Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 5 (5.5.1922)
- Date
- 1922-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Liberales Judentum ^LlonatssGrist für dir religiöse Erneuerung des Judentums Kerausgegebeu von der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. unter der Schristleitung von Dr. (Saefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt am 5Main Rr. s 5. Mai 1922 Inhalt r Unser« Krise, von Dr. Ziegler. Karlsbad. - Da» Wesen de» liberalen Judentum«, von Rabbiner Dr. Lewkowitz, Berlin. - Wandlungen der religiösen Grundstimmung» von Rabbiner Dr. Dienemann, Ofsendach a. M. - Die Würdigung der Bibel im christlichen Religionsunterricht, von Hermann Decker, Berlin« Unsere Krise. ' Offener Brief an Sr. Ehrw. Herrn Dr. Cäsar Seligmann. Sehr geehrter freund! Als ich den Bericht über die Sxjflima der liberalen Rabbiner Deutschlands vom 5. Januar 1922 zu Ende gelesen hatte, fühlte ich. daß der jüdisch-religiöse Liberalismus in Deutschland — in dem noch immer führenden Lande der Judenheil — einer ernsten Krise entgegengehe. Eine Krise tritt ein, wenn der Mensch sein erstrebtes Ziel nicht erreicht hat und der Zweifel an seiner Seele zu nagen beginnt, ob nicht er selbst am Mißerfolg Schuld trage; ob nicht der Weg. den er eingeschlagen, um das Erhoffte zu erlangen, ein falsch gewählter lvar. Die Tagung der liberalen Rabbiner hat nicht nur diesem Zweifel Ausdruck gegeben, sondern dem unumwundenen Bekenntnis begangener schwerer Jrrtümer. Die jungen Führer zeihen uns alte des Fehlers die Mannschaft schlecht geführt zu haben und fordern — der eine mehr, der andere weniger philosophisch verbrämt — den offenen Rückzug. Sie haben aber die Massen der liberalen Juden vorläufig wenigstens noch nicht hinter sich. Diese ahnen gar nicht, daß sie falsch geführt wurden und fühlen sich in ihrem Liberalismus sehr wohl und behaglich. Wir haben es derzeit nur mit einer Krise im Generalstab zu tun. unsere Krise ist es bis jetzt, sehr geehrter freund, nur unsere. Mehr als drei Jahrzehnte stehen Sie und ich — Sie allerdings als anerkannter Rührer, ich nur als einfacher Kärrner — im Dienste des liberalen Judentums. An der Schwelle des Alters rufen uns nun unsere Jungen entgegen: "p"tn 11 *6 „Nicht dies ist der Weg!" Ihr habt vergessen, daß unser Jrcdentum keine Weltanschauung sein will, keine Philosophie, sondern gelebtes Leben; ihr habt vergessen, daß das Judentum ein Gebilde eigener Prägung ist und nichr in einen Allerweltsrahmen hineingepreßt sein will! Euer Liberalismus kam nicht von innen heraus, vom Objekt, sondern war ein subjektiver, ein Nachgeben an die Bequemlichkeit, an die Lebensfreude, an den Materialismus der Zeit, des Alltags! Ein schwerer, harter, böser Vorwurf, er mag in Worten noch so milde klingen. Sollen wir zu diesem Vorwurf schweigen und durch unser Schweigen seine Berechtigung anerkennen? fühlen Sie nicht das Bedürfnis nach Rechtfertigung, das Bedürfnis, sich selbst Rechenschaft zu geben über ein 30jähriges Suchen und Schaffen, sich selbst die Frage vorzulegen: sind die im Recht, die dem religiösen Liberalismus im Judentum teile qu'elle als unjüdisch bte Türe weisen? Oder waren unsere Ideale dem Judentum doch kongenial, aus der Diese des Judentums ebenso hervorquellend. wie aus dem Jdeenganq der Zeit? Ich bin kein Bielschreiber mehr, sehr geehrter Freund, bin schon ein wenig zermürbt; ich schreibe nur mehr notgedrungen, wenn es unbedingt sein muß. lvenn es mich aus innen heraus dazu drängt. Als ich die Reden der jungen Führevgarde las, war mein Herz sorgen- und kummervoll. Dennoch rang ich eimge ruhigere Augenblicke meinen Sorgen ab, um mir selbst die Fragen zu beantworten, die ich eben an Sie gerichtet habe; sie bedruckten zu sehr meine jüdische Seele, mein jüdisches Sein. * * * Der jüdische Liberalismus von Abraham Geiger bis hinunter zu Cäsar Seligmann ist also unjüdisch, entspricht nicht dem Wesen des Judentums! Lassen Sie mich, sehr geehrter Freund, diese These auf ihre Richtigkeit prüfen. Das Wesen einer Religion! Zweifellos kann ein Mensch mrr dann vom Wesen, vom innersten Kern einer Religion sprechen, wenn er uüd mit ihm ein großer Teil der Bekenner dieser fraglichen Religion dieses Wesens sich schon bewußt ist. es begrifflich gleichsam vor sich hinstellen, es seiner Vernunft gleich einem Objekt gegenüberhalten kann, um so in das Innerste dieser Religion hineinblicken zu können. Also zu einer Zeit, da die Religion ihre ersten Stadien längst hinter sich hat. Auf dieser weit fortgeschrittenen Stufe decken sich — so glaube ich — Wesen und Endziel und Endzweck der Religion. Sie sind: die Richtung der Seele auf Gott, ihre Verbundenheit, ihre Vereinigung mit Gott, ihreErgriffenheitdurchGott. Alles andere ist der Weg. den die Volksseele wählt, um dies Wesen mit sich zu verschmelzen. Sitte, Brauch, Dogma, das alles sind Wege. Und alle Religionen, deren Denker und Führer von ihrem Wesen sprechen können, unterscheiden sich im Kerne, im Wesen, im Endziel gar nicht mehr von einander, nur im Weg. Der Weg aber — das wage ich zu behaupten — ist nirgends aus der Tiefe der Volksseele heraufgeholt, sondern wird jedem Volke bestimmt durch Klima, durch politische, wirtschaftliche iutJ> kulturelle Verhältnisse. Das heißt: der Weg. den jedes Volk geht, um das zu besitzen und zu erreichen, tvas der Religion wesenhaft fft, dieser Weg ist lediglich h i st o r i s ch bedingt, von der geschrchtlichen Entwickelung des Volkes diktiert. Soll ich Ihnen das.' sehr geehrter Freund, an der Hand unserer eigenen Religionsgeschichte Nachweisen? Wenn das jupge, ungestüme, vorwärtsdrängende Israel bei der Eroberung Kanaans auf alte Kulturen stößt und seiner eigenen religiösen Art die der unterjochten Völkerschaften auspfwpft: wenn in Judäa durch Zentralisation, durch den Tempel, durch Jerusalem die Priesterorganisation immer mächtiger wird, während im Nordreich alles aus den Fugen geht infolge Mangels anerkannter Zentralstellen: wenn im babvlomschen Exil durch den Einfluß der