Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 6 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126612-3126616--2771-3129638- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wir unterscheiden: 1. Bibelkritik als Kritik am Texte. Sie will einen Wortlaut rmd einen Wortsinn Herstellen einzig nach den Gesetzen der fremden Sprache, ihrer Grammatik. Syntax. Prosodie, ihrem neu zu ermittelnden Sprachschatz. Hier wird Bovarbeit geleistet. 2. Bibelkritik als literar-geschichtliche Quellenkritik. Als solche will sie vermittelst verfeinerten und geschärften Sprachgefühls und unter Anwendung philologischer Kunstgesetze zur Quellenforschung Vordringen; also Ausscheidung und Zusammensetzung, zeitliche Datierung und Schicksalsbestimmung an dem gesamten Quellenmaterial leisten, das der biblischen Literatur zugrunde liegt. Hier ist die eigentlich Domäne der Bibelkritik. ihr engerer Bezirk. 3. Bibelkritik als religions-geschichtliche Forschung. Diese ist Kritik und Neubewertung des die Bibel beherrschenden religiösen Gehaltes in allen seinen Äußerungen, in Lehrmeinungen. Einrichtungen. Sitten und Bräuchen. In dieser Aufglpfelung führt sie ein Kriterium für ihre eigene Bewahrheitung oder Selbstvermchtung in sich. Der gemeinsame Nenner ist allenthalben Abkehr von der Tradition, schroffe Absage an jede noch so geheiligte Autorität auftet der wissenschaftlichen Erkenntnis. Wie also wollen wir Stellung nehmen? Wir folgen unserm artsgestellten Schema. Da stößt die Bibelkritik als Wort- und Textkritik zuerst mit einer Tatsache zusammen, die hohen Respekt einflößt: das ist die. geradezu wie ein Wunder anmutende Ueberlieferung des sogenannten masoretischen Textes. Welches Maß von 'Treue gegen den überkommenen Wortlaut sich in der Masora mit ausgeprägtem Sprachgefühl verbindet, das kommt einem erst bei eingehendem Studium zum Bewußtsein. Man war keinen Augenblick im Zweifel, daß -'die Masora die Schutzwehr für das allein wahre Verständnis also gegen alle Irrungen war. (Spr. d. B. 3. 17; ier. M«g. 4.1. wo ihre Tätigkeit bis auf Esra und Nehemi-a zurückgeführt wird.) Noch ein moderner Jude, wie Max Brod in seinem Bekenntnisbuche „Heidentum, Christentum. Judentum". Band 2, Buch 9. ist erstaunt über die Leistung der Synagoge, die uns einen bis auf den Buchstaben übereinstimmenden Bibettext in die Hände gelegt hat. gegenüber 1509 Handschriften des N. T. mit ihren nach Tischendors über 30 000 Verschiedenheiten! Die Schriften unserer Bibel sind eben heilig, die übrigen nur kanonisch. Freilich traf bei der Masora wissenschaftliches mit religiösem Interesse zusammen, und das letztere überwog. Andrerseits fehlte es auch im jüdischen Lehrhause bei aller Vereinheitlichung des Grundtextes nicht an freier, wissenschaftlicher Beweglichkeit, wie die halachifche und die haggadische Exegese beweist. Diese nun im Verein mit der Masora könnten sehr wohl als Vorläufer für jede moderne Forschung dienen, und sie haben. diese Stellung auch in der Geschichte der jüdischen Sprachwissenschaft und Exegese behalten. Der moderne Bibelkritiker aber will sein eigener M a s o r e t sein. Er glaubt, einen vollkommenen Neubruch brechen zu müssen. Da wird jedes Steinchen befühlt, beklopft, gedreht, bis es möglichst eine andere Gestalt bekommen hat. die besser in den Zusammenhang paßt, oder zum tauben Gestein geworfen wird, unter dem ein glücklicherer Forscher Nachlese halten mag. Es müßte mit sonderbaren Dingen zugehen, wenn diese Arbeit nicht auch positive Beiträge zum besseren Wort- und Satzverständnis hätte liefern sollen. Besonderen Nutzen zog man aus der .Heranziehung weiterer verwandter Sprachen, z. B. der assyrischen: der