Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 5 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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Empfindens des Menschen zum Ausdruck kommen, in dem die Grundsätze der SittliOeit in »«vergeßbarer und unübertreffbarer Prägung niedergelegt sind, stehen zugleich die kalten, pwsaischen. nüchternen Alltagsbestimmungen über das Staats- und Gesellschastslvben und den wirtschaftlichen Verkehr der Menschen untereinander. Unser Talmud hat seinen Traktat über das Passahfest. über das Verföhnungsfest. über die Speisogesetze, über, die Gebete und ihre Ordnung — um einige Beispiele anzuführen — und zugleich ie seinen Traktat über Eherecht, über Scheidung, über Kauf und Verkauf, über Strafrecht und hochnotpeinliches Gericht, mck zugleich auch seinen Traktat über Landwirtschaft und über Abgaben von dem Ertrag des Landes. Das heißt also, man empfand das ganze Leben in allen feinen Berzlveigungen und Ausstrahlungen als eine religiöse Einheit, man unterschied nicht zwischen Religiösem und Weltlichem; derselbe Mann, dieselbe Behörde, die als Autorität in fragen der Sabbathheiligung oder der Speiseqesetze angesehen wurden, und deren Auslegung des Schrislwortes man ftir diese fragen suchte, waren zugleich die Richter, die die bürgerlichen Äreitigteiten zu ^lichten berufen waren, die aus dem Zusammenleben der Menschen und den Konflikten ihrer wirtschaftlichen Interessen entstanden, und die das ganze Gesellschaftsleben unter Gesetze stellte!:. Man empfand keinerlei Lebensbetätigung als selbständigen Bezirk, sondern betrachtet« alles als Teil der Religion. Ganz wörtlich als Teil der Religion, es war nicht einmal so. daß man für die einzelnen Bezirke des Lebens die Durchdringung mit religiösen Motiven, das Durchwehtsein von religiösem Geiste forderte und voraussetzte. damit begnügte man sich nicht, viel schärfer kann man es. ohne sich von der Wahrheit zu entfernen, formulieren, man betrachtete alles als eine Unterabteilung der Religion. Das war in all dieser Zeit nicht etwa eine spezifisch jüdische Auffassung, das war die zum Teil schon das Altertum und vor allem das Mittelalter durchziehende Anschauung. So nahm denn z. B. auch die katholische Kirche für sich das Recht in Anspruch, von seiten ihrer Kirchen- 'behörde im kanonischen Rechte die sämtlichen menschlichen Beziehungen von fich aus zu ordnen und gebietend zu regeln. Worin man sich mit Bewußtsein unterschied, war all das Eigenartige der Stellungnahme zu den Grundfragen Gott und Mensch, wie man von dieser besonderen Art aus die Bezirke des Lebens ordnete, und all die einzelnen religiösen Weiheakte: aber die ganze nnttelalteriiche Wclt durchzog die einheitliche Grundstimnmng. daß alle Lcbensbe.firke von der Religion aus zu bewegen, abzugrenzen und zu kontrollieren sind. Das änderte sich gnucksätzlich mit der Reformation; sie nlachte die einzelnen Lebensbezirke, die einzelnen Gebiete der menschlichen Betätigung selbständig. Luthers und der Reformatoren Absicht war das an sich noch nicht gewesen. aber eine innere Folgerichtigkeit des Kampfes gegen die geistliche Hierarchie, die bislang das gesamte Leben der Gläubigen zu ordnen und zu überwachen sich befugt gehalten hatte, führte den Protestantismus allmählich dazu, die Lebensbezirke zu verselbständigen. Schule. Kunst, Recht, Wirtschaft, Handel. Arbeit. Politik, Erziehung, sie alle wurden selbständige Kreise des Lebens, die ihren eigenen Gesetzen, den Gesetzen, die aus ihrer Natur und ihrem Ziel flössen, zu gehorchen begannen. Und se mehr der Protestantismus in seiner dogmatischen Verwerfung des Weltlichen als dem Quell aller Sünde und Erbschuld das Weltliche vom Religiösen unterschied, um so mehr mußte sich das Religiöse als ein Lebensbezirk fiir sich herausbilden, und die Verbindung der anderen