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Liberales Judentum · 1922-06-02 · Heft 6 (2.6.1922) · p. Seite 51

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 6 (2.6.1922)
Date
1922-06-02
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 — unverständlich'werden, sie würde zu einer „großen Schrulle" wem» dieses ideale Bewußtsein sie nicht erfüllte".*) Und auch Samson Raphael Hirsch kann ich als Kronzeugen gegen Wiener anführen. In der ersten Progtmmmmmmer seines Jeschurun schreibt er: „War ja eben dieser Universalismus Wesen und Zweck, Grund und Bedeutung seiner Isolierung! War es ja eben dieser Universalismus, der ihn isolierte!" Erst der moderne jüdische Nationalismus hat diese Idee, die während des Mittelalters wohl im letzten Winkel des jüdischen Gedächtnisses schlief, aber niemals bekämpft wurde, aus irgend einem nationalen Instinkt heraus fanatisch bekämpft. Dieser verengende, gefährliche, gegen alles wahrhaft Große blind machende nationale Instinkt ist es, den das-liberale Judentum mit sicherem Bewußtsein überwunden hat und immer aufs neue überwinden mutz. Dieses „erdhafte", vegetabilisch-animalische „Sein" mit seinem „Erdgeruch", diese „konkrete, historische, leibhafte" jüdische Wirklichkeit ist Geist von jenem Natiorralitäts- und Rassenbegriff, der das Unglück der modernen Menschheit geworden ist. Der der Hinderer der Humanität, das Hemmnis aller Böller- und Menschenversöhrmng, der Erreger alles Mßtrauens, Hasses, Dünkels, der Errichter der Scheiterhaufen und Ghettis gewesen ist. Wer uns zumutet, die Idee des Universalismus gegen einen chauvinistischen, alle Höllengeburten der Leidenschaften entfesselnden Nationalismus einzutauschen, dem rufen wir mit dem Propheten entgegen: Mit einer Prachtkrone habe ich dich geschmückt, aber du hast dein Gold und Silber auf die Straße geworfen. Mein lieber Freund! Ich sehe, mein Brief ist mir unter der Hand zu einer Abhandlung geworden. Aber wes das Herz voll ist, fließt die Feder über. Und vielleicht verscheuchen meine Gedanken, die von starker Zukunftszuversicht getragen sind, Ihre pessimistischen Grille». Die weitere Ausführung und tiefere Begründung meiner Gedanken werden Sie in meinem Buche, das Ihne« in seinem ersten Entwurf nicht unbekannt sein dürfte, „Geschichte der jüdischen Reformbewegung von Mendelssohn bis zur Gegenwart" finden, das dieser Tage die Presse verläßt. Frankfurt a. M., vor Schabuoth 5682. Ihr aufrichtig Sie wertschätzender Seligmann. Siehe Baech Wesen der Judentums. S. Ausl, S. 64 ff. 74» 77. Uns« Verhältnis zm Vibelkritik. Bon Dr. S. Samuel, Este«. Freunde wie Gegner der wissenschaftlichen Strömung. die mau Mbelkritkk nennt, werden — beide in ihrem Sinne — behaupten, daß diese bereits der Geschichte angehört. Die Gegner werden damit sagen wollen, daß sie in der Zersetzung, ja in der Auflösung begriffen sei. Aber auch die entschiedene« Anhänger können nicht mehr übersehen, welche innere Kraft die stets wachsende Opposition zur Zeit erlangt hat. und daß die Bibekkritll alle Ursache hat. ihre Boraussetzungen und demgemäß ihre Schlußfolgerungen und Ergebnisse sorgfältig nachp»- prüfe«. Für die jüdische Wissenschaft ist damit eine neue Lage geschaffen. Äe hat fast während des ganzen Ablaufs dieser wissenschaftlichen Bewegung, deren heißumstrittenes Objekt ihr eigenster, 'heiligster Gegenstand, eben dir Bibel war. den stummen Beobachter gespielt. Nur vereinzelte Forscher, wie David Hoffmann und Benno Jacob, sind in die Arena herabgestiegen und haben den ..Gegnern" einiges