Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 4 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 8 — (go. 1 B. 6 Kap. 2 Schluß), da ja das gleiche Moment der Translozierung vorliegt. Besonders zahlreich sind in der Bibel die sogenannten Königsträume, denen, weil sie sich an bevorzugte Menschen richten, besondere Bedeutung beigemessen wird. Wir finden sie bei Abimelech (Gen. 20 B. 3—7), Josef, Pharao, Salomo (I Kö. 3 V. ö fs), Daniel und Nebukadnezar. (Dan. Kap. 2 ff.) Neben diesen mehr formalen Betrachtungen soll uns das Wesen der biblischen Träume beschäftigen. Sie geben sich fast alle als nächtliche Offenbarungen Gottes oder seiner Engel (Gen. 31 B. 11) an israelitische oder heidnische Männer und einmal auch an Moses Weib Zipora (Ex. 4 V. 24), worauf der Ausdruck „bamalon" hinweist. Wichtig bei den Heidenträumen ist der klare Ausdruck der universellen Gottesidee, die auch für die Nichtisraeliten den Verkehr mit dem höchsten Wesen im Schlafzustande zuläßt, während das Wachbewußtsein ihr widerstreitet und sie zu Götzenanbetern herabsinken läßt. Das geschieht bei Abimelech (Gen. 20 V. 3—7), Laban (Gen. 31 B. 24) und Bileam (Nu. 22 V. 9). Der Traum kann aber auch das Werk eines Lügengeistes sein, wie sich aus der Verkündigung Michaju ben Jimlas (I Kö. 22 B. 22) und der Warnung des scheidenden Mose (Dt. 13 B. 2—6) ergibt. Es wird über auch für möglich gehalten Gott zu zitieren. In wie weit die Opferung und die gesamte Priesterfunktion diesem Zwecke dienen, kann hier nicht ausführlich behandelt werden. Es genügen drei Stellen, welche zeigen, daß eine reiche oder gefallende Spende Gott im Traum herbeiruft (Gen. 46 B. 1 ff; I Kö. 3 V. 4 ff. und Kap. 9 V. 2 ff.), und daß er gewisse Erscheinungsorte bevorzugt. Auch ausdrückliche Forderungen und bestimmte Zeichen bewilligt Gott, um die Traumerscheinung dem Wachenden zu beglaubigen. Gideons Verlangen, in der Tenne den Boden trocken und die Wolle naß zu sehen und dann das Wunder umzukehren wird glatt erfüllt. (Ri. 6 B. 36—40.) Neben dem üblichen Schlaf, der den Auserwählten Erscheinungen bringt und sie im Wachen festhält, finden sich auch Beispiele, die dem Propheten wohl die Erinnerung einer nächtlichen Verkündigung teilweise belassen, aber gerade das Wissenswerte verbergen und nur ahnende Unruhe und einen Erregungszustand Hervorrufen. Elisas Befehl an Gehasi, der nahenden Sunamitin entgegenzugehen (II Kö. 4 B. 25—27), drückt diese Stimmung aus. Verschiedentlich gelten die Vorstellungen der Flüchtigkeit, des Gewaltigen und Ungeheuren als traumwesentlich, denen sich die Fiktionen des Essens und Trinkens beigesellen, um den Erwachenden besonders zu enttäuschen. (Jes. 29 V. 7, 8). Im ersteren Satze stehen chalom und chason lajlah in gleicher Bedeutung. Im Hiobgedicht wird besonders anschaulich die leise verwehende Unfaßlichkeit des Schrecktraumes geschildert." Es stand etwas da, ich erkannte nicht sein Aussehen" (Hi. 4 V. 13—16), und als Vergleich für des Frevlers kurzes Glück die geringe Dauer eines Nachtgesichtes genannt. (Hi. 20 V. 8.) Wer sind nun die Auserwählten, denen die wahren Träume zu teil werden? Ein jeder kann dazu bestimmt sein, und darum gibt es auch keinen festen Unterschied zwischen dem Träumer (Gen. 37 B. 19), Deuter (Gen. 41 B. 38), Seher und Propheten. (Dt. 13 V. 2 und I Sam. 9 V. 9.) Nur Mose bildet die einzige Ausnahme. Sein Vorzug besteht im persönlichen Verkehr" peh el peh. (Nu. 12 B. 6 —8), ohne Verschleierung nähert sich ihm Gott. Die Unklarheit, unter der sich manches Traumgesicht vollzieht, muß daher den ehrlichen Propheten bisweilen zu einer nachträglichen Revision seines Urteiles, Standpunktes oder Spruches veranlassen. Dies tut Nathan (II