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Liberales Judentum · 1922-04-07 · Heft 4 (7.4.1922) · p. Seite 4

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 4 (7.4.1922)
Date
1922-04-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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-7 4 Subsistenzmittel diese Treppe hinan. „Ich kann Ihnen nicht genug danken", sagte der Großherzog und hielt lange meine Hand, und auch die Großherzogin dankte herzlich". Später schreibt er von der Abschiedsaudienz bei dem Großherzogspaar: „Beide sprachen mir ihre Dankbarkeit aus, was ich ihnen hier gewesen und was ich ihnen hoffentlich noch sein werde". Wie ein Schmerzensruf klingt es jedoch an der Jahreswende: „Das Jahrzehnt, das so groß begonnen, geht zu Ende, und nun? Die gemeinen Interessen sind aufeinander gehetzt, und eine Judenhetze ist oben darauf!" Im Frühlinge klagt er, daß in den Freiesten ein Hochmut und Widerwille gegen die Juden herrsche, der nur auf die Gelegenheit warte, zu Tage zu treten, gibt jedoch kurz darauf seiner Freude lebhaft Ausdruck, daß Scherer, Mommsen und Virchow warmherzig für die Juden eintreten. Die Ausdehnung der antisemitischen Bewegung in Berlin steigert seine Erregung; die Kundgebung der Kaiserin betrachtet er als „gute Zuversicht für die Zukunft". Im Frühlinge 1881 hatte er jene denkwürdige Audienz bei der Kaiserin Augusta und der Großherzogin von Baden, die seine letzte sein sollte. Er schreibt von dieser: „Ich legte dar wie tief ich im Gemüte gestört sei durch die Judenhetzen. Es ist kein Geringes, daß man sich sagen lassen muß, man gehöre nicht zu den Deutschen und sei ohne Vaterland. Das muß ich noch erleben, der ich 46 Jahre nach bester Kraft für das deutsche Volk arbeite und im Patriotismus uns niemand nachstehe." Beruhigend hatte die Großherzogin gesagt: „Glauben Sie, diese häßliche Sache ist nur in Berlin, und die Kaiserin hinzugefügt: „und auch hier nur vorübergehend." Immer hinfälliger wurde sein Körper, immer müder sein Geist. Noch war es ihm vergönnt die geliebte Heimat zu schauen, er fühlte, es sei ein Abschied fürs Leben. Die Gräber auf dem stillen Gottesacker zu Nordstetten, auf dem er dereinst begraben sein wollte, schienen ihm zuzuflüstern „Warte nur, balde ruhest auch du!" In Canstatt erkrankte er an einer schweren Lungenentzündung. Das Ende des Jahres fand ihn in Begleitung seiner Aochter Ottilie in Cannes, die Sonne des Südens erwies sich jedoch als machtlos. Noch flogen einige kurze Briefblätter an den Freund, und ein Besuch von Lazarus, der in Nizza weilte, bedeutete seine letzte gute Stunde auf Erden. Und der treue Weggenosse rief dem toten Freunde seinen Abschiedsgruß zu*) ehe dessen Leiche, seinem letzten Willen gemäß, in die schwäbische Heimat überführt wurde. Dort fand am 15. Februar 1832 eine Trauerfeier statt, wie sie selten einem deutschen Schriftsteller bereitet worden ist. Badische und württembergische Minister — Moritz Ellstätter — waren von ihren Landesfürsten entsandt worden und legten in deren Aufträge Ehrenkränze auf dessen Hügel, Professor von Köstlin überbrachte einen Kranz der Tübingener Universität „wer zählt sie alle, nennt die Namen" der Helden des Geistes, die ebenso wie Hunderte von Dorfbewohnern andächtig der wundervoll erhebenden und trostvollen Gedenkrede lauschten, die der damalige Bezirksrabbiner von Mühringen, Dr. M. Silberstein**), hielt und in der er dem unvergeßlichen Verklärten den Dank der deutschen Nation, den Dank seiner Glaubensgemeinschaft darbrachte. Kein Geringerer als Friedrich Theodor Bischer, der Verfasser von „Auch Einer" rief dem Jugendfreunde hierauf einen Scheidegruß zu. Die deutsche Nation, die deutsche Judenheit empfand damals einmütig: „Denn er war unser! Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltsam übertönen!" Aller Orten wurden zum ehrenden Gedächtnis *) In der „Gegenwart" stiller Zeit al gedruckt. **) Später in Wiesbaden« gest. 11)io. des großen Toten Trauerfeierlichkeiten veranstaltet und am 23. Mai 1909 wurde ihm in den Kuranlagen von Canstatt ein Denkmal errichtet, das seine zahlreichen noch unter den Lebenden weilenden Freunde gestiftet haben, Berthold Auerbach ist uns nicht gestorben, er lebt fort in seinen Werken, die in einer wohlfeilen Volksausgabe im Cottaschen Verlage erschienen sind. Möchte die deutsche Judenheil unserer Tage sich der Ehrenpflicht bewußt werden, Berthold Auerbachs Andenken für alle Zeiten hoch zu halten und seinen Werken in ihren Häusern die wohlverdiente Stätte zu bereiten! — Die Würdigung der Bibel im christlichen Religionsunterricht. Von Hermann Bell er, Bcrlm I. Nicht nur für Rabbiner und Lehrer, sondern für alle unsere Glaubensgenossen wird es von hohem Interesse sein, zu ersahren, welche hohe Stellung die führenden Methodiker des christlichen Religionsunterrichtes, die zugleich hoch angesehene Professoren der evangelischen Theologie sind, dem sogenannten alten Testamente im christlichen Religionsunterrichte einräumen. Die Zahl der Fachgelehrten dieser Richtung, auch derjenigen, die auf streng kirchlichem Boden stehen, wächst trotz des Wotan- Kultus der alldeutschen Antisemiten und ihrer Beschimpfungen der Bibel zusehends. Neben Strack, Gunkel, König. Rade. Harnaü, treten nunmehr Professor Schian in Gießen, Professor Eger und Professor v. Dobfchütz, letztere beide in Halle, als begeisterte Verehrer und Lobredner der Bibel (des alten Testaments) vor die Bekenner der evangelischen Religion und — was ganz besonders in der Gegenwart erfreulich ist — vor die christliche Lebrerwelt. In der wissenschaftlichen Beilage der „Preußischen Lehrerzeitung", die allmonatlich unter dem Titel „Erziehung und Bildung" erscheint. Ausgabe vom Dezember 1920, veröffentlichen die drei oben genannten Gelehrten drei gründliche, streng wissenschaftliche, dabei aber allgemein verständliche Arbeiten, welche wohl geeignet erscheinen, in das Dunkel der antisemitischen Beschimpfungen der Bibel grell hineinzuleuchten und die vergifteten Seelen eines großen Teiles der christlichen Lehrerschaft, insbesondere der Religionslehrer, von ihrem Irrwahn zu heilen. Die „Preußische Lehrerzeitung" ist das Organ des etwa 120 000 Mitglieder zählenden Preußischen Lehrervereins. Sie ist von dem bekannten freisinnigen Schulmann Klausnitzer im Jahre 1874 begründet, und ist eine der bestgeleiteten und gelesensten Lehrerzeitungen nicht nur in Preußen, sondern im ganzen Deutschen Reiche. Um so nachhaltiger wird die Wirkung dieser drei Arbeiten in der deutschen Lehrerschaft sein. Me erste Arbeit führt den Titel „Das geschichtliche Verständnis der Bibel und der Religionsunterricht", von Professor Schian in Gießen. Die zweite „Das alte Testament im Religionsunterricht", Vortrag von Professor Eger in Halle, die dritte „Das neue Testament als Geschichtsquelle", von Geh. Konsuls rialrat Professor Dr. Ernst v. Dobschütz in Halle. Bon diesen drei Arbeiten ist die zweite die bedeutendste, sie hat für uns das meiste Interesse. Allein, auch die anderen Arbeiten sollte jeder gebildete Jude, vor allem jeder jüdische Religionslehrer lesen, er würde in diesen trüben Zeiten, die ringsum nur Haß und Feindschaft erschauen lassen, reichen Trost, aber auch wertvolle Anregungen, auch von christlicher Seite, finden. Das wollen wir im folgenden Nachweisen

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