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Liberales Judentum · 1922-06-02 · Heft 6 (2.6.1922) · p. Seite 55

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 6 (2.6.1922)
Date
1922-06-02
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 Denn dies Buch ist ein Buch von der göttlichen Wirklichkeit und von der wirklichen Göttlichkeit, veberall redet eS nur vom Wirklichen: vom wirklichen Verhältnis des Menschen zu Gott und vom wirklichen Offenbarwerde« GotteS unter den Menschen. So Lar und fest es im Gedanklichen Grenzen zieht, Begriffe erarbeitet und herausarbeitet — so sehr ist es nur die gedankliche Darstellung völlig übergedanklichen, wahrhaftigen Lebens. Und gerade hierin, in dem was seine Kraft und Größe ist, erweist es auch die Kraft und Eigenart des prophetischen Judentums gegenüber allen anderen Religi onen und Geistesrichtungen: daß fein Gott ein lebendiger Gott, eine religiöse Wirklichkeit ist, daß er nicht dem Forschen des Geistes allein und nicht dem losgelösten Glaubenswillen antwortet, sondern dem ganzen schöpferisch lebendigen Herzen, dem innersten Sein und Tun des Menschen sich kundgibt: daß dieser transzendente biblische Gott sein Leben doch allein im Leben und in der Wirklichkeit des Menschen hat. Gottesglaube und Menschheitsglaube sind darum hier nur zwei Seilen derselben Gewißheit: der sich lebendig offenbarenden und alle Geschiedenheil überstrahlenden Einen Wirklichkeit: Ein Gott, Ein Mensch, der in seinem Ebenbilde geschaffen ist und der sich doch zugleich zu diesem Ebenbilde selbst erst aus seiner gottgegebenen Freiheit erschaffen soll. Denn alles ist hier paradox, weil alles Leben, Unmittelbarkeit, Wirklichkeit ist, die sich dem bloßen Denken versagt. Paradox ist die Gewißheit des Geschaffenseins des Menschen, der sein Leben von Gott her hat und es doch erst selbst in schöpferischer Tat seinem Ursprung Gott entgegen zu führen bestimmt ist; paradox die Gewißheit, daß Gott, der Fernste, der unermeßlich Andere, Heilige, von allem Menschlichen Geschiedene, doch zugleich immer der Nächste, der gegenwärtige Gott des Herzens ist; paradox ist, daß der Mensch in die Welt hineingestellt, an seinen bestimmten Platz gestellt gebunden ist und doch seinen Weg gehen kann und soll, daß sein Leben ihm zubestimmt ist und doch von ihm erwählt werden soll — und paradox ist schließlich, daß das von Gott geschaffene Leben eben durch diesen seinen Ursprung seinen bleibenden Sinn, sein Ewiges besitzt — und daß doch wir es sind, die ihm diesen Sinn erst geben sollen: daß das Leben Gottesschöpfung ist und doch der Menschen bedarf, um zum Gottesreich zu werden. In diesen Paradoxien drückt sich die ganze unerchöpfliche, unbegreifliche Lebenskraft des Judentums: eine tiefe ewige Gottverwurzeltheit und seine gewaltige sittliche Freiheit aus. Eine ist ohne die andere nicht denkbar. Die jüdische Ethik ist Gottesglaube, und der jüdische Gottesglaube ist Ethik. Aus der Verwurzelung im Unbedingten allein stammt die radikale Gewalt dieser über alle rationale Gewalt hinausgehobenen Ethik — an dieser Ethik allein erschließt sich unmittelbar die Kraft und der Sinn des prophetischen Monotheismus. Nur einmal noch ist das Ethische in solcher kategorischen Unbedingtheit erschienen. Und gerade dies macht die tiefe Geschiedenheit sichtbar. Stammt die Unbedingtheit der sittlichen Forderung im Judentum aus dem Glauben an den einen ewigen Gott; garantiert hier Gott die unbedingt sittliche Forderung, so muß sich bei Kant umgekehrt aus der unbedingten sittlichen Forderung Gott ergeben. Die Philosophie schließt aus der Tiefe der Erfahrung von der sittlichen Forderung auf ihren unbedingten Ursprung — die Religion erlebt an der Erfahrung des unbedingten Ursprungs die verpflichtende Kraft der sittlichen Forderung. Das Erste ist hier Gott — und er ist das Letzte. Und so sind hier Moral und Gottesgedanke unendlich hinausgehoben