Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 4 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Sicher werden einige von bibelkvitischer und exegetischer Weisheit gesättigte jüdische Leser sagen: Was diese drei christlichen Gelehrten uns zu sagen haben, das ist uns längst bekannt Wozu also der Lärm? Doch abgesehen davon, das; esetwas anderes ist, von christlichen Gelehrten auf Grund ihrer eigenen Forschungen begeisterte Würdigungen der Bibel zu hören — unsere Alten nannten ein solches Ereignis in ihrer sinnigen Weise ein „Kidusch Haschern" — als von Mischen, finden wir trotzdem in diesen drei Arbeiten einige wichtige neue Gesichtspunkte. Wir wollen erstens feststellen,, was uns in di-esen drei Arbeiten so wohltuend berührt, zweitens diese Feststellungen aus den Erörterungen der drei Gelehrten erweisen. drittens prüfen, was wir davon für den jüdischen Religionsunterricht verwerten können. III. 1. Die hohe Verehrung der Bibel als Grundlage des Christentums. 2. Die Abkehr von denjenigen, welche das Schlagwort geprägt haben: Los von der Bibel. 3. Die Bekämpfung des Standpunktes, daß die Bibel ein dogmatisches Gesetzbuch übernatürlicher Herkunft sei. 4. Ernster Tadel für diejenigen, die ganze Teile der Bibel als minderwertig bezeichnen. 5. Die Notwendigkeit des geschichtlichen Verständnisses der Bibel, das nur im Religionsunterricht erreicht werden kann. 6. Vortreffliche methodische Winke für den Religionsunterricht. 7. Die Forderung, die Verfehlungen der Stammväter und anderer biblischer Helden nicht zu beschönigen. Diese miissen vielmehr im Geiste jener Zeit verstanden und erklärt werden. 8. Keine Vermischung von alttestamentlichen Erzählungen mit neutestamentlichen Sprüchen. 9. Die Weissagungen der Propheten, besonders die messianischen, dürfen nicht als Wahrsagungen behandelt werden, sondern als Aeußerungen tief innerlicher, im Vertrauen auf Gott der Erfüllung gewisser Sehnsucht nach Vollendung der Gottesgemeinschaft in ihrer zeitgeschichtlichen Bedirrgtheit gedeutet werden. Diese neun Punkte erschöpfen die Arbeit des Professors Schian. Wir teilen hier gleich einige Beweisstellen dafür aus seinen Ausführungen mit: „Die Bibel ist und bleibt die Grundlage unseres Kirchenwesens, unseres Christentums. Wer die Verbindung zwischen dem Christentum der Gegenwart und der Bibel zerschneidet, beraubt jenes seiner geschichtlichen Fundamentierung. löst es von seinem Ursprünge los. nimmt ihm seine besten Kraftquellen. — Der moderne Protestantismus leidet noch immer unter dem Erbe, das ihn: vour Altprotestantismus her zugekommen ist: unter der Auffassung der Bibel als eines dogmatischen Gesetzbuches übernatürlicher Herkunst. — Die Art, wie der Religionsunterricht die Bibel ansieht, fft für die Kinder für lange maßgebend, sie wirkt in den Erwachsenen nach. Darum ist es von ungeheurer Wichtigkeit, daß er den Grund zum geschichtlichen Berständnnis der Bibel lege.- Werden einem Mann« des Alten Bundes christliche Eigenschaften beigelegt, so wird dem Kinde die Möglichkeit genommen, zu unterscheiden. Vor Jahrzehnten erlebte ich es, daß ein junger Lehrer bei der Geschichte von Isaaks Opferung die Frage stellte: Mit welchem Liede tröstete sich Abraham, als er Isaak opfern sollte? Die Antwort sollte lauten: „Mit dem Liede „Befiehl du deine Wege". Abraham und Paul Gerhards Lied! — Die Kinder sollen nicht in die Lage kommen, später einmal zu entdecken, das; der Erzvater Jakob' ein Betrüger war.