Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 6 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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BO — itteligion, und von den elf Seiten der Richtlinien sind mehr als acht dem Mischen Lehen gewidmet. Me kommt Kollege Wiener nach alledem dazu, von einem Mißerfolg des Liberalismus zu reden, der begründet sei in der Unllarheit seiner Idee? Wer den Erfolg und die Idee des liberalen Judentums verstehe:: und mit gerechtem Maße messen will, der frage sich einmal mit allem vorurteilslosen Ernste: Was wäre aus dem Judentum der nachmendelssohnschen Zeit geworden ohne liberales Judentum? Ms das altorthodoxe Judentum in Auflösung begriffen war, als die Gebildeten in Scharen das Judentum verließen, als der Altrabbini mus hilflos versagte, wer war es, der in das träge Gehenlassen der Dinge eingriff und dem Judentum außerhalb des Ghetto den neuen Lebensweg wies? Wer hat sich der Seuche des Abfalls, welcher die alten Rabbinen tatenlos als einem Verhängnis gegenüberstanden, entgegengestellt? Wer hat, als neue Schutzwehr des Judentums, ein neues jüdisches Selbstgefühl geschaffen? Wer hat die Wissenschaft des Judentums zu neuer Blüte gebracht und durch sie das Judentum neu und kraftvoll aufgebaut? Wer hat den Gottesdienst veredelt, die Predigt eingeführt, die jüdischen Schulen gegründet, den Anstichen Kultus verklärt und dadurch Tausende und Abertausende dem Judentum erhalten, der Synagoge zurückgewonnen, die sonst rettungslos verloren gegangen wären? Wer hat die menschenwürdige Stellung der Juden in zähem Ringen erkämpft? Wer hat die großen neuzeitlichen Organisationen des Judentums geschaffen und erhalten? Oder ist das alles vielleicht kein jüdisches Leben? Wer hat die Probleme der Mischen Gegenwart mit ungeheurem Verantwortungsgefühl angepackt und zu lösen versucht? . Mcht alles, was der jüdische Liberalismus geschaffen und abgeschafft, will ich wahrlich gutheißen. Viele Fehler sind genurcht worden, viel Unreligiöses und Unjüdisches hat sich unter der Maske des Liberalismus mit eingeschlichen. Aber welche edle und große Sache wäre frei von solchen Schlacken- Und nachdem der Liberalismus erst einmal den Anstoß zur Erneuerung des Judentums gegeben, haben sicherlich alle anderen jüdischen Richtungen mitgeholfen — vielleicht tatkräftiger als der Liberalismus selbst mitgeholfen — an dem Werden eines neuen lebensvollen Judentums. Der Liberalismus ist heute noch, ebenso wie in der Zeit seines Entstehens, die einzige Mische Lebensmöglichkeit für diejenigen, die sich nun einmal in Massen, in immer wachsender Zahl von Generation zu Generation, vom gesetzestreuen Judentum abgewandt haben. Diese % Massen wären dem Nichts in die Arme gefallen ohne die liberale Lebensmöglichkeit des Judentums. Wenn kein liberales Judentum wäre, wie viüle Juden zählte dann noch das deutsche, das europäische, das amerikanische Judentum? Wenn Jeder, der nicht das ganze „Gesetz" hält und der nicht an Thora min haschamajim im Sinne der Orthodoxie glaubt, kein Jude mehr wäre oder ein minderwertiger, ein sündiger Jude — wie viele Juden, oder wie viele gute Juden zählte noch das Judentum? Das liberale Judentum ist vor allen Dingen tolerant und stößt, wenn es seiner Aufgabe sich bewußt ist, diejenigen nicht zurück, die sich irgendwie zu ihm zählen, unb selbst, wenn sie weiter nichts mitbringen als den Willen zum Judentum. Auch die subjektivsten Juden — das richtet sich an Kollegen Goldmann — auch diejenigen, die man so leicht bereit ist, die Indifferenten zu schelten, müssen innerhalb des Rberalen