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Liberales Judentum · 1922-05-05 · Heft 5 (5.5.1922) · p. Seite 46

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 5 (5.5.1922)
Date
1922-05-05
Page
Seite 46 (sequence 6)
Language
German
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46 Einheit d«S Lebenin der Religion Wat auf der ganzen ^ront gchrochen. Sicher ist auch rn der Reformbewegung des vorigen Jahrhunderts, der Masse unbewußt, vieles auf diese Wandlung der Grundstimmung zurückzuführen. Wenn nlan z. B. den Speisogesetzen kritisch gogenüberstand, so spielte eben im Gegensatz zu einer fricheren Anschauung, -er auch Essen und Trinken nicht ein religiös Gleich gültiges war, der veränderte Gedanke mit. baft Essen und Trinken ein LebenSbezirk für sich und daher von der Religion unabhängbg sei. Wenn die Sabbathheiligung entschwand. so war es nicht deshalb, well man mit dieser oder jener Ausdeutung des biblischen Sabbathgebotes nicht mehr im Einklang stand, sondern well man das Gefühl für das Einbezogeusein der wirtschaftlichen Tätigkeit in den Bereich des Religiösen verloren hatte und -seine wirtschaftliche Tätigkeit, dem Zuge der Zoll: mit einem fast unabwehrbaven Zwange gehorchend, als einen seinem Eigengesetz folgenden Lebenskreis empfand. Und eS war schließlich die letzte Konsequenz dieser Denkweise, wenn man der religiösen Kulthandlung indifferent gegenüberstand und immer mchr und mehr nur die Idee im Religiösen, das Gedankliche und Sittliche in der Lehre und Begründung des Judentums betonte, wahrend es gerade das Charakteristische der älteren Denkweise war, auch auf die scheinbar gleichgültige und bedeutungslos rational nicht zu erklärende Tat, auf di« — sagen wir «S so. obwohl wir uns des Falschen der Ausdruckswekse bemußt sind. — Zeremonie Wert zu legen, well durch sie die Möglichkeit gegeben war, viele Kreis« des täglichen Lebens in den Bereich des Religiösen zu heben. So ist es schließlich gekommen, daß wir — ob Orthodoxe, ob Liberale — in gleichem Umfang «in diesen Zirkel des modernen Lebens hinoingerieten und unser Leben in der gleichen Werse vevarmte. ob man es nun zugab oder nicht; Religion, Judentum wurde uns zu einem LÄenskreiS für sich, und die anderen LebenAreise standen daneben mit Weichem Ran« und eigenem Recht, und die Fäden vom Judentum zum praktischen Möglichen Leben wurden immer geringer und dünner, die Unterstellung der LebensbeKtigung unter religiöse Gesetze immer seltenere Nun aber vollzieht sich in unseren Tagen ein Seltsames. Wer Augen hat m sehen und Ohren zu hören, und wer einen Sinn hat für das Sehnen, das in der Dichtung unserer Tage zum Ausdruck kommt, gewahrt, daß die Menschen der IsolierHeit ihrer einzchren LebwÄbezWe nnLe geworden sind, sie empfinden eS. dich die Verselbständigung der Lebenskreffe ihr Leben vielleicht im Aeußeren bunter, absr seÄffch armer gemacht hat, daß in den Gesehen, -Ae in de» einzelnen Lebensbozirken nach dem Rhhchmus ihres Schwunges wirken, etwas Kaltes. Seelenloses. Unpersönliches, Einheitzerverßendes sich auswirkt. Die Fülle dev sich kreuzenden und schneidenden Gesetze wird als GeschlosWeit im Großen empfunden, man beginnt zu ahnen, daß Wer allem ein höheres und verbindendes Gesetz stchen rnuß, man sangt Recht und Notwendigkeit eines übermenschlichen Gesetzes wieder zu begreifen und zu schätzen an. Ueberall erwacht eine gewaltige Sehnsucht nach Einheit, man beginnt, erst leise, dann immer deutlicher, zu ahnen, daß diese Einheit nur in dem Religiösen zu finden ist. Man wird nicht mehr dazu «urückkehren, alles Beben als Teilbezirk der Religion zu empfinden, die Wissenschaft vor allem wird chre Selbständigkeit niemals mehr aufgeben können und dürfen, aber man wlll den einzelnen LebenAirkeln ihr Gigenrecht nicht mehr ungehemmt