Sam. 7 B. 4), als er die Sanktionierung eines davidischen Tempelbaues zurücknimmt. (VgU hierzu II Kö. 20 B. 4 und Jes. 38 B. 4.) Wie allgemein Prophetie und Traum miteinander verbunden wurden, zeigt Jeremias Bespöttelung der falschen Seher: „Ich habe geträumt, ich habe geträumt." (Jer. 23 B. 25.) Der Mann Gottes will Permil die lärmende Anpreisung dieser betrogenen Betrüger geißeln, welche immer wieder gläubige Gemüter fanden. Als Erfüllung einer idealen Zukunft schwebt der Schrift eine allgemeine Ausbreitung des- Wahrtraumes vor: „Eure Söhne und Töchter werden weissagen, eure Alten werden Träume haben, eure Jünglinge werden Gesichte schauen, selbst über eute Knechte und Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen." (Jo. 3 B. 1, 2.) Daß der Traum die einzige Gelegenheit prophetischen Empfangens sei, wird schließlich in Hwb (Kap. 33 V. 14, 15) behauptet: „Auf eine Weise nur offenbart sich Gott und auf eine andere nimmt ihn niemand wahr: Im Traum des Nachtgefichtes, wenn fester Schlaf die Menschen befällt, da öffnet er das Ohr des Menschen und Gesiegelt ihre Zurechtweisung." Wir finden also auch eine kritische Betrachtung deä Traumes in der Bibel. Jeremia wünscht reinliche Trennung von Traum und Prophezeiung (Jer. 23 B. 28), er unterscheidet echte und Lügenträume (Jer. 23 B. 32) und am schroffsten stellt er sich zum Traum in der Warnung: „Höret nicht auf eure Träume, die ihr träumt! (Jer. 29 V. 8.) Im Psalmbuche, Kapitel 73, Vers 20 wird der Traum ebenfalls als wertlos verworfen, und ähnlich urteilt der Prediger, Kapitel 5, Vers 2 und 6, da er ihn zumeist für hohles Geschwätz erachtet. Wenn wir im jeremianischen Sinne die gewünschte Unterscheidung formulieren, so muß man sagen: Wie für den Wachenden unter den auftauchenden Gedächtnisbildern ein Traum gewißlich als solcher bewußt wird, so zweifellos erscheint dem wahren Propheten die gewordene Verkündigung gottgegeben, so daß er sich gedrungen fühlt sie zu offenbaren. Es bleiben noch kleine Nachbar- und Grenzgebiete, die auf Halbträumen, entrückten Zuständen, Suggestion, Hypnose und Telepathie beruhen. Darunter können wir den Segen der Patriarchen und des Mose rechnen (Gen. 27 und 49, Dl. 33), Sauls zweimalige Prophetie (I. Sam. 10 V. 1—11 und 19 V. 20—24), die Erzählung von der Hexe zu Endor (I. Sam. 28 B. 6), wo Träume, Urim (sonst nur noch Ex. 28 V. 30 erwähnt) und Propheten als gleichwirksames Mittel angesehen werden, um Gott zu befragen, und schließlich Elisas Fernsehen (II Kö. 5 V. 26), der Gehasis Betrug gegen Naaman so greifbar schaut, als wär er wirklich dabei gewesen. Eine besondere Stellung zum Traum nimmt das Buch Daniel ein. Seiner Jugend im kanonischen Schrifttum entspricht eine Traumauffassung, die aus dem biblischen Rahmen herausfällt. Die dort geschilderte Fähigkeit (Da. 5 V. 12) muß schon Kunst und Geschicklichkeit genannt werden und nähert sich dem Auftreten und Wesen späterer und heutiger Deuter, Zauberer und Spiritisten. Ob es sich um Enthaltsamkeit vor der Vision handelt (Da. 10 V. 3) oder um unbemerkt bleibende, aber vorhanden Depression nach ihr (Da. 8 V. 27), der Zug des Erhabenen und Heiligen fehlt der Erzählung, und der Vergleich Daniels mit Josef, der sonst nahe läge, muß verworfen werden. Weil es für ihn keine Rätsel und Karoten gibt und er kundig in allen Gesichten und Träumen ist, entsteht für uns der peinliche Eindruck einer übertreibenden Tendenzschrift, die mit geringerer Ueberzeugung und vielem Beiwerk (Da. 9 B. 21, 8 B. 13, 10 V. 7 und 13) geschrieben ist und darum einen anderen Charakter trägt als die Bibel. Druck und Kommissionsverlag: Th. Schätzt«, Buchdruckerei und Verlagsanstalt, G.m.b. H., Breslau lll, Neue Graupenstraße 5.