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Liberales Judentum · 1922-04-07 · Heft 4 (7.4.1922) · p. Seite 6

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 4 (7.4.1922)
Date
1922-04-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— s — 8eS Wesens der Religion als psycholvgiLchen Phänomens heraus. Das Charakteristische des psychologischen Phänomens Religion ift die Energie der Gemüts- und Willensbeziehung zu übernatürlichen, für das eigene LehenSschicksal bedeutungsvollen Mächten, auf der im Christentum (!) erreichten Stufe vieUnbedingtheit dieser Gemüts- und Willensbeziehung zu einem allmächtigen Wesen, das einerseits als der letzte tragende Grund unseres Daseins empfunden wird, andererseits diesem unserem persönlichen Dasein seine letzten, höchsten Aufgaben und Ziele weist; denn aufderStufedes Christentums ist Religion und Sittlich, keil weder praktisch noch grundsätzlich von einander zu trennetu" Da die vorliegende Arbeit nicht di« Auseinandersetzung zwischen Christentum und Judentum zum Ziele hat, so verzichten wir an dieser Stelle auf eine Widerlegung der anfechtbaren Behauptungen Egers. — „Erst wenn das Kind einer bestimmten religiössittlichen Gedanken- und Stimmmlgswelt gegenüber persönlich erfahren hat, was Religion ist, kann man ihm auch einen gewissen Einblick in das religiöse Leben der außerhalb unseres Kulturkreises stehenden Menschheit zu verschaffen suchen, wird dabei ober auf der Bolksschulstufe nur sehr bescheidene Resultate erzielen. Der Zweck kann dabei nur sein, den Kindern eine getvisseGerechtigkeitundBilligkertgegenüber anderen Aeußeruugen des religiösen Lebens beizubringen, damit sie nichtmitHochmutundBerachtungaussene Neliqionsformen herabsehen. — Es entspricht aber der wissenschaftlichen Klarheit, daß man die Unmöglichkeit religiöser Neutralität auf der Stufe kindlicher Entwickelunng erkennt und daraus für die Gestaltung des Religionsunterrichts die notwendigen Folgen rieht. Diese Folgen können nur sein, daß man lediglich ‘fhtett erziehlichen Religionsunterricht (den dogmatisch gebundenen früherer Zeiten wollen wir ja auf evangelischem Boden alle nicht mehr). . . für möglich hält. Die Reichsverfassung hat also recht, wenn sie den Religionsunterricht nur in dieser Form vorsieht, natürlich dann aber auch dem Lehrer die Freiheit gibt, ob er solchen Religionsunterricht erteilen will oder nicht." Wir haben die Aeußeruugen Egers in dieser Ausführlichkeit gebracht, weil alles, was er über Ziele und Aufgaben des Religionsunterrichts sagt, auch für den jüdischen Religionsunterricht gelten kann, denn seine Grundsätze stehen — trotzdem er sie als christliche bezeichnet (was seiner Stellung nach ganz natürlich ist) —■ im Einklänge mit den Grundsätzen des Judentums. Mit seinen engherzigen Anschauungen über den religiös-sittlichen Wert des Christentums gegenüber dem Judentum versöhnt uns aber seine hohe und begeisterte Würdigung des Alten Testaments, wie wir sie leider selten von evangelischen Theologen hören. Eger würdigt das Alte Testament 1. als Urkunde für die Vorgeschichte des Christentums, 2. als wertvolle und lehrreiche Sammlung religiöser Gedanken und Motive, 3. als notwendiges Mittel zum wirklichen Verständnis des Christentums. Für Eger ist Mose, von dem er sagt: „Was rft das für eine wundervoll einzigartige Geschichtevon Mose an, mit derwir es im Alten Testament zu schaffen haben!", der Stifter der israelitischen Religion. Das Werk des Mose bezeichnet er wir folgt: 1. Nur Jahwe (!) darf als Israels Gott verehrt werden. 