Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 6 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Liberales Judentum ZNvrratsschrtst für die religiöse Erneuerung des Judentums A-rau»g-geb«a vo» ter ‘StttMgwte für da» llbrrale Iadratum r. B. m»trr der Schrlstlettuag von De. Caesar SeNgmmm, RabbUrer kr Jraatfart am Mala Nr. 6 2. Juni 1922 1-1. Jahrgang Inhalt: Offene Antwort auf den offenen Brief des Herrn Rabbiner «*. Ziegler-Karlsbad, von Rabbiner De. Sellgmann, Frankfurt a. Ai. - Unser Verhältnis zur Wbelkritlk, von Vr. S. Sanruel, Essen. - Leo Baecks „Wesen des Judentums", von Margaret« Susman. Vffrm filitlvlikt Ms Den OM Ms üwfjemr" dr. Wlrr.ßsrlMsS. Bon Rabbiner Dr. Seligmann -Frankfurt a. M. Sehr geehrter Freund! Gerne folge ich Ihrer Aufforderung, Ihnen meine Gedanken über den neuen Geist, der sich in der letzten liberalen Rabbinerversammlung in Berlin offenbarte, mitzuteilen, und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich auf den Kampfplatz rufen, da ich in der Versammlung selbst, als deren Vorsitzender, in die sachlichen Debatten nicht eingreifen mochte. Um es gleich vorwegzunehmen: fast in allem, was Sie sagen, kann ich Ihnen beistimmen. Nur in einem nicht. Durch Ihren Brief klingt ein müder Ton stiller Resignation, mit dem ich mich nicht befreunden'kann. Sie sehen in dem Kampf das Symptom einer schweren inneren Krise. Ich sehe, im Gegensatz zu Ihnen, ein Zeichen der Kraft und des Selbstbewußtseins darin. Wir scheuen uns nicht, die Grundfragen vor aller Oeffentlichkeit mutig anzupacken und im Feuersprühen der Gedankenschlachten unsere Anschauungen gegenseitig zu läutern und zu klären. Und wenn die „Jungen" selbst einmal über das Ziel hinausschießen und uns „Men" zumuten, pater poookrvi oder auf gut jüdisch 17122 132VK zu sagen, wenn sie den alten Liberalismus tot sagen, wir können darüber lächeln und uns der prachtvollen Worte in Heiners Vorrede zur zweiten Auflage seines Buches über „Deutschland" erinnern (wobei wir uns nur die kleine Korrektur erlauben, „Liberalismus" statt „Deismus", „neueste jüdische Theologie" statt „neueste deutsche Philosophie" und einige Punkte statt „Berlin" zu setzen): „Ebenso unbesonnen wie falsch ist die Behauptung, daß der Liberalismus in der Theorie zu Grunde gerichtet sei und sich nur noch in der Erscheinungsform kümmerlich hinsriste. Nein, es ist nicht wahr, der Liberalismus lebt, lebt sein lebendigstes Leben, er ist nicht tot, und am allerwenigsten hat ihn die neueste jüdische Ideologie getötet. Diese spinnwebige.Dialektik kann keinen Hund aus dem Ofenloch locken, sie kann keine Katze töten, viel weniger den Liberalismus. Ich habe es am eigenen Leibe erprobt, wie wenig gefährlich ihr Umbringen ist; sie bringt immer 14m, und die Leute bleiben am Leben.". Gleich Ihnen bin ich gewohnt, die Dinge sab specie aeterni anzusehen. Und so sage ich mir, dies ist ein Gesetz in der geistigen Welt, das schon Hegel ausgesprochen hat: auf jede Thesis pflegt eine Antithesis, auf jede Aktion eine Reaktion zu folgen. Auf ein Zeitalter der Vernunft folgt ein Zeitalter der Unvernunft (oder vornehmer ausgedrückt „des Irrationalismus"), auf eine Herrschaftsperiode der Humanität eine Herrschaftsperiode des Nationalismus, auf ein Geschlecht, das das Ethische betonte, ein Geschlecht, das vor dem Rituellen seine Reverenz macht. 1,68 extremes se touchent. Und dabei pflegte es von je so zuzugehen, daß man, um die Berechtigung des Neuen zu beweisen, das Me mit Keulenschlägen totzuschlagen versucht hat. Das sind also Erscheinungen, die kommen und gehen und die man nicht allzu tragisch nehmen darf. Was bleibt und bleiben muß, sind die beiden, jede in Berttetung ihres Prinzips, berechtigten und notwendigen Richtungen, von denen nur keine die Grenzlinie verwischen darf, ohne sich selbst preiszugeben. Beide Richtungen sind notwendig zur Erhaltung des Judentums, die eine als das vorwärts treibende, die andere als das retardierende Moment, die eine als der Zug ins Große, Menschheitliche, Ethische, die andere als der Jnstintt der Arterhaltung. Großsiegelbewahrer des ersten ist der Liberalismus, des -weiten der Konservatismus und der Nattonalismus. Wo der Liberalismus sich zum Wortführer des entgegengesetzten Prinzips macht, hat er aufgehörl, liberal zu sein. Dabei braucht sich der Liberalismus noch lange nicht, weder in eine leere Abstraktion, noch in ethische Gesellschaft aufzulösen. Und Konservatismus und Nattonalismus brauchen noch lange nicht dem UniverfaliSmus zu entsagen. Nur auf das, was der eine und der andere als wesentlich ansieht, darauf kommt es an. Wenn Kollege Mener sein schwerste- Geschütz gegen die Verflüchtigung des Judentums in eine bloß rattonale, abstrakte Lehre richtet, die ihre satteste Genugtuung darin findet, mit der wissenschaftlichen Weltanschauung übereinzustimmen, die zumal noch ihre Maßstäbe aus der außerjüdischen Kultur entnimmt, so können wir mit ihm hierin durchaus übereinstimmen, müssen aber aufs entschiedenste bestreiten, daß sein Angriff den Liberalismus der jüdischen Führer ttifft. Wo in aller Welt hat der Liberalismus der maßgebenden Führer das Judentum in eine abstrakte Lehre aufzulösen unternommen? Nicht einmal die seichten Religionsbücher des vorigen Jahrhunderts haben das getan, wenngleich die Lehre bei ihnen einen unverhältnismäßig großen Raum einnimmt. Aber Abraham Geiger und die Männer der Rabbinerversammlungen haben über jüdische Weltanschauungsfragen sich recht wenig den Kopf zerbrochen. Das jüdische Leben war es, von dem sie in der Zeit der Zerrüttung zu retten suchten, was nach ihrer Ansicht zu retten war. Und Hermann Cohen nennt in seinem hinterlassenen klassischen Werke „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" die Lehre geradezu die Einheit der Gesetze und wird zum beredten Anwalt des jüdischen Lebens, wie es sich im Gesetz manifesttert. Und was die Richtlinien endlich betrifft, so unterstreichen sie die große Bedeutung des jüdischen Lebens für die Erhaltung der jüdischen 33