Judentums Heimatberechtigung haben. Das hindert sreilich nicht, daß das objektive liberale Judentum, vertreten durch die liberalen Rabbiner, «mnfestiert zuletzt durch die Richtlinien, «Lgiöse Forderungen pellt, nicht als Gesetzesreligion, sondern, als Appell an die jüdischen Herzen und Ge willen, als Aufruf zur freiwilligen Bindung, aus dem Bewußtsein heraus, daß ohne dieses Minimum jüdischen Seins und Lebens das Judentum nicht bestehen, sich nicht erhalte» könne. Dieses objektive liberale Judentum erweist feine Daseinsberechtigung nicht durch Verschleierung seines Gegensatzes zur Orthodoxie; es akzeptiert weder den Glauben an die supranaturalistische Offenbarung, noch an das hieraus fließende Prinzip der Gesetzesreligion. Dann wäre es ja nicht-anderes als eine besondere Nuance der Orthodoxie und hätte aufgehört, liberal zu sein. Sondern in bewußter freiwilliger Bindung stellt sich dieses objektive liberale Judentum sowohl in seinen wichtigsten Manbensentscheidungen als in praktischer Religionsübung auf den historischen Boden des Judentums und gibt auch nicht eines der wirllich wertvollen Güter und Schätze unserer religiösen Vergangenheit preis. Was soll angesichts dieser Mischen Wirklichkeit, wie sie sich dem unbefangenen Auge darstellt, der Notschrei von dem Mißerfolg des Liberalismus und von der Schwäche seiner M>ee! Bon dieser „Idee" des liberalen Judentums drängt eS mich zum Schluffe noch ein ernstes Wort zu sagen. Kollege Wiener bekämpft mit ganz besonderer Schärfe die Idee des Universalismus, die das liberale Judentum „als das ganz Wesentliche unterstreicht". Er hat mit diesem Angriff wohl den ersten Satz der Richtlinien im Auge, welcher lautet: „Das liberale Judentum erblickt das Wesen der Mischen Religion in ihren enügen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten, welche die geschichtliche Bestimmung haben, Weltreligion zu werden." Nun ist es eine unleugbare Tatsache, daß alle irgend großgerichteten Geister im Judentum, von Jesaja bis Hillel, von den jüdisch-arabischen Religionsphilosophen bis Hermann Cohen das Sittliche, das seiner Natur nach das Universalistische ist, als das Wesentliche des Judentums angesehen haben. Und auch das „Umversal- Wettauschauliche", der meffiamsche Königstraum der Propheten, die Idee der einstigen Bekehrung aller Böller zu dem heiligen Gotte Israels, ist von dem religiösen Genius Israels so sehr als das Wesentliche, als der Sinn seines Daseins, als daß Ziel seiner Entwicklung angesehen worden, daß jeder Gottesdienst mit dem ursprünglich nur für Roschhaschana verfaßten Gebete des Rab Arika schließt, in welchem für das baldige Kommen des Himmelreichs inbrünstig gebetet Wird (al ken nekaweh lecho). „Dieser universalistische Zug, der Charakter einer Weltreligion", sagt Baeck, „ist der israelitischen Religion nie ein Zufälliges, Hinzugekommenes gewesen. Es konnte so nicht sein, da er schon in ihrer Lehre von Gott, in dem ethischen Monotheismus begründet ist. Es liegt in dem Begriffe des Ethischen, denn das Ethische will die allgemeine Gesetzgebung sein; seine Forderung richtet sich in gleicher Weise an alle Menschen und soll durch alle Menschen, durch die Menschheit verwirklicht werden." „Bon Gewicht ist es allein, ob eine Religion den Umversalismus zum bestimmenden Merkmal ihres Lebens, zur klar erschauten Idee, zum bewußt Vorgesetzten Ziele hat". Dem Judentum „ist der Universalismus eine wesentliche Eigenschaft, ein charakteristischer Inhalt". „Den Anspruch, Weltreligion zu lein, hat das Judentum me ausgegeben. Seine ganze Geschichte würde Üeinlich, jo