Feststellung von Lehnwörtern aus anderen Sprachkreisen; ferner aus der Inschriftenkunde, aus der die Alten noch gar keine Vorteile ziehen konnten: endlich aus der durchs immer neue Funde bereicherten Archäologie. Großen Eifer wandte man auch der Etymologie der Personen- und Ortsnamen zu, und fo möchte noch mancher Aktivposten zu buchen fein. Kommen wir zum Ergebnis. Schon der Talmud stellt den Grundsatz auf: vn kosub joze mide p'schuto, „kein Schriftvers darf feinem natürlichen Wortsinne entzogen werden". Man kannte zwar vier SchriftauslegungSarten. die in dem Merkworte P».RVe8 vereinigt sind: die Anerkennung des einfachen Wortsinnes ging aber nie verloren. Es ist aber znzugeben. daß Masora. halachifche und aggadische Exegese eine suggestive Kraft auMbteri. die das Ursprüngliche oft unterdrückte: hier hat also die bibelkritische Schule vorteilhaft gewirkt, alte, verschüttete Bahnen wieder wegsam gemacht. Ein Beispiel: Welch beglückender Trost liegt in Jesaja 1. 18. wie es in unseren Bußgebeten (als positive Zusicherung Gottes) verwandt wird. Aber auch Wellhausett ist im Rechte, wenn er es als zornig-ironische Frage auffaßt. Stellen uns die Wortphilologen eine neue veritas hebraicafjer, f0 wollen wir dafür aufrichtig dankbar sein. Nichts zwingt uns, den von uns selbst gesammelten Reichtum aufzugeben, der vielleicht uns allem aus unzähligen Worten und Sätzen der heiligen Schrift leuchtet, die den Außenstehenden nichts 'Mxjutm Treten wir jetzt denr Hanptarbeitsgebiete der Bibelkritik näher, der literar-historischen Quellenforlchmig. Es. war zu erwarten, daß die höher gesteckten Ziele der alt», klassischen und gernrcmischen Philologie auch von den modernen Hebraisten angestrebt wurden. Was Homer und dem Nibelungenliede recht war. mußte der Bibelbjllig sein. Freilich hatte man es hier mit religiösen Urkunden zu tun. man meinte also, gegen desto dickere Vorurteile empfehle sich auch ein desto rigoroseres Verfahren.: Die heiligen Schriften lagen wie unter denr Sezrermesser des Anatomen. Wem der Vergleich zu blutig ist. der wähle sich ein poetisches Bild, etwa bei Adalb. Merx (Die Bücher Moses u. Iosua. Tübingen 1907, S. 19)2 man stelle sich vor, „als ob in eine Mauer Stücke mehrerer zerschlagener Statuen eingemauert wären. Beim Abtragen der Mauer findet man diese Stücke; eine Gruppe ist weißer Marmor, eine andere ist roter Marmor, eine dritte Porphyr, und dazu kommen noch viele Mauersteine und Zement u. s. s." Gleichviel ob schneiden oder hauend es gab jedenfalls sehr bald besonders im Pentateuch keinen nennenswerten Abschnitt mehr, der nicht in seine Atome zerlegt war. Als oberster methodischer Grundsatz galt, daft keine noch so ehrwürdige Tradition über Herkunft. Alter, Verfasser. Zusammenhang, Reihenfolge. Umfang usw. über die biblischen Urkunden von vornhinein Bettrauen verdiene. ja daß man überall auf der Hut gegen Priesterschlauheit. geschickt verdeckte Tendenzen, versteckte Nahtstellen, retouchierte Ueberarbeitungen sein müsie. Wie gewöhnlich erwies sich die neue Zusammen» setzung als viel schwieriger als die Zerlegung. Es kann nicht unsere Absicht sein, alle Phasen dieser Sisyphusarbeit auch nur zu skizzieren, dazu wäre ein eigenes Buch et» forderlich. Man möge uns glauben, daß auch heute wieder dich schwer erzielte Einigung über Wesen. Charakter. Zeitfvlge der sogenannten Quellenschristel (J. E. D. P. im sogenannten Hexateuch) brüchig ist. Wir müßten aber die Wahrheit verleugnen, wollten wir die starken, z. T. überzeugenden Beweisstücke geringschätzen, die die Quellenkritik für manche ihrer Hypothesen bisher erbracht hat. Wäre es auch unser Ehrgeiz, aus religiösen Urkunden nur vro-