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Liberales Judentum · 1922-06-02 · Heft 6 (2.6.1922) · p. Seite 53

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 6 (2.6.1922)
Date
1922-06-02
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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98 ferne Literaturdenkmäler zu machen und diese streu« literarhistorisch zu untersuchen, wir würden uns wcchrscheinM 'ähnlicher Methoden bedienen. Die berühmten Einleitungen etwa von Holzmger. CornU usw. sind so nüchtern. daß sie aerobe so aut für die serbische oder japanische Literatur hätten geschrieben sein können, und eine für die Literaturen des Ostens geschriebene..Geschichte der althebräischen Literatur" von Karl Budde (Leipzig 1906s wird immerhin bei solchen gebildeten Lesern eher für als Wider die Bibel werben, die eine unüberwindliche Abneigung «egen alles Theologische halben. Hier hat die Bibelkritik wieder eine Lücke ausgesüllt. Und wir muffen Weiler zu- «oben. das; auch für den Pentateuch der Bann einmal gebrochen weiden muhte, so schr die Thora in anderer Hinsicht ihre einzigartige Sielluna im Judentum behalten muß. Die Warnungstafel an mukdoinuni'uehordattoia, ..in der Thora gibt es kein früher mtb Später, kein Hinten und Vorn", ist reichlich verwittert, und natürlich das Ende, genauer der Verzicht auf ein großzügiges Verständnis über einen gewissen Punkt hinaus. Wer über diesen toter: Punkt hinaus will, kann an den Aufstellungen der literar-historischen Bibelkritik nicht Vorbeigehen. Trotz wiederholter, behutsamster Uoberprüfung werden uns gewisse Ergebnisse als wissenschaftlich gesichert erscheinen dürfen: fo. das; der Pentateuch nicht das literarische Werk Moses, auch daß er ursprünglich keine literarische Einheit ist. sondern auf ältere Quellen zurückweist: daß in ihm parallele Erzählungen und Gesetzesgmppen vorhanden sind, die durch keine erzwungenen Harmonisierungskünste den gleichen Autoren Muschreiben sind — so schon Gen. 1, 1—2. 3 gegenüber Gen. 2, 4 u. ffa.; und vieles mehr. Dagegen glauben wir uns berechtigt, dir apodiktische Behauptung Hermann Gunkels: „Die Genesis ist eine Sammlung von Sagen" zurückzuwersen. Es mag eine für einen gewissen Geschmack berechnete Mode sein, von biblischen Märchen. Novellen. Idyllen und Romanen zu sprechen: wissenschaftlich einwandfrei ist es nicht. Die Verfasser der Genesis haben noch nicht die den späteren Geschichtswerken eigene Sachlichkeit. Ausschaltung des Mrakulösen usw. erreicht, aber sie berichten dennoch nicht von Halbgöttern wie Achill, oder Halbgöttinnen wie Brunhild. Die Patriarchengestalten rücken allmählich in deutliches. historisches Licht; das lange verkannte Kapitel 14 hat geschichtlichen Wert erlangt; auf die KimigÄiste von Edorn (Gen. 36, 31) baut Lehmann-Haupt seine Chronologie der mosaischen Epoche. Aehnlich steht es mit der Behauptung: die Existenz eines Zeltheiligtums in der Wüste schwebe in der Luft, wir hätten es mit einer Erfindung späterer Zeiten zu tun. und so in vielen Stücken. Hinwiederum find der Bibelkritik große Verdienste um den Prophetenkanon nicht abzustreiten. Biel zu ausschließlich nahm die Thora das halachische und haggadische Interesse in Anspruch, die prophetischen Texte waren Mar den Gelehrten geläufig und stets gegemvärtiq. mußten sich aber gefallen lassen (abgesehen von litt:mischen Abschnitten), nur gelegentlich wort- oder satzweise zur Stütze irgendeiner Darlegung herangezogen zu werden. Me talmudische Entwickelung brachte es dahin, daß die prophetischen Reden wie zeit- und raumlose Gebilde in der Lust schwebten, und die letzte Auslogungsweisheit allein der zanberkräftige raachhanemio blieb. Vermutlich gilt heute noch die Anerkennung eines 2. Jesaja oder makkabäischer Psalmen gewissen Vertretern der indischen Gottesgelahrtheit als unerhörte Ketzerei. Welch ein Abstand zwischen der Auflösung der prophetischen