Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 7 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Liberales Judentum ÄNouatsfGrtst für bie religiöse Erneuerung des Judentums HerausgesoLeu von der V«etnrs»»g für bas Liberale Judentum e. V. unter der SchrlstlelLung von vr. Caesar Seligmavn, RabLluer ln Sraut/urt am Mal« Nr. 7 7. Zull 1922 14. Ladrgang Inhaltr Für Kritik der Krise im liberalen dudentu,», von Nabdine Vr. Hermann Vogel stein, Breslau. — Jufammensassung der verschiedenen Standpunkte über die Grund-Llemente des Judentums, von C>r. d. Goldfchnildt, Offenbach a N. - Itnser Gottesdienst, von Rabbiner Dr. Sal^- berger, Frankfurt a. M. - Szenisch« Bilder aus der jüdischen Geschichte, von Professor T>r. Kuttner, Frankfurt a. Nt. Zur Kritik -er Krise im liberalen Judentum. Bon Rabbiner Dr. Hermann B og el st e i n - Breslau. In Versammlungen und in Zeitungsaufsätzen werden neuerdings die Grundlagen urrd Gmndfragen des religiösen Biberalismlls im Judentum eingehend erörtert, man hört auch von liberaler Seite, daß der Liberalismus gegenwärtig Irrt einer schtveren Krise sei. und in der letzten Zeit ist es Wiederholt vorgekommen, dass dem Liberalismus von Liberalen das TodesurteU gespwchen. ja daß er bereits tot gesagt wordeli ist. Man läßt es an schärfster Kritik des Liberalismus. tvie sie schärfer und weniger wohlwollerid jauch von den: entschiedensten Gegner nicht geübt werden könnte, nicht fehlen, man sucht in Vergangenheit und Gegenwart alle Mängel und Schwächen des Liberalismus und seiner Anhänger hervor, den Gegnern ein hochwillkommenes Schauspiel. Die Frage muß aufgeworfen werden, ob diese Kritik berechtigt ist. Die Frage gliedert »sich in die ztvei Frägeir, einmal ob die Grundlagen des Liberalismus, auf denen er bisher ausgebaut tvar, überhaupt unrichtig sind oder durch die Entwickelung sich als nicht mehr tragfähig erwiesen haben, und sodann, ob-die bisherige Betätigrmg des Liberalismus falsch gewesen ist, urld ob die Anhänger und Vertreter der Richtnrlg es an sich haben fehlen lassen. Es iväre durchaus verfehlt und nur ein Beweis von engherziger Parteiverblendung, wollte man leugnen, daß innerhalb des Liberalismus manches besserungsfähig unb besierrnrgsbedürftig sei. Schon die Tatsache dieser ätzenden Kritik zeigt. daß Partechisziplin und das volle Verständnis fiir die taktischen Notlvendigkeiten in liberalen Kreisen mehrfach vermißt wird. Darüber hinaus müssen wir feststellen. daß auf liberaler Seite vielfach eine weitgehende Unklarheit über die leitenden Gedanken mtb über die Ziele des Liberalismus herrscht. Das ist zweifellos auch bei anderen Dichtungen innerhalb des Judentums der Fall: es ist aber für die liberale Richtung ernster, weil der^Liberalismus weit mehr als jede andere Richtung ohne klare Erkenntnis in seiner Wirkung unb Leistung gehemmt wird. Bezöge sich die Kritik lediglich hierauf, so würde sie auf das dankbarste zu begrüßen sein, wenn sie die Abhilfe herbeisührte oder auch nur einleitete. Aber die Kritik acht weit darüber hinaus und nimmt zuweilen einen Standpunkt ein, der mit dem Sinn religiös-liberaler Auffassung kaum mehr verträglich zu sein scheint. Inbezug auf die Grundlagen des Liberalismus aber erscheint diese Kritik durchaus mwerechtigt, beziiqlich der angegebenen Heilmittel *wm Teil recht unzweckmäßig, ftfoft müßte man glauben, daß den Kritikern die theologische Begründung des religiösen Liberalismus im Judentum fremd sei. daß Abraham Geiger umsonst gelebt und geschrieben habe. In einenl privaten Gespräch sagte mir kürzlich ein Theologe, der Unterschied zwischen Liberalismus und Kon« servatismus habe im Judentum seine Berechtigung verloren. und als ich diese These entschieden bestritt, bemerkte er im Sauf« der Unterhaltung, der Liberalismus sei bisher Liberhaupt noch nicht zu einer Darlegung seiner Anschauung gekommen. Ich wies auf Geiger hin und mußte zu meinem Erstaunen die Gegenfrage hören, in welchem Werke denn Geiger ein System des Liberalismus gegeben habe. Als ob nur eine systematisch vorgetragene Anschauung volle Geltung LeansPmchen könnte, als ob nicht auS Geigers Schriften für einen jeden, der sie kennt, die Grundlinien religiös liberaler Anschauung klar erkennbar wären! Der Inhalt dieser Unterredung hat mich seither sehr ftarf beschäftigt. Ich glaube, daß eine der Ursachen für die veränderte Auffassung m dem Umstande zu suchen ist. daß während in früherer Zeit das geschichtliche Erfassen die Voraussetzung für das Philosophisch-Systematische bildete, demgemäß tvir älteren Theologen in erster Reihe geschichtlich orientiert sind, neuerdings das geschichtliche Interesse gegenüber dem rein theoretischen stark, vielleicht zu stark zurückgetreten ist. Zusammengehalten mit der an sich, durchaus berechtigten, freilich übermäßig starken Betonung des Irrationalen, das unter der Herrschaft eines recht flachen Rationalismus in vergangenen Jahrzehnten arg vernachlässigt worden ivar, und nrit der schon vorher inr Wachsen begriffenen Richtung auf das Gefühlsleben hin. die unter dem Einfluß des Kriegserlebens hie und da zur Romantik wird, mußte dies eine geistige Einstellung herbeiführen, die von derjenigen erheblich verschieden ist, auf der das Gebäude des religiösen Liberalismus im Judentum errichtet ist. Diese Kritiker sind nach wie vor „liberal", aber ihr Liberalismus hat keine sichere Grundlage. Das ist, wie Ziegler mit vollem Recht betönt*). das Wesen der gegenwärtigen Krise innerhalb des Liberalismus. die eben tatsächlich nur eine Führerkrise ist. Freilich darf man die Bedeutung und die Gefahr dieser Führerkvise nicht unterschätzen. Sie ist für den Liberalismus um so größer, weil er ohne theologische Grundlegung zu snbiektivistischer Willkür ansartcli muß. Die Wandlung war für den Eingeweihten bereits seit einiger Zeit erkennbar. Sie trat für jedermann deutlich zutage auf der Versammlung der liberalen Rabbiner Deutschlands im Januar d. I. Die beiden Referenten Wiener und Goldrnann haben — in verschiedener Weise — scharfe Kritik an dem Liberalismus geübt und ihrerseits Grundsätze aufgestellt, die uns nur schwer mit dem vereinbar zu sein scheinen, was wir unter liberalem Judentum verstehen. Die hochinteressante Diskussion hat nur teilweise die Grundprinzipien getroffen. Infolge dessen ergibt der Bericht ein Bild, das die Stimmung nicht ganz richtig wiedergibt. Denn der Widerspruch gegen die An- *) Unsere Kris« in »8töetaU$ Judentum" XIV, 5 S. 41,