Terrain abgewonnen« Im großen betrachtet, verhielt sich der jüdische Forsche»! drang schroff ablehnend oder scheu zuwartend: derselbe Drang, der sonst so leicht auf ein neues Gebiet zu lenken ist und mit Vorliebe im Bordertreffen kämpft. In unserem Falle verzichtete er aus den Wettlauf, und über* tteß Ehren wie Gefahren der christlichen. genauer der evangelischen Theologie. Die jüngste Zeit hat dies befremdliche Verfahre» anscheinend gerechtfertigt. Wenn ein Friede. Delitzsch in -einen Pamphleten „Die große Täuschung" sich ausdrücklich auf Julius Wellhausen beruft und aus dessen Ergebnissen nur die letzten Folgerungen zu ziehen behauptet. dann sollte unsere Stellung nicht zweifelhaft fein. Eine Bibelforschung, die zur sittlichen und religiösen Herabwürdigung des gcheiligten Schrifttums führe» müßte, hätte sich selber das Todesurteil gesprochen: eine Methode, die den fachlichen Wert, den geistigen Gehalt ihres Arbeitsgebietes, auflöst und zerstört, kann nicht die Methode einer Wissenschaft sein; sie ist der vollendete Irrsinn. Aber wir muffen in Rechnung ziehen, daß dev Antisemitismus aus allen Blüten Gift saugt: ist die Blume nicht giftig, so mischt der Rüffel des Infekts das Gift dem Safte bei. Wir wollen also diese neue Wendung nur als ernste Warnung dafür ansehen. wie hart hier der Irrtum bei der Wahrheit wohnt und welch strenge Reserve sich auch der Liberalismus auferlegen muß: bei allem ihm zuzubilligenden Stroben nach Aufklärung und Licht aus den Quellen einer voraussetzungslosen Wissenschaff. Die Warmmg kommt nicht M früh. Die Ruhe StA« cm der Oberfläche kann nicht darüber täusche«^ daß unsere fortschrittlich gerichtete» Geister in stark« Garung begriffen sind und in ihrem Drange nach Wich» heit der bibelkritifchen. bereitstark popularisierten Weis- * heit anheimfallen müssen. Pvaktffche Bedürfnisse kommen hinzu. Der Prediger in einer gebiDeten Gemeind«! muß sich mindestens dqzu bekennen, daß neue biblische Probleme aufgetaucht sind, die der Antwort harren: de« Retigionslehrer bei reiferen Schülern will sich dem Do» Wurfe nicht auSfetzen. an fogemmnten gesicherten Ergebnissen der Bibelkritik achtlos vorbeigegcmgen zu fein« Bor allem aber: unsere jüdische Wissenschaft Jahrhundert« hindurch führend in der Auslegung des Bibelwortes, kann sich nicht dauernd auf de« Isolierschemel setze«, ohne sich selber empfindlich z« schädigen. Der Kampf will anfgenommen sein mit der größten Besonnenheit, aber auch ohne zu starkes Bo» urteil. Es könnte ja sei«, daß ein an sich gesundes Prinzip durch Übertreibung in sein Gegenteil verkehrt worden wäre, der Mißbrauch zuletzt das Uebergewicht gewönne« hatte. Auch ist unwahrscheinlich, daß ein erheblicher Bruchteil der Mbelkritiker zugleich mit der Aufhellung die Auflösung der biblischen Wahrheit und göMchen Weib« Heft erstrebte; die erdrückende Mchcheit ist von aufrichtigem Forschertrieb beseelt, hat ein großes Maß von redlicher», gründlichem Fleiße ausgebracht, und daher zweifellos i« allen den Dinge» auch positive Leistungen aufzuweisen, die ihren freilich unzulänglichen Methoden überhaupt zugänglich sind. Bon Hier aus fnwen anch wir zur Mbelkritkk ein beiderseitig gerechtes Verhältnis. Bei näherer Betrachtung ergeben sich drei Hauptgebiete blbelkrffischer Betätigung, und es zeigt sich bald, daß unsere Stellung wie unser Interesse nicht jedesmal gleichartig ist: ja diese Stellung durchläuft alle Phasen» von lebhafter Zustimmung bis m schroffer Ablchnung. \ JL

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