über alle rationalistische Erfchließbarkeit. Nichts Gottloseres, Sinnloseres wäre dieser Gesinnung denkbar als die Forderung eines Gottesheweises. Gott ist hier nicht ein Postulat der Philosophie, nicht m Satz des Glaubens, sondern daS Leben der Mensche». Bas Leben der. Mensche«: kein Dogma, keine Metaphysik, kein ErlösungSmythos steht hier zwischen Mensch «md Gott. DaS tiefverborgene Mysterium des GöWichen wird im Menschen unmittelbar zur Klarheit und De»Mchfett des sittlichen Gebotes: was in Gott verschlossenes Geheimnis, das ist im Menschen als Forderung rGenbar. So ist das Göttliche transzendent und immanent zugleich. Denn wie das Gebot nie voll zu erfüllen ist und so immer jenseits der Wirklichkeit verbleibt «nd wie eS doch auf der anderen Seite nur im Diesseits gu «erfüllen ist, so ist auch der dunlle göttliche Ursprm« 'so ewig außerhalb unser, wie seine Offenbarung in unKEin geschaht. WaS sonst in aller Religion sich bchchdet: göttlicher Wille und menschliche Tat, Gottes HevHchaft und menschliche Schöpfung, dies, was noch im Sinmvnsallsmythos auseinanderbricht: im prophetischen Jr^vntum, das alles Mythologische überwunden, unter Ach gelassen hat, ist es in Gottes Willen «nd des Mechchen Sollen selbst geeint. Gott bestimmt den Menschen zum Freien, zum Schöpfer seiner Taten; er bestimmt ihn, das Leben zu «wühlen, das er ihm schenA. Persönlichkett Gottes bedeutet so hier nichts Attchoopomorphes, Vermenschlichendes, sondern es bedeutet, daß Gott im innersten untersten Kern der PechörGWeit allein erlebt und verwirklicht und darum immer pechönlicher erlebt und verwirllicht werden muß. Es bedeutet im äußersten Gegensatz gegen alle gedankllch ahzzüettavde Gottheit rationalistischer oder pantheistischsr Avt, gegen Gott als letzte Ursache oder als Allbesesdmg oder selbst gegen den Gott der Mystik, mtt dem die Seele zu verschmelzen vermag — den lebendigen Gott Las Geheimnisses und des Gebotes, den Gott, zu dem Ääs Herz betet, vor dem es weint und sich verMoMnd niederwirst und vor dem es sich in der Arbeit svmes Lebens läutert. Und so ist auch der ttese jüdische Optimismus: der Glaube an die Realität des Guten, nnnnttelbar csirrs mit dem Glauben an Gott. Wir, aus Gott hertzorgegangen, Gottes Ebenbilder, sind im Ursprung Hut. Unser ist es, für unseren Ursprung, für das LÄbe« «ns zu entscheiden. Denn das Gute ist das Leben —- das Böse ist der Tod. So radikal wird hier die Entscheidung für oder wieder das Gute gefaßt. Hier ist das Gute keine Idee mehr wie auf dem Gipfelpunkt der griechischen Antike in der platonischen Idee des Guten. Hier ist es Realität, die einzige Realität, die die Entscheidung des Menschen auf Leben und Tod fordert. „Ganz sollst Du sein mit Deinem Gotte." Im Mittelpunkt der jüdischen Lehre und Geschichte steht darum der Begriff der VekobRnrad, der Umkehr: der immer neuen lebendigen Entscheidung für Gott. Ihm entspricht an Stelle des Erlösungsbegriffes von Erde und Erdendasein, wie ihn die anderen Religionen besitzen, in dieser „Diesseitsreligion", in der alles auf das sittliche Leben und Tun der Menschen bezogen ist, der Begriff der Versöhnung. Versöhnung, die nicht bloßes Werk der Gnade, nicht Erlösungswunder ist — sondern auf dem sittlichen Entschluß des Menschen, auf seiner freier? Tat, seiner Entscheidung, seiner Ilmkehr ruht. Die Versöhnung ist sittliche Erlösung. Das Judentum ist Versöhnungsreligion: Versöhnung zwischen Gottes Willen und menschlicher Tat und in diesem zugleich Versöhnung der Menschen untereinander. Wie Versöhnung und Friede das Ziel, das ewige meisianische Ziel der Menschheitsgeschichte und zugleich das jedes gelebten Augenblicks des Einzellebens ist, so ist der Inhalt aller Entscheidung für Gott, alles Dienstes au Gott Dienst am Nächsten, Nächstenliebe. Das ganze Gebot des Gottesdienstes ist Liebe zum Rüchsten, m

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