Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 5 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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« kr die WSr-igung öer Vkbel tm christlichen Religionsunterricht. Bon Hermann Becker, Berlin. (Schluß.) Der Untergang mußte nach Eger emtreten, nachdem Jahwe das von chm erwählte Volk, weil es seinen Anforderungen nicht entsprochen 'hatte, verstoßen mußte. Diese Auserwähttheit bezeichnet Eger wie folgt: „Das sittliche Verhältnis Jahwes zu Israel bekommt noch eine besondere Note dadurch, daß Jahwe nicht von Natur zum Volle gehört. nicht naturhaft mit chm verwachsen ist, daß die B^iehung zwischen Israel und Jahwe aus einer besonderen Tat Jahwes und einem besonderen Gelübde 'Israels ruht, daß also Israel, religiös ausgedrückt, fich von Jahwe erwählt weiß." Hier muffen wir doch einmal von unserer bisher geübten Zurückhaltung gegenüber der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Judentum labweichen. Denn nach der Darstellung Egers ist Israel Nur auSerwählt, um den übrigen Völkern anschaulich da- .sittliche Verhältnis Jahwes zu Israel vorzuführen, von der Auserwähltheit zu Lehrern des einzigen Gottes ist in dem ganzen Bortvage Egers nicht ein einziges Mal die iRedel Selbst wenn Eger den Gehorsam Abrahams bei seiner Berufung so außerordentlich rühmt, vergißt er mitzuteilen, daß Abraham zum Lehrer von dem einzigen Gotte unter den Heiden berusen ist. Diese Verschweigung ist wohl jbei einem evangelischen Theologen zu erklären, jedoch nicht zu rechtfertigen, denn sie weicht von der geschichtlichen Wahcheit ab. und es fft bedauerlich, daß wir Eger, der für die Schönheiten des Alten Testaments so sehr begeistert ist, diesen Vorwurf machen müssen. Die erste, zunächst noch rohe Entwickelungsstufe vom -Nationalgott zum Weltengott sieht Eger in dem „Barm" der Niedermetzelung der eroberten Stadt, und in der Lösung der menschlichen Erstgeburt durch ein Tieropfer; beides geschieht zur Ehre des einen Weltengottes. In dem Vortrage Egers folgt mm der Höhepunkt seiner Ausführungen, das ist die Würdigung der Könige, Propheten und der Psalmen, sowohl für die allgemeine jReligionsgeschichte als auch für die Entwickelung des religiös-sittlichen Idealismus. Bon den Königen rühmt er David. Salomo und Iosia, von den Propheten neben jMofes (vgl. oben) Elia, Elisa. Arnos, Ieremia, Hosea und Iesaia. von den spätere» ESra. Wir können es uns stricht versagen, einige Urteile Egers über diese Großen in Israel hierher zu setzen. „Die Weiterentwickelung der israelitischen Religion durch die Propheten erfolgte nicht auf dem Wege grüblerischen AuSspmnens gewisser religiöser Gedankengänge, sondern im engsten Zusammenhänge -mit den geschichtlichen Erlebmssen des Bottes, in die mit bestimmten Grundsätzen unter Einsetzung ihrer ganzen Kraft, ja ihres Lebens, selber emzugreifen jene Männer durch inneren Drang genötigt waren." — Von Arnos satt Eger: „. . . In diese Gedanken (Israel betrachtet öch naturhaft zusammengehörig mit Jahwe, als dem Gott fernes Laiches) fahren die Propheten von Amos an mit der erschütternden Predigt, daß das Verhältnis Jahwes m Israel ein durch und durch sittliches ist. daß Jahwe nicht durch kultische Festlichkeiten, sondern durch Recht und Gerechtigkeit geehrt werden will, und daß, weil es am rechten sittlichen Verhalten des Volkes gegen Jahwe fehlt, dieser furchtbares Gericht über Israel halten muß." — ..Es ist von einzigartiger geschichtlicher Bedeutung. — Denn dadurch wird bewirkt, daß die Person Jahwes nicht kleiner sondern größer wird, je