Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 5 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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. Wer die Gesetzlichkeit des Judentums, das Recht des juristischen Denkens in der religiösen Fonnenwelt Kelten läßt, wird auch den formalistischen Konsequenzen des juristischen Prinzips sich nicht entwinden können. Wo die Grenze zwischen berechtigter und übertriebener Gesetzlichkeit liegt, ist objektiv nicht festzustellen. Für den Orthodoxen, der sein Chomez verkauft, bedeutet das nicht eine leere Form, sondern die Erfüllung eines göttlichen Gebots. Goldmann sieht das begrenzende Prinzip im Zeitempfinden und den Bedürfnissen der Gegenwart. Kein Gesetz soll nur deshalb gelten, weil es vorhanden ist. sondern „die Zahl der Gesetze mutz mit dem Bedürfnis in Einklang stehen". Sind Zeitenrpfinden und Bedürfnis nicht gerade das Subjektive, gegen das er so entschieden ankämpft? Was wird denn aus dem objektiven Liberalismus, wenn das Denken und das nur subjektiv bestirmnbare Bedürfnis über die Geltung der Tradition entscheiden? Ohne cs zu wissen und zu wollen, ist Goldmann so auf das wirkliche Prinzip des Liberalismus, den Subjektivismus gestoßen. Wir wehren uns nicht nur gegen die formalistische Uebertreibung der Gesetzlichkeit, sondern haben zur gesamten Tradition ein anderes Verhältnis, als die Orthodoxie. Wir betonen gegenüber dein Anspruch der Ueberlieferung das Recht des gegenwärtigen Menschen. Unser naturwissenschaftlich geschultes Denken lehnt den Wunderglauben als unmöglich ab. daher leuMen wir die supranaturale Offenbarung, ohne das Geheimnis des Schöpferischen, in der Religion zu übersehen. Wir weisen die ganze Juristerei aus dem religiösen Leben heraus, weil das juristische Denken nur äußerliche Korrektheit fordert und religiöse Formen für uns nur dann einen Wert besitzen, wenn sie religiöse Gedanken und Empfindungen wecken. Was unserem veligiösen Gefühl nichts bietet. hat für uns keinen Anspruch auf Geltung. Die religiösen Formen sind nur Mittel, das juristische Denken aber erblickt in ihnen einen Selbstzweck und verfolgt darum die Gesetze bis in ihre letzte logische Konsequenz. Die Tradition gilt also für uns nur soweit, als sie mit unserem Denken und Fühlen und den Lebensbedingungen der Gegenwart in Einklang gebracht werden können. Während dse Orthodoxie nur die objektive Tradition kennt, der die Menschen sich zu beugen haben, stellt der Liberalismus also das Prinzip der Subjektivität auf, die Lehren und Gesetze müssen dem Denken und Fühlen der Menschen angepaßt werden. Goldmann behauptet, ein solcher Grundsatz widerspricht der historischen jüdischen Auffassung. Was aber bedeuten denn die Worte, daß die „Thora nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres, sondern ganz nahe im menschlichen Herzen zu finden ist", anderes, als daß die Lehren unseres Glaubens nur das aussprechen, was wir selbst empfinden? Liegt nicht die Eigenart der jüdischen Sittenlehre im Gegensatz zur christlichen gerade darin, daß sie mit dem natürlichen Enrpfinden des Menschen, mit den Gesehen der menschlichen Seele im Einklang ist? Und wenn der Talmud die Worte om tii dmn Dm rrn* nr« sahin deutet, Dro ND'V rr^i Dm Tn, daß für den Menschen die Möglichkeit bestehen muß, nach.den Gesetzen der Thora zu leben, dann wird ja mit völliger Klarheit der Mensch als Norm anerkannt. Nicht der Subjektivismus ist unjudisch. sondern die Indifferenz und der unersättliche Erwerbstrieb und die Unwissenheit, die keine freiwillige Bindung kennen