Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 5 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
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„Selbstverständlich ist, daß wenn eine der alttestamerrt-' fidlen Personen direkt Unrecht tut. wie Jakob bei der Ueberlistung Esaus und beim Betrug des blinden Vaters, dies Unrecht aufs schärfste als solches *u rügen ist — wobei doch in der Vergleichung IakobS. mit Esau herausgestellt werden kann, wieweit Jakob geeigneter war, der Träger der weiteren Entwickelung zu ' e i n. a l s E s a u." Besonders interessant ist die Stellung Egers zu den „Sagen und Legenden" des Alten Testaments. Zunächst sieht i^er in einem großen Teile des „Nichterbuchs und des Königsbuchs" nur Tendenzstücke. Sie sind bearbeitet unter der Voraussetzung bestimmter Theorien über die göttliche Leitung der Geschichte Israels. „Wir lassen diese Tendenzstürke einfach weg und halten uns lediglich an die von diesem Nahmen unabhängigen Einzelerzählungen", bemerkt Eger hierzu. — Als Legenden bezeichnet Eger: Sagen der Patriarchengeschichte, der Urgeschichte, Elia-Legenden, Legende von David und Goliath. Die Sage bei Moses und die Richter-Sagen bilden den Uebergang aus dem Vorgeschichtlichen in das Geschichtliche. Wir haben —- nach Egers Meinung — bei der Behandlung der Sagen nicht zu untersuchen, welcher geschichtliche Kern in ihnen steckt, sondern wir müssen die Sagen erkennen als werwollste Dokumenteder Ideengeschichte der Menschheit. „Die Züge, mit denen Abraham, Isaak und Jakob charakterisiert sind, die Art und Weise, wie ihr Ergehen unter der Leitung der Gottheit geschillert wird, darin hat sich die Frömmigkeit und Sittlichkeit der Zeit, in der die Sagen entstanden sind, ihren Ausdruck und Niederschlag geschaffen, den kennen zu lernen auch für den Historiker von der allergrößten Bed-utung ist." — Eger nennt diese Sagen und Agenden „Meisterstücke volkstümlicher Erzählungskunst", „Kabinettstücke einer die Kinder wirklich packenden Darstellungsweise". in welchen religiös-sittliche Gedanken anschaulich und eindringlich zur Darstellung kommen. — Eger empfiehlt, den Kindern solche Erzählungen nicht als „Sagen" zu bezeichnen, denn „sie hören nicht das Positive der Einkleidung bestimmter Ideen in das Gebilde veranschaulichender Phantasie aus dem AusdWcke heraus, sondern vor allem das „nicht wahr". Und dann ist die innere Empfänglichkeit für die zur Anschauung kommende Idee sehr gefährdet." Er empfiehlt, Erzählungen mit anthropomvrphen, sremdlichen Zügen, wie zum Beispiel die von Bileams Eselin oder die von der stillstehenden Sonne, ganz wegzulassen: andere, die man nicht entbehren möchte, durch Abschwächung des Absonderlichen zum bloß Merkwürdigen, indem man die Bildlichkeit der Ausdrucksweise bewnt. den Kindern zugänglich zu machen. Dahin gehört die Geschichte von der redenden Schlange, von dem Munde Gottes. „Gott braucht keinen Mund, um zu reden, er redet inwendig im Menschen, u. a. im Traunrerlebnis u. dgl. Das Reden der Schlange ist nur bildlich zu verstehen. — Im religiösen Sinne wunderbare Züge sollen und dürfen stehen bleiben, aber in die äußere Ausmalung der Geschehnisse dürfen wir unsere Weise, die Dinge zu sehen, hinemreden laffen." Den Beschluß dieses ausgezeichneten Vortrages bildete eine Stoffverteilung des Alten Testaments auf acht Schuljahre im evangelischen Religionsunterricht. — „Schon früh die dem Kinde besonders zugänglichen Josefgeschichten. daneben etwa David und Goliath. Im drittenSchuljahre.woüberhaupterstein lehrplanmäßiges Pensum zur Erledigung ins Auge zu sassenist, im Sommerhalbjahr: Schöpfungs-, Pavcwiesgeschichte, Sündenfall. Kain und Abel, Mntflut. (Den Turmbau zu Babel ließe ich weg.) Im vierten Schuljahr (Sommerhalbjahr): Patriarchen- und Mosesgeschichten. Im sechsten Schuljahr: Geschichte Israels von Mose an. aber durchaus in Form von Einzelgeschichten, nicht im Verfolgen gerichtlicher Zusammenhänge. Und schließlich könnte das erste Vierteljahr des achten Schuljahres benutzt werden, um die Kinder in das Werden der Frömmigkeit Israels und des Judentumeinzuführen, sowett ihnen das zugänglich ist. Ich würde hier auch noch einmal auf die Sagen der Urgeschichte (besonders die Schöpfungsgeschichte), die vorher auf der naiv ausnehmenden Stufe dargeboten waren, unter ausdrücklichem Hinweis auf ihre ideengeschichtliche und religiöse, nicht historischeBedeutungeingehen." V. Die dritte Arbeit: „Das Neue Testament als Geschichtsguelle". von Geh. Konsistvrialrat Professor D. Ernst v. Dobschütz in Halle, beschäftigt sich allerdings mit rein christlichen Stoffen, sie enthält aber gleichfalls eine Würdigung der Bibel. So sagt Dobschütz: „Die Bibel ist das Buch der Erbauung. Sie ist eine Quelle des Trostesund der Kraft, sie ist eine Quelle der Lehre und Erkenntnis." — Dobschütz führt als Beweise für die wirkliche Existenz Jesu unter anderen folgende an: Die Doppelüberlieferung der sogenannten „Herrenworte" (vgl. oben), die auf eine gemeinsame Quelle in hebräischer oder aromäischer Sprache zurückweist. — Der semitische Sprachcharakter in Herrenworten und Eigennamen. — Die jüdische Godankenfärbung: von Gerechtigkeit, nicht von Tugend ist die Rede. An einer anderen Stelle sagt Dobschütz: „Die Geschichte Jesu ist nicht die eines besonders weitherzigen Rabbi, eines Ättenlehrers von besonderer Reinheit und Innerlichkeit, auch nicht die eines Propheten, der allerlei über Gott und göttliche Dinge. Gottes unendliche Vaterliebe und der Menschen Pflicht zu unbedingtem Gottvertrauen zu sagen hat." ... So gering auch die Ausbeute aus diesem dritten Vorträge für unsere Untersuchung ist, so erkennen wir dennoch, wie bedeutende christliche Theologen den innigen Zusammenhang zwischen Altem Testament und Neuem Testament mit allem Eifer nachzuweisen und festzuhalten suchen, also auch das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum demgemäß gestalten möchten. Wir erkennen aber ferner — und das ist für die Gegenwart noch wichtiger —, daß die evangelische Theologie mit aller Entschiedenheit gegen die von antisemitischer Seite herrührenden Verleumdungen nnd Beschimpfungen des Alten Testaments kämpft, wie sie besonders die gewünschte Fernhaltung der christlichen Iugend von der Kenntnis des Alten Testaments ablehnt und im Gegenteil den Unterricht im Alten Testament als Lehrgegenstand des evangelischen Religionsunterrichts mit aller Entschiedenheit fordert! Druck und KommissionSverUg: T.H. Schatzky, Buchdruckerei und VerlagZcmstali, G. m. b. BreSlau Hk. Neue Graupenftraße 5.