zugostehen. sie nicht einfach sich selbst und ihrem fiftgykrfkn man ta&TI L» faigcbt lyammammmmaamqk skWii WU. ‘.WC-wJu'n »MöcSä7.. dringen und ihnen Grenzen setzen. Recht, Wirtschaft, Familiengründung. Erziehung. Politik sollen wieder vom religiösen Geist durchlveht sein, und die Forderung der Religion soll ihnen Richtrmg und Ziel weisen. Grenzen setzen. Religion und Leben beginnen, sich nach stchrhundertelanger Entfremdung wieder zu nähern. Schon gibt es weite Kreise im Protestantismus, die mit dietzr Forderung als einer» neu wiedergewonnenen Erkenntnis hervortreten und mit ihr Ernst machen wollen, daß das Leben in seinen einzelnen Kveffen und Zirkeln aus Religion als Mittelpunkt bezogen sein muß. Dev Katholizismus hat sich auf seine alte, theoretisch nie fallengelassene Einstellung zurückgefunden und betont stärker als je die Forderung der Unterstellung des ganzen Lebens unter die Religion. Mit welcher Energie wurde auf dem letzten Katholikentage die Forderung aufgestellt, unsere Wirtschaft. Handel und Verkehr muffen von dem Gerste durchtveht sein, den die Religion in ihrer Ethik vercköxpere, nichs das Eigengesetz der Wirtschaft sei bestimmend, es müffe sich! beugen und zurücktreten vor dem Gesetz Gottes, das in der Religion seine Stimm« erhebe. Nebenbei gesagt, man konnte als Jude diese Stimmen auf dem Katholikentage nur mit Beschämung vernehmen; nicht daß man etwa innerhalb der jüdischen Kreise diese Forderung nicht vertreten fand, sie wurde und wird auf jeder Kanzel erhoben, aber die Kanzeln stehen wie einsame Hügel inmitten einer menschenarmen Wüste da, und wo ist die große jüdische Gemeinschastskurrdgebung. die namens des Judentums die Abkehr aller Welt von ihrem Treiben und die Durchdringung der WAt, der ganzen Welt, mit religiösem Geist verlangt, wo die große jüdische BevsMmnlung. die hier das Recht des Judentums, aus seinem religiösen Genius führend und wegweisend zu fern, in Anspruch nähme? Auf diese sich anbahnende und vollziehende Wandlung der Grrrndstiwmung gilt es jetzt zu achten. Was mit ihr vorgeht, ist «in Wahrheit Wiedererweckung alten, ältesten jüdischen Erbgutes, ist die Rückkehr der abgsirrten WeSl zu Grundsätzen, dir in Thora und Tccknmd verkörpert sind!, Soll es wieder einmal so sein, daß wir unser Erbgut erst dann zu schätzen anfangen, wenn es außerhcckb unser in der Welt sich Herrschaft verschafft hat. daß wir es dann nach-, ahmen und dem Fluge der Gedanken und Gefühle der an-, deren nachhinken? Sollen wir. was unseres Geistes aus dritter und vierter Hand zurückempfcmgen, um dann mit mühseliger Apologie zu beweisen, daß wir das eigentlich schon vor Jahrhunderten hatten? Wenn wir uns zn dem Glauben bekennen, daß Israel zur Führung im Religiösen befugt ist, dann gilt es jetzt, uns zu dem Eigenen zu bekennen und der Well, die darnach sich sehnt. den Weg zn weisen, zn zeigen, wie aus dem Geist der Thora die Grchovt des Lebens in der Religion zn erschließen ist. Allerdings rnuß man darauf m der eigenen Seele auch abgestimmt fern, und sich das Ideal, das alte, neu errungen haben; das ist nun fetzt in unseren Tagen unsere dringende, im Sinne der Weltmission wichtigste Aufgabe« In welcher Praktischen Form sich das auswirken wird, kann niemand wissen. Wer alle veränderte Tat fließt daraus, daß erst die Borstellungswelt sich verändert. Hegel hat ewtmol den wahren Satz geprägt: „Die theoretische Arbeit bringt mchr in der Welt zustande, als die praktische. Ist erst das Reich der Vorstellung umgestürzt. so HAI die festeste Wirklichkeit nicht stand." Jener WaMuug der Grundstimmuug muffen wir uns bewußt werden, von ihr aus und nur von ihr aus her wird sich die Erneuerung des Judentums und die Erneuerung der Juden als religiöse Menschen vollziehen.

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