2. Äeser Gedanke ist dem Volke eingehämmert worden durch die Arbeit des gewaltigen Propheten Jahwes, Mose. 3. Das Band zwischen Jahwe und dem Volke ist geknüpft worden auf der Grundlage einer wunderbaren Durchhilfe, die das Volk am Roten Meere von Jahwe erlebt zu haben überzeugt war." — Nachdem er das Werk des Mose als eine der größten Leistungen der Geschichte mit Hilfe einfacher Elemente bezeichnet hat, wendet sich Eger zu einer Darstellung der Entwickelung des Nationalgottes Jahwe zu einem einzigen Universalgotte, „der Herr". Zu dieser Entwickelung haben zweierlei Umstände beigetragen: Der Untergang der jüdischen Nation und das Wirken der großen Propheten _ (Schluß folgt.) Der Daum -er Bibel. Von Rabbiner Dr. Martin Salornonski, Frankfurt a. O. „Im Schlaf und im Traume machen wir das ganze Pensum früheren Menschtrnns durch." Diese Ansicht Nietzsches (Werke, Band II, S. 27 ff.) findet in der Bibel einen wertvollen Beleg. Wer die heilige Schrift besser zu verstehen trachtet, tut gut, auch die in ihr enthaltenen Träume zu beachten. Sie geben wertvolle Hinweise zur religiösen Entwickelung und Erkenntnis vom Leben Israels und seiner Nachbarvölker. Die Funktionen der Priester, die Anschauung vom Uebersinnlichen bis zum Glauben an den universellen Gott entlleiden sich manches verhüllenden Dunkels, die Lehre vom Prinzip des Bösen, von den Geistern mtb Engeln wird uns verständlicher und vor allem zeigt sich ein Gewinn im Begreifen der Menschenpsyche und der israelitischen Prophetie. Die überwiegende Auffassung der Bibel über das Traumleben geht dahin, daß in ihm die Vernunft des Wachseins bestehe oder übertroffen werde. Auch unsere Zeit wird beides dort nicht für unmöglich halten, wo das Individuum diese schlummernde Fähigkeit der Seele durch besondere Pflege ausgebildet hat. Wir denken uns in diesem Falle um den Kern des Wachbewußtssein einen Gürtel schwebend, dessen Kreisabschnitte wellenförmig erhoben, Ekstase, Wahn, Dämmer und Vision lauten. Diesen Bogen umschließt die Zone des Schlafes mit allen Formen des Traumes und der Prophetie, aber auch der dauernden Abstellung des Geistes in den Minusquadranten. Endlich umspülen das Ganze die immer dunllereu Farben der Ohnmacht, Agonie und des Todes. Diese Sphären zugmnde legend, bei denen Reaktion und Jneinandergreifen von der Intensität ererbter oder erworbener Vorstellungen, kurz von der Disposition abhanden und durch beständige Wechselwirkung einen urteilenden Verstand auch innerhalb des Schlafes zulassen oder erzeugen, wollen wir zunächst auf die Ernsthaftigkeit der Mischen Träume in der Auffassung des Erzählers und seines Hörerkreises Hinweisen. Sie werden für wahr und echt gehalten wie jeder andere tatsächliche Vorgang des Lebens. Als Beleg hierfür sei auf Jakobs Leitertraum (Gen. 28, B. 12 ff.) und Josefs Gestirntraum (Gen. 37, B. 10, II) hingewiesen. Der Ausruf des erwachenden Stammvaters: „Wahrlich, der Ewige ist an diesem Orte und ich wußte es nicht!" (Gen. 28, B. 16) redet die Sprache unverfälschter Ueberzeugrmg, und die sich beigesellende Furcht besiegelt die Echtheit eines wirklichen Erlebnisses. Beim zweiten Beispiel beweist der Unmut des Vaters Jakob, daß er den Traum seines Sohnes für beachtenswert hält, und zur Bekräftigung dieser Auftastung fügt ja die Schrift hinzu: „sein Vater merkte sich das Wort". Im 42. Kapitel des ersten, träumereichsten Bibelbuches (V. 9) denkt Josef in Aegypten beim Wiedersehen der Brüder an diese Szene zurück, die sich nun bewahrheitet hat. Hieraus geht klar die Absicht des Verfassers hervor zu bekunden, die Jugendträume feien von Josef getreu erzählt und ernst genommen worden. In diesem Zusammenhangs darf darauf hingewiesen werden, daß der Garbentraum mit der späteren Bitte der Brüder um Brot noch auf besondere Weise verbunden ist und daß nicht nur diese

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