Bezirke mit ihm lockerte sich. Recht und Wirtschaft und Politik und alle sonstige Aeußerung menschlichen Lebrns fingen immer mehr an. fich den Kräften, die in ihnen, losUlöst von der Beziehung zur Religion, wirksam waren, anzupassen; sie bekamen msi bewahrten einen eigenen Rhythmus, bildeten ihre eigene, für ihren Kreis nur gültige Ethik aus. Ie mehr der Mensch und sein Denken in den Mittelpunkt rückte und die GültiMt eines ordnenden göttlichen Gesetzes bestritte«! wurde, um so mehr Selbständigkeit bekam jede Leben-, äußerung. Aus dieser Wandlung der religiösen Grundstimmung erblühte der philosophische Subjektivismus, und er wirkte dann seinerseits in den nachfolgenden Geschlechtern bis auf unsere Tage wieder auf die religiöse Haltung zurück. Man hatte gut die Forderung aufstellen, man solle das im Gotteshaus Empfundene und Erfahrene in die Lebensbetätigung hineinlegen, das Leben ging darüber hinweg, man empfand das theoretisch als Ideal aber, eben weil es Ideal sei. als unerfüllbar. Wie immer man sich grundsätzlich dazu stellen mag, man wird unbedingt zugeben müssen, daß damit das ganze Leben etwas Wirres und Zerfahrenes bekommen hat, uvd all das Unbefriedigende, das wir, und insbesondere die Jugend, an unserem Leben empfinden, geht darauf zurück. Jeder Zirkel der Lebensbetätigung hat sein anderes Gesetz, es mangelt die Einheit, die man auf die Dauer nicht zu entbehren vermag. So ist im Großen und Ganzen der Gang der Gefühle und Urteile bis an die Schwelle unserer Zeit gewesen?, und nur auf ihrem Grunde ist es z. B. möglich gewesen, daß der Nationalismus in seiner jeder religiösen Ethik widersprechenden Form zum formenden Faktor der- Politik wurde, daß der nationale Gedanke in seiner Uebertrerbung so selbständiger Lebensbezirk wurde, daß er geradezu zu einer der offiziellen Kirchen- und Religionslehre sich entgegensetzenden selbständigen Religion wurde und die offizielle Religionslehre knechtete und sich dienstbar machte. Wohin es — um es mit einem Worte zusammenzufassen — führt, wenn jeder Kreis der Betätigung selbständig ist, Religion im Gotteshaus zu Haus ist, und im Recht und in der Wirtschaft urw überall sonst nach den dort waltenden Eigengesehen gehandelt wird, davon legt ja eben unsere Zeit ein schmachvolles Zeugnis ab. Wir Juden nahmen anfänglich an diesem Denkumschwung noch nicht teil, die Abgeschlossenheit des Ghetto bewirkte es. daß wir nicht in unserer Gesamtheit und nicht so bald in den Ablauf des neuzeitlichen Lebens einbezogen waren, und wir erhielten uns daher länger jene erfreuliche jüdische und mittelalterliche Denkweise von dem Borrang der Religion, der Einheit aller Lebensbezirke in der Religion. Das aber änderte sich in dem Augenblick, da die Mauern des Ghetto fielen. Mit jedem Schritt, den man in die Gedankenwelt und die Arbeitsform, in die Rechtsgemeinschaft der europäischen Völker hineintrat, wurde man unwillkürlich in diese moderne Denkweise hineinbezogen. auch unsere Lebenskreise verselbständigten sich, ihre Beziehungen zur Religion verblaßten, und Religion wurde immer mehr und mehr ein Zirkel neben anderen. Man achte Wohl, das wurde nicht etwa einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Altem und Neuem im Judentum, zwischen Gesetzestreue und Refornr, zwischen Orthodoxie und Liberalismus; diese Unterschiede der religiösen Parteiung lagen ganz wo anders. Auch die Orthodoxie wurde genau mit derselben Schärfe und Wucht in jenen Prozeß hineingezogen, auch ihre Frömmigkeit und Religiosität wurde auf bestimmte Byfirke eingeengt, auch bei ihren Anhängern wurden Geschäft und Wirtschaft selbstständige. eigenen Gesetzen gehorchende Lebenskreise, die Frömmigkeit schematisierte, mechanisierte, entseelte sich, löste sich in ein« Summe von gelegentlichen und in bestimmten Zeiten fick wi-derLolendeu Handlungen auf. di-tz