Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 4 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 elf sich vor chm bücken (Gen. 43, B. 26), sondern auch später Jakob (Gen. 47, V. 31), wie der Gehirntraum voraussagt. In ganz anderer, aber doch anklingender Art zeigt die Stelle I. Kö. 22, V. 14 ff. die Anschauung von einer höheren Vernunft, die dem Auserwählten dauernd verliehen ist. Wenn dort Michajuben Jimla sofort in der Situation steht und Ahab Niederlage und Tod mit gleicher Ueberzeugung wie Ausführlichkeit als Wort Gottes verkündet, dann befestigt sich der Eindruck, es bestehe neben dem irdischen für ihn ein zweites Leben, von ähnlicher ständiger Klarheit erfüllt, die am ehesten der allnächtliche Traum vermitteln kann. Es finden sich verschiedene Stellen, wo ein Traum konstruierbar und sogar aus der vermerkten Wacherinnerung und dem vorher erwähnten Schlaf oder Betäubungszustand nachweisbar ist. Adams Urteil: „Dieses Mal ist es Bein von meinem Beine" (Gen. 2, B. 23) bezieht sich doch sicherlich auf ein Wachbewußtsein des voraus gegangenen Schlafes (Gen. 2, B. 21), also auf einen Traum, und ebenso muß Jehus Befehl an seinen Wagenlenker Bidkar, Jorams Leiche auf Nabots Feld zu werfen (II. Kö. 9, V. 25, 26) mit dem seltenen „emesch" auf die vorausgegangene Erzählung I. Kö. 21, B. 17 ff. bezogen werden, wonach Elia den Untergang der Omriden als Traum oder Nachtgesicht erfahren hat. Die Bibel kennt nur einen träum- und erinnerungslosen' Schlaf, den Rausch. Noas und Lots Trunkenheit (Gen. 9, B. 24; Gen. 19, V. 32 ff.) mit ihren Folgen dokumentieren diese Ansicht. Aber es gibt auch den Zustand der Trunkenheit ohne Wein, des Traumes ohne Rauschtrank, wenn Gott einen Geist der Betäubung sendet und die Augen zudrückt und selbst dem Propheten die Schau verhüllt (Jes. 29, B. 9, 16) oder versiegelt (Jes. 29, V. 11), als habe er plötzlich das Lesen verlernt. Die Träume werden in der Regel morgens wieder bewußt, und aus dieser Angabe kann geschlossen werden, daß der Gehorsam der Tat oft auf einem Traumbefehl basiert. Bei der Akeda ist der Passus mit doppelter Zeitbestimmung: „Abraham stand früh auf am Morgen" (Gen. 22, B. 3) in diesem Sinne anwendbar. Analog heißt es in der Biographie des Mohammed von Abd el, Malik ibn Hischam bei der Erzählung von Jen ersten wahren prophetschen Visionen: „Das Prophetentum fing bei Mohammed damit an, daß er wahre Erscheinungen im Traume hatte, wie die anbrechende Morgenröte und daß er die Einsamkeit über alles liebte." Mit dem letzten Satze gehen wir schon einen Schritt weiter zu der für Traum und Prophetie gemeinsamen Erscheinung, daß beide fast ausschließlich nur von einem Individuum wahrgenommen werden, daß also die Abschließung des Schlafes, die Sehnsucht nach Alleinsein und die Absicht sich zu verbergen Voraussetzungen der Offenbarung genannt werden können. So verhält es sich bei Elias Flucht und ihren Begleitumständen (I. Kö. 19, B. 6—8, 9—18). Auch innerlich sind die höheren Träume oder Gesichte mit der Prophetie verbunden. Wenn es in Secharja 4, V. 1, 2 heißt: „Und der Engel kam zurück, der mit mir geredet hatte, und weckte mich wie einen Mann, der aus seinem Schlafe geweckt wird. Er fragte mich: „Was siehst du?", dann haben wir einen Vorgang zu verzeichnen, der innerhalb des Tranmschlafes die Erweckung zu einer Weissagung bedeutet. Geträumt wird in der Bibel vom Abend bis zum Morgen, also während der ganzen Schlafenszeit. Gottes Verheißung an Abraham über die ägyptische Knechtschaft (Gen. 15, V. 12) vollzieht sich im Alptraum der Abenddämmerung, Jakobs Traumkampf, in dem der feindliche Ringer deutlich Esaus Züge tragt, wenn man den Passus heranzieht: „Denn ich habe dein Angesicht