-Auch Bibelsprüche, die gebraucht werden, können geschichtlich eingeordnet werden. Nie soll ein Spruch ganz zeitlos benutzt werden. Stets mutz festgestellt werden, woher er kommt, wer ihn geprägt hat. welchen ursprünglichen Sinn er hat. -Aus der Oberstufe .... besteht doch die Möglichkeit, von den Geschichten zur Geschichte überzugehen. — Die Kinder können allmählich eine Ahnung davon bekommen, wie sich Israels Religion aus primitiven Anfängen heraus entwickelt hat. Dabeii st sorgfältig darauf zu halten, das; nicht eine Geringschätzung des Alten Testamentes Platz greise. Der Sinn sürdie Schönheit, Tiefe und Kraft der alttestamentlichen Religion ist zu wecken. — Der Höhepunkt des israelitischen Prophetisnrus muß auch als solcher erscheinen. Davon sind die Niederungen, auch die Verirrungen, deutlich a b z u heben.-Der Anfang des Religionsunterrichtes auf der Oberstufe wird namentlich dann von Wert sein, wenn der gesamte bibtisckie Unterricht auch da, wo diese Fragen (die kritische Zusammenfassung und Entstehung der biblischen Bücher) nicht besonders behandelt werden, getragen wird von wirklich geschichtlichem Geist. -Der Unterricht mus; erkennen lassen, das; geschicht> liches Werden und ewiger Wert keine Gegensätze sind. Gelingt es ihm, das den Kindern deutlich zu machen, dann ist alles gewonnen. Ewigkeit in der Zeit! Ewigkest durch zeitliche Formen!"- Es ist natürlich, das; ein Professor der evangelischen Theologie das Alte Testament nur als eine Vorstufe des Neuen würdigt, und ferner, das; er die messianischen Verheißungen stets auf Christus bezieht. Allein wir erkennen aus den angeführten Proben, in welcher vornehmen Weise das geschieht. Wir müssen die Objektivität seines Urteils über die Helden und die Propheten unserer Bibel anerkennen. ebenso seine bibelkritischen Bemerkungen, die wir ebenso wie seine methodischen Vorschläge für den Religionsunterricht ohne Gewissensbedenken unterschreiben können. IV. Ist Professor Schian für das geschichtliche Verständnis des Alten und des Neuen Testamentes eingetreten, so hat Professor Eger — trotz seines Namens gleichfalls evangelischer Theologe — nur die Würdigung des Alten Testamentes, zum Gegenstände seines Vortrages gemacht. Nach einer Darlegung der sich widersprechenden Urteile zweier hervorragender evangelischer Pädagogen über die Stellung des Alten Testamentes im evangelischen Religionsunterricht. entwickelt Eger seine Grundsätze über Zweck und Aufgabe des Religionsunterrichtes — nicht nur des evangelischen — in der Volksschule. Zwei Ansichten darüber stehen sich entgegen. Die eine fordert einen erziehlichen Religionsunterricht, die andere einen religionsgeschichtlichen, der den Kindern einen (der kindlichen Entwickelungsstufe entsprechenden) Einblick in die religiösen Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen, die sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte herangebildet haben, gewähren, ohne sie doch für einen bestimmten religiösen Gedanken- und Stimmnngskreis absichtlich in Anspruch zu nehmen." — Die Schule hat kein Recht, hier ihrerseits einen bestimmenden Einfluß zu üben, wenn sie ihrem Wesen als allen Kindern des Volkes zugängliche Staatsschule entsprechen will." Diese Forderung entspricht der Forderung Fichtes in seinen „R^>en an die deutsche Nation". 1808. (Vergleiche meine Arbeit: „Zurück zu Fichte!") Eger wendet sich energisch gegen diese Aufgabe des Religionsunterrichtes. Er sagt: „Der Vorschlag wächst aus einer vollständigen Verkennung