wollen, nachdem die objektive, durch die Tradition geschaffene. beseitigt ist. Hier steht der Feind, den wir bekämpfen müssen. Wie aber Goldmann auf den Gedanken kommt, die Religionsphilosophie abzulehnen, nicht nur die. di« die Eigenart des jüdischen Denkens zerstört, sondern di« gesamte Religionsphilosophie, ist mir völlig unverständlich, und eS kann dagegen nicht scharf genug protestiert werden. Der sicherste Weg, das Judentum zu vernichten, wäre, wenn wir feinen Zusammenhang mit dem geistigen Leben der Gegenwart zerstören wollten. Ein lebendiges Juden« tum schaffen wir nicht, wenn wir überwundene, erstarrt« Denkformen künstlich erhalten, sondern den religiösen Gehalt in die Denkform der Gegenwart bringen. Und wenn die Gesetze des Judentums „dem Zeitempfinden und dem Bedürfnis" der Gegenwart angepaßt werden sollen, warum soll dann uüser religiöses Denken dazu verurteilt sein, die leblosen Formeln vergangener Jahrhunderte zu wiederholen? Die Aufgabe des Liberalismus liegt gerade darin. Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden, um so das Judentum als lebendige Kraft in die Zukunft zu retten Wanölungen öer religiösen Grunüstimmung. Von Rabbiner Dr. Diene mann, Offenbach a. M. Man muß es, selbst wenn man die Tatsache bedauert, aussprechen. daß wir Juden in der religiösen Grundstimmung. in der Abmessung und Ausweitung des Religiösen und seines Herrschaftsbezirks von der allgemeinen Denktveise einer Epoche beeinflußt werden. So sehr die Inderan ihren Anschauungen über Gott. Welt und Mensch in all den Jahrhunderten ihrer Existenz festgehalten haben, so wenig sie sich in diesen Fragen von der erdrückenden Masse der AndersdenkerÄen haben beeinflussen lassen, so sehr sie hierin ihre Sonderart gewahrt haben, so wenig haben sie anderseits sich den wechselnden Anschauungen über den Umfang und Geltungsbereich des Religiösen zu entziehen vermocht. Da sie stets und überall eine Minderheit waren, und immer, auch in den Jahrhunderten strengster Isolierung, sich glücklicherweise in Kontakt mit den Denk- und Geistesströmungen der Völker und Kulturen der Welt hielten, war es geradezu unvermeidlich, daß die Veränderungen der religiösen Grundstimmnug auch ihren Niederschlag fanden — nicht im Judentum als geschlossener Lehre — aber im Denken der Juden als Menschen. Man kann das um der Eigenart Israels willen mitunter bedauern, denn es liefert das Jüdisch-Religiöse den Schwankungen der Zeiten aus und unterbricht die Konstanz und Einheit des jüdischen Denkens, aber man vermag es nicht bloß zu bedauern; will man seine Religion aufgeschlossen halten, daß sie sich in die Kulturen der Welt ergieße und sich in die Herzen aller Welt ausströme, dann muß man es in Kauf nehmen, daß durch die Tür. durch die Eigenes ausströmt, auch anderes einströmt, wenn nur die Fähigkeit erhalten bleibt, das Eigene und Wesentliche im Wandel der Zeiten als das Beherrschende und Bestimmerrde zu erhalten. Wie wir gerade in der Gegenwart eine solche Wandlung der religiösen Grundstimmuug erleben, darauf sei in Folgendem hingewiesen. Thora und Talmud, Propheten und Gesetzeslehrer gehen in ihren Tagen als von etwas ganz Selbstverständlichem von der Anschauung aus. daß die Religion alle Bezirke des Lebens erfaßt und umfaßt. Es gab außerhalb' der Religion keinerlei gesonderte, von der Religion unabhängige Bezirke. Ob Thora ob Talmud, in demselben Buche, irr dem die erhabensten Gedanken über Gott und sein Wesen und Walten medergelegt sind, in dern die für alle Ewigkeit gültige» und klassischen Formen des religiösen