Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 5 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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rr"« S Um —-V^Tn..tlWf¥J O/JW ’i i iTti i rTtf i ihn I rtnLJL W.gl-. ru oßiBcroxocmwo) großer .ocq^ «n«L«»cMN vvvbttkL «et Grund gelegt wird für daspätere Judentum «id ,MS Volk von Priestern" erficht, die GotteSgemomde. ist nicht dos allehistorisch bedingt gewesen?'. Was ich mit diesem so «anwinzigen Rückblick »achweisen will? Das. was Ihnen, sehr gochrter Herr Kollege, und allen anderen Freunden nur zu gut bekannt ist. was aber anscheinend die führenden Redner vom 5. Januar vollständig vergessen haben, dost das sogenannte chavcchterisüsche Moment im Judentum, das sogenannte ,chie Religion leben", nicht Wesen ist. nicht Kern, sondern eine historisch bedingte Erscheinung. Und die gesamte weitere Entfaltung des Judentums zeugt dafür. Wenn wir im 2. und 1. vorchristlichen .Jahrhundert austerhalb Palästinas eine Lockerung dieses Lebens in der Religion beobachten, ist es geschichtlich bedingt, ebenso wie seine Erstarkung in Palästina selbst. Historisch bedingt ist der Rabbamsmus. historisch bedingt das Karäertmn» die freiheitliche Tendenz des mohammedanisch-spanischen Zeitalters, historisch bedingt daS national-religiöse Leben des Mittelalters und historisch bringt der jüdischreligiöse Liberalismus, der Zionismus, wie die heimliche Liebe unserer jungen „liberalen" (!) Rabbiner zur „mastigen" (?) Orthodoxie. MS das ungarische Parlament im Jahre 1867 die volle Gleichberechtigung der Juden in den Ländern der ungarischen Krone verkündet hatte, da sprach nach einem on dit der Raw einer alten Jeschiba -zu seinen Schülern: „Kmnmts Kinder, mer Wellen üns Schiwe setzen, de hakige Iidischkat iS gestorben". Der greise Raw wustte nur zu gut: religiös „lebm" ist historisch bedingt. Fällt die historische Bedingtheit, dann bricht auch das religiöse „Leben" der Juden zusammen. Denn dies religiöse Leben ist nur ein Weg. und jeder Weg ist Beichkmt strategisch bestimmt. Gewist. auch ein Wog wird, seit Jahrhunderten begangen, ein helliger Besitzstand, wie auch jck>e historische Bedingtheit als eine von Gott gewollte verehrt werden kann. Beides sei ohne weiteres zugegeben. Was wir aber strikte ablehnen müssen, das ist die Ansicht, dast der jüdisch-religiöse Liberalismus das Wesen des Judentums mistverstanden hätte. Damit erledigt sich auch der zweite, dem ersten nahverwandte Vorwurf, die älteren Wortfichrer des liberalen Judentums hätten sich nur vom Subjektivismus, nicht vom ObjektwiSmuS leiten lassen. Alles, was historisch bedingt ist, wäre es zeitlich noch so sehr begrenzt, ist zugleich objektiv. ein Zwang, der mitverstt. dem man sich nicht entschlagen kann. Wie kann eine Bewegung subjektiv genannt werden, die Millionen Menschen ergriffen hat? In gewiffem Sinne ist jede Zeitströmung — und was ans Erden ist nicht Zeitströmung? — subjektiv und objektiv zugleich, wie noch heute die Frage unentschieden ist, ob einzelne Heroen Geschichte machen, oder die Zeit sich ihre Helden schafft. Ebenso unberechtigt ist die gegen uns erhobene Klage, wir hätten nur negativ geleistet, nicht positiv, nur medergeriffen, nicht auch crufgebaut. Ich will hier absehen. den Nachweis von der Ungerechtigkeit dieser Klage zu erbringen. In der Sache selbst ist es nur selbstverständlich, dast unsere Arbeit mehr negativ geworden ist. RÄigiöser Liberalismus ist nichts anderes, als die Befreiung des Menschen von den Bindungen des ausschließlich religiös orientierten Lebens, wie der politische Liberalismus die Befreiung ist von den Fesseln der alten Staats- und Gesellschaftsformen. Me dieser vor allem sprengt, so auch jener, daher beide in erster Reihe negativ wirksam. Der Schutt must abgetragen werden, dann darf man erst an den Neubcm denken: vielleicht -trivial, aber wahr. Dast uns der relstsiöse Liberalismus viel Poes«, viel Innerlichkeit genommen hat, die GchomüM des MaeSWhÄW Mmü. das fögfe mmos^t lmgnsnt. mttfi jedoch den zkKttöuWett NveMÄukuA der note Tiefe schaffen will, toö laste». Tausende Juden, deren Väter auder Ovgelshnagoge flüchteten, könne» heute «tuen Gottesdienst ohne Orgel gar nicht faste». Auch der politische Liberalismus hat gar manche schonen Seiten der Zünfte und Innungen, des patriarchalischen DechäUmfles zwischen Herrn und Diener mit seinem reihenden Strom fortgeschwemmt, er wird deshalb ferne Ziele unbeirrt Wetter verfolgen und den vorläufigen horror vacui unbeachtet lasten. U nsere Jungen erwidern darauf: Wenn das so weiter acht, dann führt der Liberalismus das Judentum zur Auslösung! Der jüdisch-religiöse Liberalismus verneint es aufs entschiedenste. Aber selbst wenn das kommen müßte, der Liberalismus ginge blutenden Herzens seinen Weg werter. Ist es denn wirklich eine so große Wohltat, wenn Eltern ein lebensunfähiges Kind um jeden Preis erhalten wollen, sich zum Schmerz und der Welt zur Plage?! Ist das Judentum unfähig, sich trotz und im Liberalismus zu erhalten, dann soll es sich eben auflösen! Es sind ja schon viele Völker verschwuichen, vielleicht ist auch unsere Zeü gekommen. Besitzen wir keine Lebenskraft mehr, dann ist die Auflösung vernünftiger als das sein- und werklose Vegetieren! DaS heutige Judentum ha» darauf schon geantwortet. TS ist die ewige Eigenart geschichtlicher Bewegungen, dast sie früher oder später entweder ein neues aus sich hervorbringen, oder von den alten Zustände« wieder verdrängt werden, oder schließlich einen Kompromiß mtt neuem und altem schließen. Mag der Strom einer geschichtlichen Bewegung noch so mächtig sein, «So erfastt er ein Volk in seiner vollen Totalität. Immer sichen einige grollend abseits, die das Neue noch nicht verstehen, andere, denen das Neue nicht neu, nicht stürmisch zugreifend genug ffl. Beide Teile stehen Gewehr bei Fuß. um sich aus das Neue zu stürzen, wenn eS seine hsttorische Mission erfüllt hat und' an einem toten Punkt angelangt ist. Als der politische Liberalismus nicht nur in InternatwnÄismus. sondern auch m Weltbürgertum, in Kosmopvlitismus überzugehen anhub, stemmte sich dagegen döe ungebrochene Lebenskraft der Völker und schuf den Nationalismus. Und da der jüdisch-religiöse Liberalismus mtt der Auflösung uns zu bedrohen schien, erstand — keineswegs vom Antisemitismus allein ins Leben gerufen — der jüdische Nationalismus, der Zionismus. Wie eL sich chrsttelt, so jüdett es sich. Und wer weist, ob nicht den Nationalismus in beiden L<ü«rn. im christlichen^ wie «n jüdischen, die Neuorkhodoxie attösen wird, wenn es dieser gelingt, den Ansturm des Radikalismus — siehe bei uns die Namnamr-Bewegung —■ abzuschlagen! Die religiöse Bewegung in der christlichen Jugend, die groste Anhängerschaft Steiners scheint daraus hindeuten zu wollen. Ich wiederhole: wie es sich chvestÄt, so jüdelt es sich. Vielleicht ist die Tagung der liberalen Rabbiner Deutschlands am 5. Januar schon ein Vorzeichen dafür, dast es wieder Nacht witd und der religiöse Liberalismus seine Rolle in unserer Geschichte ausgöspkelt hat.! In die liberalen Masten ist die Rückwärtsbewegung —> wenn wir sie so nennen wollen — noch nicht gedrungen, sie zeigen in ihrem Liberalismus noch keine senilen Symptome. Ob er die Kraft haben wird, die Gegenmächte von links und rechts zu besiegen, in einem Kompromiß sich als Sieger zu behaupten, das wird die nicht allzuserm Zukunft lehren. Wir „Alten", sehr geehrter Freund, wollen uns nur verwahren gegen den Vorwurf, der aus allen Reden der Jüngere« herausklingt. dast Leichtsinn und Bequemlichkeit Wortführer waren des jüdisch-religiösen Liberalismus. Wohl bedeuten auch wir nur eine Welle. Wogenkämme ««er üiÜorttL feöfcfiteö Gfätomm, & MM Md. der-