Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 6 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 ~— jedem Nächsten, einschließlich des Fremdlings und der Feinde. Nächstenliebe ist selbst Gottesdienst. Denn als Jsraeliten stehen wir immer mit den Füßen auf der Erde, während durch unser Herz die Ströme des Wunders gehen. Wie das ewige göttliche Geheimnis in uns unmittelbar als Klarheit des Gebotes aufrauscht, so rauscht die Liebe Gottes aus unserer Brust hervor als Liebe zu den Menschen. Wir sollen den Nächsten lieben um Gottes willen: „Wir behüten sein Kind." Das Volk, das den unerhörten Segen dieses Wortes, dieses Gebotes, dieser Wahrheit auf seinem Haupt empfing, konnte in der Welt, wie sie war und wurde, keinen Segen empfangen. Es mußte abseits stehen um dieses Segens willen, bis einst alle ihn erfahre und begriffen haben werden. So trat Israel in die Knechtsgestalt: gesandt an die Menschheit und von ihr, der noch nicht seienden, verachtet. Und so hat es sich in der Geschichte bewährt. Im Märtyrertum, das zuerst die Juden lebten und von sich forderten, das uns hier recht eigentlich als der Inbegriff der jüdischen Lebens- und Todessorderung aufgeht, ist zuletzt noch der Tod überwunden. Hier hört er auf, bloßes Schicksal zu sein: er ist selbst zur Tescliuwali, zur freien Entscheidung der Seele geworden. Und die jüdische Geschichte ist eine Geschichte des Märtyrettums. „Sie ist die Geschichte eines Erwählens, einer Entscheidung für Gott und schon darum voll Leid." Aber wenn es „in der Geschichte, die nur das Geschehen kennt", ein bloßer Spielball der Völker, ein Umhergeworfenes ist, so ist es „in der Geschichte, die die überwindenden Ideen kennt", ein Bestimmendes und Wirkliches, eine Macht geworden. Durch sein Märtyrertum und seine Treue hat es in seinem „Ueberrest", in seinen Besten seinen Gott bewährt. Und so darf Baeck das stolze und wahre Wort sprechen: „Wo ein Jude da war, stand immer die Tatsache da, daß ein Seelisches mehr bedeutete als die Welt." Und damit hat das Judentum zugleich den von den Propheten gebildeten Begriff der Weltgeschichte bewähtt, der ein sittlicher — und wir würden heute sagen: ein geschichtsphilosophischer — Begnff ist. Sie, die zuerst die Idee der Einen Menschheit fanden, fanden auch zuerst die Idee der Weltgeschichte. In Zeiten, wo Throne und Reiche stürzten, „wo andere den dumpfen Ton des Schicksals, das sich vollendete, hörten, dort erlebten sie die Offenbarung des Ewigen." Und so, an der Einheit dieser Offenbarung des Ewigen, Göttlichen, Guten, die die wahre Einheit der Menschheit ist, wurde die Einheit der Geschichte erfaßt. Diese selbe Einheit, die heute durch die gottentfremdete moderne europäische Wissenschaft in alle Winde zersprengt ist, hier steht sie in ihrer allzeit gülttgen Wahrheit intakt und unversehrt vor uns — keine wissenschaftliche Einheit freilich, sondern eine erlebte, gelebte: die Über alle Einzelheiten des Wissens und Erkennens hinwegschreitende, durch sie hindurchdringende Einheit der Menschheit, des gottebenblldlichen Menschenbildes. Durch den Monotheismus wurde die Idee der Weltgeschichte erzeugt: durch den messianischen Glauben der gewähtten, verheißenen, zu verwirklichenden Versöhnung zwischen Gott uttb Mensch allein wird der Gedanke von einer Weltgeschichte, die nicht nur ein Trümmerfeld ist, möglich. Durch die messianische Idee wird das Chaos der Geschichte zum Kosmos; der Geist tritt in sie ein. Diese seine messianische, das Einzelleben und die Geschichte umschaffende Botschaft, seine Sendung an die Menschheit hat das jüdische Volk begriffen, für sie hat es gezeugt und gelitten und sich unter unendlichen Leiden erhallen. Um ihretwillen, um des Gottes willen, für den es zeugen soll, um der Menschheit willen, an die es zeugen soll, willigte es ein, sich von allen Völkern der Erde zu unterscheiden, anders zu sein und zu leben als sie. „Ihr sollt anders sein; denn ich Euer Gott bin anders." Bon dieser Botschaft legt es Zeugnis ab, Zeugnis von einer Wahrheit, die unvergänglich ist inmitten einer in vergängliche Einzelwahrheiten, in verflatternden Irrtum sich auflösenden Zeit. Keine der Fragen und Lösungen unserer modernen Wissenschaft wird von ihr berührt, geschweige denn verworfen; aber auch keine tritt dieser Wahrheit zu nah; keine ist im Stande, an ihr zu rütteln. Denn das ist ihr Ewiges, daß sie groß und ragend wie das Leben selbst über allem einzelnen Wissen und Erkennen, über allen Zweifeln und Verzweiflungen der Stunde steht, leuchtend von dem Glanz, der das Antlitz des vom Sinai Herabsteigendei! Moses überströmte: das ewige Eine gotteb enbildliche Menschengesicht. .Druck und NommiisionSverlag: Th. Schatzky, Buchdruckerei und Berlagsanstalt. &. in. b. H., Breslau u.i, Neue Äraupenstrahe &