mehr das Unheil über Israel-Juda sich zrtsammerlzieht. aus dem Ast.tr Iira.elD w!rd 8er heNlge ttrrd 8cttV*«f der Weltgeschichte, der auch die fernen Großmächte: Assyrien, Aegypten, Babylonien als Werkzeuge seines Willens gebraucht. Nirgends tritt ergreifender und erschütternder zutage, wie die höchste sittliche Idee nur im Widerspruch »nt den Tatsachen der rem natürlichen Mrklichkeit. erfaßt und behauptet werden kann, als in der Arbeit der gewaltigen Männer von Amos an bis Ieremia." — Während Amos ganz in Gerichtsgedanken aufgeht, haben wir bei Hosea im Zusammenhang mit tiefaufwühlenden Erlebniffen mit einer ungetreue« Frau, die Erfaffung des persönlichen VerhältniffeS des in treuer Liebe um sein ungetreues Bott sich mühenden Jahwe, bei Iesma den Gedanken des Vertrauen fordernden Gottes (durch Stillesein und Harren würdet ihr stark sein), und schließlich bei Ieremia ein Zustmrmenklingen all der verschiedenen Töne in einem von Natur weichen, aber im Dienste Jahwes stahlhart gewordenen Gemüt. — Bei keinem Propheten ist die Gerichtspredigt schneidender, unerbittlicher als bei Ieremia. und daneben wieder Klänge von einer unüberbietbaren Zartheit und Innigkeit: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte." — So wird die jüdische Frömmigkeit durch unerhörte politische Katastrophe« hindurch zu einer Höhe religiös-sittlichen Idealismus erzogen, wie sie einzig dasteht in der ganzen Weltgeschichte." „Die Linie von dem Sittlich-Persönlichen ins Gesetzliche wird durch den Uebergang von der Prophetie (— persönliche Beziehung des Propheten zu Gott) zum Schristgelehrtentum (= Beziehung zum heiligen Buchstaben) zur alles Beherrschenden. Die Gestalt, die gewaltig am Anfang dieser Entwickelung steht, ist ESra." — „Aber man braucht sich nur in die Psalmen hmeinzulesen. um zu sehen, wie die über diese Schranken hinausführenden Mächte der sittlich-persönlichen Religion lebendig sind: Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde." Wir schließen diesen Abschnitt aus dem Vortrage Egers wieder mit seiner allgemeinen Würdigung des Alten Testaments* „Es gehört zu den wertvollsten Leistungen moderner Religionswissenschaft, daß sie uns fähig gemacht hat. das Alte Testament als Urkunde einer so wunderbar einzigartig reichen und großartigen Geschichte religiösen Lebens zu lesen und auf uns wirken zu kaffen." Eger behandelt im letzten Teile seines Vortrages die unterrichtliche Verwendung des Alten Testaments im Religionsunterricht. Er hebt zunächst das reiche religiös-sittliche Anschauungsmaterial des Alten Testaments gegenüber dem Neuen Testament hervor. „Me wenig ereignet sich, abgesehen von der Leidensgeschichte Jesu, m den Evangelien! Wenn wir die wundervoll anschauliche Lehrweise Jesu hr Gleichnisform nicht hätten, kämen wir wirklich mit dem neutestamentlichen Lehrstoff unter dem Gesichtspunkt pädagogischer Anschaulichkeit leicht in Verlegenheit." Andere methodische Winke für die Behandlung des. Alten Testaments im evangelischen Religionsunterricht sind: „Die Gestalten des Men Testaments dürfen nicht unwahr zu Christen gemacht werden. Selbstverständlich wird dabei unterstrichen, was positiv wertvoll ist. ... Da können wir in der Szene am Horeb nun besonders schön zur Anschauung bringen, wie schon das Alte Testament selber über die Maßstäibe, nach denen Elia verfahren ist, 'hinausgewachsen ist. Der Gott, der sich in der abgrundtiefen Stelle nach der furchtbaren Gewitterexplosion offenbatt, er ist in seinen Wegen und Ratschlüffen zu groß, als haß der Mem'L ihn begreifen urch meistern könnte."