gesehen, wie man das Antlitz Gottes schaut . . (Gen. 32, B. 26 und 33, B. 10) dauert bis zur Morgenröte, wo die Geister verschwinden müssen. Bileam erwartet zweimal für die Nacht Gottes Offenbarung (Nu. 22, V. 8—13, 20) und erhält sie, nachdem er im ersten Traum zuvor hat genaue Auskunft über die Bittsteller Moabs geben müssen. So wie bestimmte Teile des Tages günstig für den Traum sind, kennt die Bibel auch umgekehrt Zeitläufte, in denen der Wahrtraum so selten ist, daß er zunächst nicht erkannt wird. Hierher gehört ganz ersichtlich Samuels Berufung (I. Sam. 3, B. 1 ff.), die uns auch wieder lehrt, wie gleichmäßig überzeugt der Träumer und seine Umwelt von der Wahrhaftigkeit solcher Uebermittelung waren. Für die Deutung oder Verwertung der Träume ist der Morgen die beste Zeit. Bei Tagesbeginn erklärt Josef den Hofbeamten im Gefängnis die Träume (Gen. 40, B. 6—22) in präziser Weise, gleich am Morgen will Pharao seinen Doppeltraum gedeutet haben (Gen. 41 V. 1—36) und hat es sehr eilig, sofort den empfohlenen Sträfling zu hören. Daß der Träumende infolge starker Beunruhigung vorzeitig erwacht und keine Ruhe mehr findet, lehrt uns der sogenannte Kapseltraum (Dan. Kap. 2), der nicht nach kurzer nächtlicher Schlafunterbrechung, sondern in späterem Kundwerden der Vision für einen Zweiten und der Fähigkeit, sie zu enträtseln, den Abschluß erhält. $ber Morgenstunde wohnt nicht nur die Gabe inne, die Deutung am nachhaltigsten zu beeinflussen, sie übt auch auf den Träumenden den Zwang aus, seinen Traum oder den ihm im Schlaf gewordenen Befehl zu verkünden. Neben den schon genannten Genesisstellen aus Josefs Leben gehören hierher die Absage Bileams an Balaks Sendboten (Nu. 22, B. 13) und sein in Segen gewandelter Fluch (Nu. Kap. 23, 24). Schließlich kann in diesem Zusammenhänge noch darauf hingewiesen werden, daß bei Nachtträumen das Problem der Farbenwahrnehmung für die Bibel positiv gelöst erscheint, denn beispielsweise heißt es bei Secharja (Kap. 1, B. 8): „Ich habe in der Nacht gesehen: es ritt ein Mann auf einem roten Roß." Nach ihrem Inhalt betrachtet, sind verschiedene Traumgruppen zu gliedern. Neben den bereits bekannten Verheißungs-, Gestirn- und Kampfträumen spielt der Berufungstraum der Propheten und Volksführer eine große Rolle. Jesajas göttliche Auserwählung (Jes. Kap. 6) zeigt sich als solcher und besonders traumecht ist hierbei, daß die glühende Kohle seinen Mund nicht verletzt, sondern die Fähigkeit, Gott zu vernehmen, hervorruft. Ebenso ist es aufzufassen, wenn Ezechiel eine Schriftrolle verzehrt, die trotz ihres traurigen Inhalts besonderen Wohlgeschmack bei ihm auslöst (Ez. 3, B. 1—3). Eine Abart stellt die Berufung Gideons dar, die am Tage durch einen Engel vorbereitet (die Aehnlichkeit mit der Verkündigung an Manoah ist bemerkenswert) durch Gottes zweimaliges nächtliches Erscheinen vollzogen wird (Ri. 6, V. 25; 7, V. 9). Das ebenfalls schon gestreifte Kapitel der symbolischen und parabolischen Deutungsträume in der Geschichte Josefs, des bevorzugten Traumweisen der heiligen Schrift, gegen den der späte Daniel qualitativ sehr zurücksteht, findet noch im Richterbuche eine Parallele. Der lauschende Gideon hört nachts, wie ein midianitischer Krieger seinem Kameraden den Traum von der rollenden und zerstörenden Brotscheibe als sein siegreiches Schwert deutet (Ri. 7, V. 13). Auch Traumreisen kennt die heilige Schrift. (Ez. Kap. 11 und 40) Ihrem Ziel Jerusalem, das ja auch beim Stifter des Islams wiederkehrt, liegen vermutlich die Ideen der Wallfahrtspflicht nach dem Zentralhelligtum, die die Tochterreligonen übernommen haben, zu Grunde. Vielleicht darf man der Traumreise auch Jonas Aufenthalt im Leibe des Riesenfisches zurechne«