Literatur in eine Menge zusammenhangsloser Satze (sog. P'sukim) sys^rnatischen Arbeit selbst von Männern wie Wellhausen, Duhm und Marti: von wohlwollenden zum Teil begeisterten Morschem wie Cormll und Sellin «am m schweigen. Hier habe« wir dankbar zu fern. An diesem Danke wird freilich der engeren, strengen Bibelkritik viel weniger gelogen sein, als an Zustimmung zu ihrer Hauptthese, die zeitweilig zum Dogma zu werde« drohte: das Gesetz hat seme Stelle nicht vor. sondern nach der Prophetie, schulgemäß ausgedrückt, Pist die jüngste Quellenschrift und leitet das sogenannte Gesetzesjudentum ein. Um diese Kernsestung lobt der Kampf. Es ist nur zum geringen Teil Betdienst der jüdischen Bibelforschung, daß auch sie heute erschüttert ist, das Hauptvetdienst fallt christlichen Gelehrten zu. Männern wie Robertson. Klostermann. König u. a. Gin methodischer, wenn nicht gar sittlicher Fehler hat sich an der Bibelkritik bitter gerächt: da« Mißtrauen gegen die Zuverlässigkeit biblischer Berichterstattung. der Argwohn gegen priesterliche Ränke. So war man nicht zufrieden, die große Bedeutung des Berichts 2. Kön. 22., 8 ins Licht gestellt und das dort ausgefundene Buch als das noch heute im 6. Buch Mose vorhanden« Urdeuteronomium erkannt zu haben (eine wissenschaftlich« Großtat): man mäkelte so lange an dem klaren Wortsinn des ..gefundenen" Buches, herum, bis man es zu einer Tendenzschrift zugunsten der Iosianischen Reform gemacht hatte, bei der die Eingeweihten sich gegenseitig in die Hände spielten und eine regelrechte Komödie ausführten. Der Zusammenbruch dieser Unterstellung zieht natürlich immer weitere Kreise: das Verhältnis von Deut, zum Bundes buch wie zur Priesterschrist wird zuerst in Mitleidenschaft gezogen, das ganze Gebäude gerät ms Schwanken. In jüngster Zeit sindet sogar die anscheinend eindeuttge Entdeckung vom Wechsel der Gottesnamen in den verschiedenen Quellenschriften (JHWJtlmtb EloJbdm; nach Jean Astruc 1753) lebhafte Bekämpfung. Wir verweisen auf die SchMen von Ioh. Dahse (Die gegenwärtige Krisis in der alttest. Krittk, Gießen 1914) urch Harold Wiener (The Pentateuchal Text und The Date of Exodus, London 1914 und 1916). Ziehen wir das Fazit: Die kritische, lrterar-hrstorrsche Behandlung des heiligen Schrifttums kann als neuartiger Schößling der modernen Bibelsorschung anerkannt und gewertet werden. Ihre Methoden bedürft« der Ueberprüfung. ihre Anwendung muß -im Geistestrenger Sachlichkeit und Krittk. nicht aber des Argwohns und Mißtrauens geschehen. Und eine andere dringende Forderung müssen wir erheben, wenn die Bibelkritik zuletzt den Anspruch macht, m der religionsgeschichtlichen Forschung, also der sogenannten biblischen Theologie di« Führung zu übernehmen. Sie darf dom immer kühner werdenden sogenannten arischen Raffenstolz nicht anheimsallen. utt8 allem Semitischen, demgemäß auch jüdischer Kultur. Religion und Sittlichkeit mit hochmütig-überlegenem Dünkel begegnen.. Hier müßte sich unser Widerstand versteifen und jede Verständigung ausgeschloffen fern. Vergessen wir nicht, daß hier Lebensstagen berührt werden. Die jüdische Gemeinschaft trägt ein Bild von ihren Ursprüngen, ihren Heiligtümern, ihren genialen Führern in der Seele. daS es wohl der Kritik, nicht aber dem Hohne und der Herabwürdigung Preisgeben will. Dahin ist es aber je länger desto mehr gekommen. Wir bestreiten der Forschung nicht das Recht, auch unsere sakralen Altertümer in den Strom der großen religionswiffenschastlichen Erörterung einzubeziehen und eine neue Bewertung der Lehrmernungen wie der Gottesverehrung. der Einrichtungen und Bräuche, wie der sittlichen. im Volksleben sich äußernden Anschauungen hevbeizuführen. Wir glauben auch nicht, daß die Ausdeckung von Analogien und Beziehungen ganz unfruchtbar bleiben müsse, noch weniger, dick gereckt Mvaaende Vergleiche zu V.

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