrheit an diesen Behauptungen: über eben nur ein Körnchen. Als Ganzes genommen, stnd sie falsch, und die Beurteilung mußte falsch sein, weil sie die geschichtliche Entwicklung unbeachtet läßt. Wie verhält es sich denn geschichtlich mit den veligionsgefetzlichen Wonnen und deren Abbau? Jur Zeit des zweiten Tempels hat es im IrÄentum eine Richtung gegeben. die wir fast eine liberale nennen können, weil sie gegenüber dem Prinzip der Starrheit des religiösen Lebens bas Prinzip der Entwicklung vertrat, die Pharisäer. Me verfochten den Grundsatz von dem allgemeinen Priestertum ganz Israels und demzufolge die Forderung, daß seder einzelne sein Leben so einzurichten habe, als sei er fekbsl Priester. Daraus ergab sich, daß das religiöse Leben mit zahlreichen Formen erfüllt wurde, daß die Frömmigkeit ihren Ausdruck in immer neuen religiösen Formen suchte. Die juristische Methode der Erörterung, die in: Talmud, der folgerichtigen Weiterbildung des Pharisäismus. auch auf das Religiöse übertragen wurde, bedeutete eine Markung dieser Entwicklung. Das Mittelalter und das Ghetto mit der den Juden aufgezwungenen Abfchließung von aller Außenwelt, uni der gänzlichen Beherrschung des gesamten Lebens — nicht nur bei den Juden — durch die Religion und mit der durch die Abfchließung aufs höchste gesteigerten Spannung uud Richtung und zugleich Einengung auf das Religiöse, in dem die Juden ihre einzige Freude und ihr Glück fanden, hat diese Teirdenz weiter verstärkt. So konnte und mußte es dahin kommen, daß das ganze Leben erfüllt war von zahlreichen Formen, daß das lange Mittelalter das Judentum „inkrustiert"hatte**, man das Judentum als gefährdet ansah. wenn gerviffi Lebensäußerunqen beseitigt wurtycu oder eine andere Form annahmen. So ist z. B. der Gebrauch der hochdeutschen Sprache im Leben überhaupt, besonders aber im religiösen Leben, schon als «ne Verletzung der Religion angesehen worden. Ich erinnere an die Tatsache, daß noch kurz vor der Mitte des 16. Jahrhunderts ein jüdischer junger Mann aus Berlin ausgewiesen wurde. weil er ein deutsches Buch über die Straße getragen hat, daß ein Menschenalter spater deutsche Rabbiner den Bann über Mendelssohns Bibelübersetzung ausgesprochen haben. Werl sie in hochdeutscher Sprache verfaßt ist. daß in der ersten Halste des 19. Iahr- *) Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüd.-lib. Jugeuvvereiue Deutschiauvs », 10 (Oktober 1921). ") Geiger, Nachgel. Schriften V 168. Hunderts die deutsche Predigt als eine „chviMche" Einrichtung mit äußerster Leidenschaftlichkeit bekämpft worden ist, daß die Herbeiführung von Ruhe ustd Ordnung im Gottesdienst, die Einrichtung geregelten Gemeinde- oder Chorgesanges tu Stelle des regellosen Durcheinanders der von der Gernemde zu sprechenden Gebetstellen. die Einführung der Amtstracht für Rabbiner und Kantoren als Verletzung jüdisch-religiöser Lebensformen gebrandmarkt worden find, ganz ebenst) wie in manchen Gegenden des Ostjudentums bis in unsere Tage die Anlegung europäischer Kleidung als Abfall vom Judentum galt. Wer sich geschichtliches Verständnis bewahrt hat, wird diese Dinge ebenso wie .die Trauerkuudgebnng jenes ungarischen Rabbiners über den Tod der heiligen Iüdrschkoit durch die Emanzipation*) nicht etwa als orthodoxe Borniertheit abtun, sondern die Bekundung der Tatsache darin sehen, daß die Vertreter dieser Anschauung mit Recht der Meinung waren, daß das Judentum in der Form, wie sie es sich allem denken konnten, mit den Folgerungen, die die Zeit gebieterisch erhob, nicht vereinbar war. Ist nun die Abstreifung dieser Formen wirklich eine Schädigung und nicht vielmehr die Voraussetzung für eine Förderung des religiösen Lebens gewesen? Und gilt nicht das Gleiche von der Beseitigung zahlreicher kabbalistischen Elemente, die in den Gottesdienst eingedrungen waren? Dabei darf ein Moment nicht außer acht gelassen werden. Die geistige und seelische Struktur d«S modernen Menschen ist von Grund aus verschieden von derjenige« des antiken und des mittelalterliche» Mensche». Während dieser sein innerstes Empfinden llmt und bis zum Uebermaß ausdrückte. verschließt der moderne Mensch das Tiefste in seinem Innern über deutet es nur an. und die Fülle wird ihm leicht zur U^berfülfi. die das Empfinden nicht weckt und stärkt, sondern entkräftet oder gar erbtet. Dazu kommt die von Lewkowitz mit vollem Recht hervorgchobene Tatsache, daß im modernen Leben überhaupt und im modernen Judentum insbesondere das religiöse Leben nicht mehr wie im Mittelalter die Totalität des Lebens umfaßt und umfassen kann, sondern ein besonderer Bezirk des Gesamtlebens rst**). Allerdings muß es in diesem Gesamtlrben eine zentrale Stellung bermspruchen; aber auch dies m anderem Sinne, als es im mittelalterlichen Leben der Fall war. Religion aber will rrttd muß ben lebenden Menschen erfassen, muß die Tiefin feiner Seele auswühlen, alle Saiten seines Innern erklingen lassen. Sonst sinkt sie notwendig zu mechanischer Form herab Das aber kann sie nur. wenn sie in einer solchen Weife an den Menschen herantritt, die seiner seelischen Struktur gemäß ist. Das ist der Ginn des Ausgleichs mit der Zeit und' der Angleichunq an die Zoll. (Fortsetzung folgt.) *) s. Ziegler in Jud-mm» XIV, S S, 4*2. *1 m. Judentum XflT, 5 S. 43. MMrMms Ott vrrl-NM« «MMw SV« Mt ftyoHltutst« «r JudtM. Bon Dr. I. G okbfchmt dt-Offenbach a. N. Auf der am 8. Januar d. I. stattgehablen Tagung der „Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" traten die verschiedenen Auffassungen über die Grund- Elemente des Judentums als Gegensätze hervor, und in dem Artikel des Herrn I. Wolfsohn: „Unsere Theologen" in Nr. 19 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" erscheint als ein neuer Gegensatz der Standpunkt der Laien. Sieben Standpunkte haben da Farbe bekannt: die Religion als „Weltanschauung", als „Gemeinschaft", als „Gesetzesreligion", als „objektiver Liberalismus", Äs „Irrationalismus", als „Umversalismus" und last not least, der Laien-Standvunkt als „Subjektivismus". i